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NS-Vergangenheit

Gebürtige Prenzlauerin schaut bei Nazi-Symbolen nicht weg

Prenzlau / Lesedauer: 5 min

Hakenkreuze an Bushaltestellen: Die gebürtige Prenzlauerin Sarah Grandke, die in einer KZ-Gedenkstätte arbeitet, sieht Entwicklungen mit Sorgen.
Veröffentlicht:06.07.2020, 15:17
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Seit meiner Schulzeit interessiere ich mich für Geschichte. Was genau mich daran so fesselte und warum gerade die NS-Zeit, frage ich mich teilweise bis heute. Die Uckermark habe ich sehr bewusst mit meinem Schulabschluss 2008 verlassen. Ich wollte so weit wie möglich weg. Nicht, weil ich die Uckermark nicht mochte, sondern weil ich die Welt entdecken wollte und will. Oft erscheint mir die Uckermark zu klein, zu eng.

Ja, es stimmt: Die Uckermark ist schon lange nicht mehr mein Zuhause. Schon lange kenne ich nicht mehr die dort dortigen Probleme und Einstellungen, wie ich es einmal tat. Als rastloser Mensch meine ich mich überall zu Hause zu fühlen, versuche mich immer wieder gern in Neuem, dennoch oder gerade deswegen, fühle ich mich mit dem nordöstlichen Zipfel Brandenburgs, der Uckermark, dem Amt Gramzow und Hohengüstow weiterhin verbunden. Und gerade deswegen lassen mich manche Themen nicht los. Vor wenigen Wochen war ich in Prenzlau unterwegs, fuhr einmal wieder mit dem Bus von Prenzlau in Richtung Schwedt. Meine alte Schulbusstrecke. Gleich in zwei Bushaltestellen entdeckte ich eingekratzte Hakenkreuze. Davon eines am Schafsgrund so groß, dass ich es aus dem Bus heraus ohne weiteres sehen konnte. Normal? Nur Dummheiten einiger Jugendlicher? Nun, mich hat das getroffen.

Ehemaliges KZ Außenlager

Wäre ich im gleichen Bus einfach weiter in Richtung Schwedt sitzen geblieben, wäre ich durch Zichow gefahren. Direkt an der Straße steht noch immer ein altes Backsteingebäude, ein Stallgebäude, das zum ehemaligen Gutshofgelände gehörte. Durch Zufall habe ich vor nun bereits einigen Jahren während meines Studiums in München in der Bibliothek gesessen und mich mit dem Außenlagersystem von Ravensbrück beschäftigt. Im Inhaltsverzeichnis entdeckte ich „Zichow“. „Hä? Kann nicht sein“, schoss mir durch den Kopf.

Ich habe mich immer für Geschichte interessiert und Zichow ist keine zehn Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Ich las die wenigen Seiten dazu und erfuhr, dass das Außenlager im Juli 1944 auf Anfrage des Gutsbesitzers von Armin eingerichtet wurde. Insgesamt circa 100 Frauen, vornehmlich als Deutsche und Polen registrierte Gefangene, wurden nach Zichow für landwirtschaftliche Arbeiten gebracht. Schlafen mussten sie in dem Stallgebäude, das noch heute zu sehen ist, wenn man mit dem Bus von Prenzlau über Gramzow nach Schwedt fährt. Vor einigen Jahren war sogar noch etwas Stacheldraht vor den Fenstern. Der Originale? Weiß ich nicht. Die gefangenen Frauen mussten nicht nur auf den Feldern in Zichow arbeiten, sondern waren auch in Kleinow und Falkenwalde sowie in der Randow eingesetzt.

Zwangsarbeiter unübersehbar

Die einheimische Bevölkerung konnte die KZ-Häftlingsfrauen, wie auch die tausenden zivilen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen auf den Bauernhöfen der Umgebung nicht übersehen. Sie lebten in deren Haushalten. Gesprochen wurde vor allem über das KZ-Außenlager Zichow jedoch anscheinend weder nach 1945 noch nach 1989/90.

Auch als Geschichtsinteressierte hatte ich davon Ende der 1990er und 2000er Jahre nichts erfahren. In meinem Heimatort Hohengüstow wurde 1942 oder 1943 ein polnischer Zwangsarbeiter am Dorfsee öffentlich erhängt, da ihm und einer Hohengüstowerin eine Beziehung unterstellt worden war. Mag sein, dass es stimmte. Männer aus dem östlichen Europa wurden für solche „Vergehen“ während der NS-Zeit mit dem Tode bestraft. Die 19-jährige Frau kam nach der Geburt der Tochter ins KZ Ravensbrück. Sie überlebte, verließ jedoch wohl das Dorf. Auf dem Friedhof in Hohengüstow gibt es eine Gedenktafel für deutsche Soldaten, erst vor ein paar Jahren erneuert. Was ist mit dem polnischen Zwangsarbeiter? Wer weiß heute darüber etwas? „Mein Gott, das ist über 75 Jahre her! Wen interessiert’s?!“

Vergangenheit unausweichlich

Mich. Und ich hoffe (weiß?), auch andere. So entstand in mir die Idee für diesen Artikel.

Allein wenn man die kurze Strecke mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Prenzlau nach Schwedt fährt, passiert man Stellen, die unmittelbar mit der NS-Zeit verbunden sind. Natürlich, ich bin auch an Stellen vorbeigefahren, die mit der DDR zu tun haben. Davon ist hier jetzt aber nicht die Rede. Es ging mir um die Vergangenheit vor der Vergangenheit. Und da gibt es noch einiges. Nicht um von Schuld zu sprechen, sondern um zu wissen, wo ich herkomme, was bei mir vor der Haustür passiert ist und auch, um – zumindest gedanklich – Erinnerungszeichen zu setzen.

NS-Symbole in der Heimat unerträglich

Eingestiegen bin ich an der Baustraße, im Juni 2020, an einer Bushaltestelle, wo Hakenkreuze eingeritzt waren und ich mich fragte, wie ich damit umgehen soll(te). Wegschauen geht nicht. Solange ich Hakenkreuze in der Uckermark, in meiner Heimat, sehe, fasst mich das an. Noch viel mehr, wenn ich das Gefühl habe, dass die Uckermark sich von dem entfernt, was mir wichtig ist und ein braun-blauer Protesthaufen meint, die Stimme der Uckermark zu sein.

Schön ist dieses Gefühl nicht. Wegen der Hakenkreuze habe ich der UVG sowie auch der Stadt Prenzlau eine E-Mail geschickt. Eine Antwort habe ich erst auf Rückfrage zwei Wochen später erhalten. Mittlerweile sind die Hakenkreuze entfernt.