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Kindeswohlgefährdung

„Kinder wollen einfach nur, dass es aufhört“

Prenzlau/Templin / Lesedauer: 6 min

Die Anzahl bestätigter Fälle von Kindeswohlgefährdung steigt sprunghaft an. Ein Interview zu diesem  brisanten Thema.
Veröffentlicht:23.07.2023, 12:29

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Gab es im Jahr 2018 im Landkreis Uckermark 169 bestätigte Fälle von Kindeswohlgefährdung, stieg diese Zahl im Jahr 2021 auf 271 an. Eine besorgniserregende Entwicklung. Heiko Schulze vom Uckermark Kurier sprach darüber mit Jugendamtsleiter Stefan Krüger und Kinderschutz–Koordinatorin Alke Stock (beide Landkreis Uckermark).

Wenn wir von Kindeswohlgefährdung sprechen, welche Arten der Gefährdung sind damit gemeint?

A. Stock: Es sind vier Szenarien: Misshandlung - sowohl physisch als auch psychisch, Vernachlässigung - von der Hygiene bis zur emotionalen Vernachlässigung, Missbrauch in Form sexualisierter Gewalt und häusliche Gewalt.

Sind davon bestimmte Familien oder Milieus besonders betroffen?

S. Krüger: Grundsätzlich ziehen sich die uns bekannten Fälle durch alle sozialen Schichten, von arbeitslosen Alleinerziehenden bis hin zu gut situierten Akademiker–Familien. Das unterschiedliche Bildungsniveau - gerade in unserem Landkreis - ist dennoch eine zusätzliche Herausforderung. Wir haben in der Uckermark ein hohes Maß an sozialer Verwahrlosung.

Es ist dabei nicht so, dass immer vorsätzlich böse gehandelt wird. Mitunter ist die betroffene Familie auch unverschuldet in die Situation hineingeraten.

A. Stock: Dabei gibt es bestimmte Risikofaktoren. Betroffen sind häufig Familienkonstellationen, in denen die Eltern sehr jung sind, Alleinerziehende sich überfordert fühlen oder persönliche Umstände, wie eine Sucht- oder eine Krebserkrankung, eine Rolle spielen.

Wenig Geld kann auch eine Gefährdung begünstigen. Doch andersherum können Familien mit viel Geld Defizite besser kaschieren, beispielsweise eine emotionale Verwahrlosung ihrer Kinder.

Wie erhalten Sie von Verdachtsfällen einer Kindeswohlgefährdung Kenntnis?

S. Krüger: Mit Kitas, Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen gibt es Kooperationen, die ein Meldeverfahren beinhalten. Die dortigen Mitarbeiter sind sensibilisiert und suchen bei Auffälligkeiten zunächst das Gespräch mit den Eltern. Kann eine Kindeswohlgefährdung dennoch nicht abgewendet werden, schreiten wir ein.

A. Stock: Viele Hinweise erhalten wir direkt von besorgten Nachbarn, Freunden oder Passanten, die zufällig Zeugen von Vorfällen geworden sind. Früher häufig anonym auf Zettelchen im Briefkasten, heute per Mail.

Sind diese Hinweise oder Verdächtigungen vom Jugendamt gewollt?

A. Stock: Diese Sensibilität von Nachbarn, des Umfeldes ist entscheidend, um den Kindern überhaupt helfen zu können. So erhalten alle Hinweisgeber von mir zunächst einen Dank, dass sie sich um ein Kind sorgten. Die Fälle passieren überwiegend im familiären Bereich, in einem Umfeld, in dem das Kind in starken Abhängigkeiten steht. Es möchte, dass es aufhört, nicht, dass der Mensch, der das tut, weg ist. Da braucht es unbedingt die Hilfe von Außen.

Sollte man als zufälliger Beobachter, beispielsweise von Ausrastern Erwachsener gegenüber ihren Kindern, einschreiten, oder verschärft diese die Situation für das Kind, sobald es wieder allein mit der Mutter oder dem Vater ist?

A. Stock: Wenn Außenstehende den Menschen, der das Kind beispielsweise schlägt, stoppen, diesen in seine Schranken verweisen, hat das nachhaltigen Eindruck auf das Kind. Es wird eher die Kraft finden, sich Hilfe zu holen, sich Großeltern oder einer Freundin anzuvertrauen und überhaupt später einmal Vertrauen zu anderen Erwachsenen aufzubauen.

Wenn Kinder einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt sind, dann ist die Polizei oder die Feuerwehr hinzuzuziehen. Wenn Kinder zum Beispiel verletzt wurden oder eine Situation sichtbar außer Kontrolle gerät, ein Kind unbeaufsichtigt auf einem Balkon klettert ...

Welche Rolle spielen Kindeswohlgefährdungen in Familien mit Migrationshintergrund?

S. Krüger: Keine besonders auffällige. Wenn es bei Menschen aus anderen Kulturkreisen mitunter etwas lauter und lebhafter zugeht, hängt das oft mit Temperament zusammen, nicht mit einer Kindeswohlgefährdung. Es ist eher so, dass dort gefestigtere Familienverhältnisse anzutreffen sind, die sich über mehrere Generationen erstrecken.

A. Stock: Was umso erstaunlicher ist, wenn man sich die traumatischen Erlebnisse wie Krieg oder Flucht vor Augen führt, die die Kinder und ihre Familien durchlebten.

S. Krüger: Sorgen macht uns aktuell eher die Verdrängung von Familien mit mehreren Kindern aus Berlin, die aufgrund fehlenden Wohnraums oder steigender Mieten nicht selten in ein marodes Haus auf dem Lande ziehen und sich in eine Situation bringen, die sie erneut überfordert.

Ein großes Problem ist das Dunkelfeld der Gefährdung von Kindern, die durch eine körperliche oder geistige Behinderung so gut wie gar nicht in der Lage sind, sich aktiv Schutz zu suchen.

Welche Anteil haben an dem Anstieg der Fälle an Kindeswohlgefährdung die strengen Quarantäne– und Kontaktauflagen in den Corona–Jahren?

S. Krüger: Eine spürbare. Ohnehin fragile Familienstrukturen sind in dieser Zeit einmal mehr ins Wanken geraten. Die Möglichkeit, sich mit Freunden, Nachbarn auszutauschen, blieben stark eingeschränkt.

A. Stock: Hatte ein Jugendlicher Schwierigkeiten mit der Stiefmutter oder dem Stiefvater, war es für ihn gut, beispielsweise in einer Ganztagsschule, einen anderen Ort im Alltag zu haben. Diese Möglichkeit war in den Corona–Monaten nicht gegeben. Schwelende Konflikte gerieten aufgrund der Belastungszustände schneller außer „Rand und Band“.

Wie kann das Jugendamt in diese Fällen helfen?

A. Stock: Von den circa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes arbeiten 30 im sozialen Dienst. Wir können den Eltern Hilfe zur Erziehung anbieten. Neben einer Beratung und einem Erziehungsbeistand haben wir auch die Möglichkeiten einer ambulanten Unterstützung, aber auch einer teilstationären Unterbringung beziehungsweise Unterbringung in einer Wohngruppe.

S. Krüger: Unser vorrangiges Ziel ist es, den Kindern und den Eltern in und aus der jeweiligen Situation zu helfen. Im Kern geht es also darum, das Recht der Eltern auf Erziehung zu stärken, in dem wir sie unterstützen, die dafür notwendigen Kompetenzen zu entwickeln.

A. Stock: Die Gefährdung ihres Kindes abzuwenden, dafür braucht es als Voraussetzung das Können und den Willen der Eltern. Nur beides zusammen führt zum Erfolg. Dafür sind wir die richtigen Ansprechpartner.

S. Krüger: Das Jugendamt ist nicht dazu da, „‚Kinder weg zu nehmen‘. Wir wollen Eltern, Bezugspersonen befähigen, ihren Kindern gerecht zu werden. Der Schutz und die Unversehrtheit der Kinder stehen dabei an oberster Stelle. Erst, wenn dieses im konkreten Fall nicht gewährleistet ist, liegt die Entscheidung letztendlich beim Familiengericht. Zur Abwehr unmittelbarer Gefahren kann unser Amt Mädchen und Jungen maximal für 72 Stunden in Obhut nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.