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Schafhaltung in der Uckermark

Mit der Nacht kommt die Angst um die Schafe

Fergitz / Lesedauer: 4 min

Hilflos muss ein Schäfer erleben, dass Tiere seiner Herde gerissen und verletzt werden. Er vermutet einen Wolf als Räuber und findet keinen Schlaf.
Veröffentlicht:31.03.2022, 19:33

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Seit einer Woche ist das Leben von Schäfermeister Sven Holland aus Gerswalde nicht mehr, wie es war. Seit 25 Jahren lebe er von seinen Schafen, mit ihnen und für sie, sagt er. Nach einer Nacht und einem grauenvollen Anblick am nächsten Morgen sieht er deren und seine Existenz bedroht: Fünf tote Schafe, gerissen, acht Schafe zum Teil schwer verletzt, „abgeschlachtet, angefressen“. Bei einem fehlt eine halbe Keule, dem anderen wurde die Schwanzwurzel zerfetzt, einem dritten der Bauch aufgerissen. Völlig sinnlos. Nur an einem Schaf habe der Räuber tatsächlich seinen Hunger gestillt. Der Rissgutachter sei schon da gewesen. Er habe die „Sachschäden“ dokumentiert, genauestens vermessen, auch die vier Zentimeter Rissabstand zwischen Eckzahn und Eckzahn des Angreifers und Trittsiegel, Losung und Speichelproben eingesammelt.

Der Gutachter habe keinesfalls ausgeschlossen, dass der Räuber ein Wolf gewesen sein könnte. „Doch das muss jetzt alles im Labor genetisch nachgewiesen werden, bevor wir entschädigt werden. Da können Wochen und Monate vergehen“, sagt Sven Holland. Er hat wenig Hoffnung, dass das den Schaden wettmacht. Wie war er stolz, als er vor sieben Jahren die Herde seines Vaters übernehmen durfte, die Nachfrage nach seinem Lammfleisch so gestiegen war, dass er vor einem Jahr sogar eine Schäferin einstellen konnte. Die 23-Jährige hatte das letzte Lehrjahr bei ihm absolviert. Von bundesweit 20 Lehrlingen ihrer Schäferklasse machten am Ende nur zwölf den Abschluss. „Die Schafe und meine Arbeit in der Natur geben mir innere Ruhe“, sagt Aimée Schumann. Ihr Blick schweift über das hügelige Feld zwischen Potzlow und Fergitz bis zum Oberuckersee. Eine stille, friedliche Landschaft. Bis jetzt. „Eine Idylle“, schwärmen auch viele Urlauber, freuen sich über die 580 Tiere zählende Herde. „Doch hat das noch Zukunft, was kommt noch?“, fragt sich Sven Holland entsetzt. Seit sechs Tagen ist er nachts auf „Beipenne“. Seither schläft der 44-Jährige am Pferch und kommt kaum zur Ruhe, schreckt wie seine Schafe bei jedem Geräusch, jedem Bimmeln der Glocken hoch. Und es bimmelt oft. „Die Tiere, von den 580 sind 460 hochtragend im vierten von fünf Monaten Trächtigkeit, sind unruhig, teils panisch nach dem Erlebnis“, berichtet er. „Und auch ich stehe nachts und zittere vor Angst und Hilflosigkeit.“ Denn selbst wenn er den vermuteten Räuber sichten und identifizieren würde: Der Wolf ist ein geschütztes Tier. Schießen dürfte er nicht.

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Sein Berufskollege Thomas Müller, der eine Herde mit 1000 Schafen bei Schapow auf die Weiden treibt, findet, es sei Zeit, im Umgang mit dem Wolf neue Wege zu gehen. Im Land Brandenburg sind im Wolfsjahr 2020/2021 schon 49 Rudel, 57 Wolfsterritorien und 173 Welpen nachgewiesen worden. 2021 wurden insgesamt 377 Rissvorfälle registriert, bei denen als Verursacher ein Wolf nachgewiesen oder zumindest nicht ausgeschlossen werden konnte. Allein 853 Schafe waren betroffen, ist auf den Webseiten des Landesamtes für Umwelt nachzulesen. Die Nachrichten von Berufskollegen über gerissene Schafe häuften sich, sagt Müller. Was Land und Bund an Wolfsmanagement aufböten, nutze den Schäfern wenig. „Um es klar zu sagen, wir haben nichts gegen den Wolf, aber er muss seine Grenzen kennen“, so Müller. Bei Nutzviehherden oder an bewohnten Orten habe der Räuber nichts zu suchen. Momentan lerne der Wolf jedoch: „Der Mensch ist unser größter Freund“, so Müller. Auf Kosten der Tierhalter. Die Schafe weiden nicht nur auf Ackerflächen und hinterlassen Dung, sondern halten auch Trocken- und Magerrasen kurz, sorgen als Landschaftspfleger dafür, dass andere geschützte seltene Arten wie der Wiedehopf noch Brutgebiete finden. Lämmer sind das Brot der Schäfer, Zuchttiere der Garant, auch künftig noch Lämmer verkaufen zu können. Der 90 Zentimeter-Zaun mit Strom schrecke zwar etwas ab, aber auch 1,20 Meter könnte der Wolf überspringen. „Doch wenn der Räuber die Schafe aufschreckt, dann brechen die Weidetiere vor Angst aus und sind leichte Beute“, so Holland.

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Herdenschutzhunde halten Müller und Holland für praxisfern. „Dafür haben wir zu viele Wanderer hier. Die Herde bräuchte lange Eingewöhnung und Pyrenäenhunde verbellen nur“, sagt Holland. Gerissene Tiere können keine Lämmer mehr zur Welt bringen. Muttertiere, die später ihre Lämmer verlieren, würden nicht entschädigt. Nur die Kosten laufen weiter. Das könne sich auf Dauer kein Schäfer leisten. Das Aus für einen alten Beruf und den Landschaftspfleger Schaf sei programmiert, wenn dem Wolf nicht Grenzen gezogen würden.