StartseiteRegionalUckermarkProduktion im Eiskremwerk Prenzlau endgültig eingestellt

Nach 30 Jahren

Produktion im Eiskremwerk Prenzlau endgültig eingestellt

Prenzlau / Lesedauer: 7 min

Die Mitarbeiter in Prenzlau erlebten ihren letzten Produktionstag. Derzeit werden die Maschinen demontiert und nach Everswinkel (NRW) gebracht.
Veröffentlicht:05.10.2023, 18:07

Artikel teilen:

Viel zu leise, nahezu sang- und klanglos in der öffentlichen Wahrnehmung, hat ein Prenzlauer Unternehmen zum 31. August seinen Betrieb eingestellt, dessen 30-jährige Geschichte doch so eng mit der Kreisstadt und ihren Einwohnern verbunden ist: Die DMK Ice Cream hat die Produktion im Prenzlauer Eiskremwerk vier Monate früher als ursprünglich geplant eingestellt. Derzeit werden Anlagen demontiert, unter anderem nach Everswinkel im Bundesland Nordrhein-Westfalen gebracht. Betroffen von der Werkschließung sind insgesamt circa 80 Fest- und eine große Anzahl Saisonarbeitskräfte. Einige von ihnen konnten eine Weiterbeschäftigung in der nach wie vor am Standort produzierenden Uckermärker Milch GmbH finden, andere bei „Birkenstock“ im benachbarten Pasewalk. Eine Auffanggesellschaft soll gegründet werden.

Kaum Aufsehen erregt

Dass der Abschied vom Prenzlauer Eiskremwerk in der Brüssower Allee für so wenig Aufsehen bei den Bürgern und in der Politik sorgte, kann sich Hartmut Grießing, der von 1992 bis 2009 das Werk leitete, nur damit erklären, dass für viele Prenzlauer das Eiskremwerk und die Uckermärker Milch GmbH in der öffentlichen Wahrnehmung „eins“ sind. Doch dem ist nicht so. Für eine letzte Zusammenkunft der bis zuletzt produzierenden und auch ehemaligen Prenzlauer Eiskremwerker Ende September hatte Hartmut Grießing das Stadtarchiv und Ausgaben des Uckermark Kurier durchforstet, um in einer Chronik den Betrieb und seine Mitarbeiter noch einmal zu würdigen. „Mit dem derzeitigen Standortverantwortlichen Michael Braunreuther waren meine Frau und ich uns einig, dass wir zu dieser Abschiedsfeier nicht mit leeren Händen kommen können“, so Grießing.

Im Jahr 1991 hatten die damaligen Gesellschafter der Uckermärker Milch GmbH (die Meiereizentrale Berlin, der Milchhof Eiskrem in Mettmann und die Uckermärker Milchlieferanten) den Bau eines Eiskremwerkes in Prenzlau für den Eismann Heimdienst beschlossen. Baustart war 1992. Die Investitionssumme belief sich auf 37 Millionen DM. Die Produktionsstätte war zunächst ausschließlich für sogenannte Rundgefrierer-Stieleise konzipiert. Die erste Probe-Produktion erfolgte am 17. Februar 1993. 3136 Stück Topsy für Family Frost ‐ so hat es Hartmut Grießing bei seinen Recherchen herausgefunden. Zuletzt waren von vergleichbaren Produkten 420 000 Stück pro Tag und Linie hergestellt worden. Die offizielle Einweihung des Eiskremwerkes erfolgte am 3. August 1993. „Eine Million Eis am Stiel täglich aus der Uckermark“ und „Prenzlauer Stileis für Europa“, titelte damals der Uckermark Kurier.

Auch die „Rios“ aus Prenzlau waren weltweit beliebt.
Auch die „Rios“ aus Prenzlau waren weltweit beliebt. (Foto: Privat)

„Bierzapfen“ ein Renner

Das Prenzlauer Werk produzierte im März 1995 mit „Rios Milchzwergen“ das erste Eis für die Firma Schöller. Über die Grenzen Deutschlands hinaus sorgte im Juli 1996 das Prenzlauer Werk mit den „Bierzapfen“ für Aufsehen. „Viele zischen gern ein Bier, noch mehr schlecken gern ein Eis. Mit dem ‚Bierzapfen‘ kann man beides auf einmal genießen“, rührte Dr. Hubert Thielicke, Pressesprecher Family Bofrost, damals die Werbetrommel für diese ungewöhnliche und bis dahin einmalige Eiskreation. Die nationalen und internationalen Schlagzeilen blieben nicht aus. Es folgten Zeitungsartikel zwischen Tokio und Thüringen, TV-Beiträge erschienen unter anderen bei CNN (USA). Sogar aus Japan rückten Kamerateams an.

In den Jahren 1997 bis 1999 erfolgte die Integration des Werkes in die „Schöller-Holding“ als Betriebsteil der Uckermärker Milch GmbH. Neben einer vierten Produktionslinie wurde der Sitz um ein Verpackungsmittellager mit Verschieberegal erweitert. Die Eissorten „Carena“ und „Kaktus“, in Prenzlau produziert, sorgten erneut für Schlagzeilen. „Carena ‐ der eiskalte Sommergenuss aus Prenzlau“ ‐ in ganz Europa lieben Leckermäuler das Eis am Stiel aus der Uckermark“, titelte beispielsweise die „Super Illu“.

Aus dem Uckermark Kurier vom 4. August 1993
Aus dem Uckermark Kurier vom 4. August 1993 (Foto: Archiv Nk)

Die nächste Umfirmierung in Schöller Lebensmittel GmbH, Werk Prenzlau, erfolgte zum 1. Juli 2000. „Allein im Jahr 2001 waren in Prenzlau circa 200 Millionen Stück Eis produziert worden, was einem Volumen von circa zehn Millionen Litern Eiskrem entspricht“, so Hartmut Grießing. Zum Jahreswechsel 2001/2002 wurden neue Artikel mit modernster Bodenfülltechnik getestet: „So wurden neue Produktinnovationen wie Nesquik und Frubetto möglich.“

Schon 2002 kurz vor der Schließung

Dann erfolgte 2002 mit Zustimmung der Kartellbehörden die Übernahme durch die Nestlé Deutschland AG. An einem schwarzen Donnerstag, dem 25. Juli 2002, wurde auf einer Mitarbeiterversammlung die Schließung des Werkes zum 31. Dezember 2004 angekündigt. Am 5. November 2003 beschloss der Vorstand der Nestlé Deutschland AG „aufgrund betriebswirtschaftlicher Erwägungen und Neustrukturierung der Eiskremproduktion und der gegenwärtigen Marktsituation“ den Weiterbetrieb des Prenzlauer Werkes. Die „Kuh war zunächst vom Eis“ ‐ Aufatmen bei den Beschäftigten und ihren Familien. Hartmut Grießing bekannte als damaliger Werksleiter gegenüber dem Uckermark Kurier, nie die Hoffnung verloren zu haben. „Das werden wir unserem Chef nicht vergessen ‐ Eiskremwerk-Belegschaft bedankt sich“, lautete eine Schlagzeile jener Tage. Es wurde weiter kräftig in den Standort investiert.

Am 7. November 2005 war Baustart für eine zweite Produktionshalle, nur sieben Monate später lief dort bereits die Produktion an. Im Jahr 2007 entschloss sich Nestlé Schöller, die Produktionsstandorte Nürnberg und Prenzlau „auf das Handelsmarkengeschäft“ zu fokussieren, beide Standorte gingen somit auf die Rosen Eiskrem Süd GmbH über. Das Prenzlauer Werk, das der neue Eigner Dr. Gotthard Kirchner als „Schmuckstück“ bezeichnete, sollte nun unter den Bedingungen eines Familienunternehmens geführt werden. Schon ein Jahr später sollte die „Kids Box“ aus Prenzlau, gefüllt mit Rundgefrier-Stangeneis, ihren Weg nach Australien finden. Im Jahr 2007 wurde eine zweite Konfektionsanlage in Betrieb genommen, 2009 ein modernes Lagerverwaltungssystem für das Tiefkühllager installiert.

Aus dem Uckermark Kurier vom 6. Februar 2007
Aus dem Uckermark Kurier vom 6. Februar 2007 (Foto: Archiv Nk)

Dann 2009 zwei weitere gravierende Ereignisse in der Firmengeschichte: Die Uckermärker Milch GmbH erwarb die bis dahin von der Campina GmbH betriebene Molkerei. Am 18. November verließen Hartmut Grießing und seine Frau nach 19 beziehungsweise 12 Jahren aus „persönlichen Gründen“ das Unternehmen. Ab 1. Dezember übernahm Dieter Lind als Manager das Werk.

Viele Höhen und Tiefen

Nachdem noch 2010 eine dritte Konfektionslinie installiert wurde, eskalierte im Oktober 2012 die Auseinandersetzung zwischen Rosen Eiskrem und der Uckermärker Milch GmbH. Hintergrund war die Einstellung der Versorgung mit Wasser, Dampf, Eiswasser und Druckluft durch die Uckermärker Milch GmbH. Am 16. November erfolgte die Bekanntgabe der Mehrheitsübernahme von Rosen Eis durch das Molkereiunternehmen Deutsches Milchkontor (DMK). Das Bundeskartellamt stimmte der Übernahme zu. Schlagzeile im Uckermark Kurier vom 3. April 2013: „Gemeinsam das Eisgeschäft in Europa ankurbeln.“ Ab 2014 erfolgte der Umbau des Werkes auf einteilige Verpackung und automatisierte Endverpackung, 2015 wurde in Prenzlau die Rundgefriererproduktion aus Recke (NRW) übernommen, 2016 wurden eine eigene Eiswasserversorgung installiert und vollautomatische Palettierarbeitsplätze eingerichtet.

Dann begannen die 2020er Jahre zunächst noch hoffnungsvoll für das uckermärkische Unternehmen. Neue Marken wie „Capri“ oder „Ahoi“ wurden produziert. Doch 2021 wurde über das Auslaufen des Mietvertrages Ende 2022 informiert, dieser dann doch noch einmal um ein Jahr ‐ bis Ende 2023 ‐ verlängert. Im März 2022 fanden wegen der geplanten Produktionsverlagerung nach Everswinkel Verhandlungen über einen Sozialplan statt.

Aus nach 30 Jahren

Am 31. August 2023, 30 Jahre nach Betriebsgründung, lief dann der letzte Karton vom Band, und die Produktion wurde eingestellt. An diesem letzten Produktionstag bescheinigte die Werkleitung in einer Rundmail an alle Mitarbeiter diesen noch einmal „mit vereinter Kraft, immenser Teamstärke und Motivation bis zur letzten Charge alles daran gesetzt zu haben, dass das Werk Prenzlau die Pforten mit einem stolzen Ergebnis schließt. (...) 30 gestandene Jahre haben Sie tagein tagaus mit höchster Sorgfalt und Stabilität die verschiedenen Eisprodukte hergestellt und dafür gesorgt, dass unzählige Menschen in den Genuss unserer Eisspezialitäten gekommen sind.“

Hartmut Grießing erklärte, dass ihn als langjährigen Werkleiter besonders drei Personen geprägt hätten: Kurt Thorhauer, Georg Fendt und Günter Waßner. Er dankte allen, die ihn durch die Bereitstellung von Unterlagen, Informationen, Zeitungsausschnitte und Fotos bei der Erstellung der Chronik unterstützt haben. Mit viel Applaus, aber auch manchen Tränen, ging das Abschiedstreffen der Eiswerker im Hotel Uckermark zu Ende.