StartseiteRegionalUckermarkUrige DDR–Kneipe auf dem Land geerbt

Mit Ost–Charme

Urige DDR–Kneipe auf dem Land geerbt

Prenzlau / Lesedauer: 3 min

Dass sie mal einen Gasthof besitzt, hätte Heidrun Szesny nie gedacht. Doch jetzt steht sie plötzlich da mit dem Riesenobjekt und sucht eine Lösung.
Veröffentlicht:11.08.2023, 13:23

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Eigentlich hatte ja der 73-jährige Sohn das alte Gasthaus an der Ortsdurchfahrt von Baumgarten erben sollen. Doch dann starb der schwerkranke Mann noch vor seiner Mutter, die im Januar 2023 im gesegneten Alter von 94 Jahren die Augen schloss. Als Erbin der Wirtin übrig blieb Heidrun Szesny, die Nichte der langjährigen Lokalbetreiberin, welche sie und ihren Cousin lange gepflegt hatte. Doch diese hat als gelernte Erzieherin mit Gastronomie nix am Hut. „Außerdem bin ich mit meinen 64 Jahren viel zu alt, um nochmal in dieser Branche neu zu starten“, räumt die Uckermärkerin im Gespräch mit der Redaktion ein. Selbst mit körperlichen Leiden geplagt beziehe sie bereits EU-Rente: „Da kann ich mir nicht noch so ein großes Haus überhelfen.“ Also bleibt perspektivisch nur der Verkauf der Gaststätte nebst Saal und Betreiberwohnung.

Blüte vor der Wende

Seine Blüte hatte das „Rix“ vor der Wende. „In der DDR wurde viel gefeiert, sowohl privat als auch mit den Betrieben. So manches LPG-Vergnügen ging hier über die Bühne. Nicht nur die Baumgartener denken gern an diese Zeit zurück. Auch die Bewohner der umliegenden Orte vermissen die gemütliche Kneipe mit dem typischen Ost-Flair bis heute“ -  Heidrun Szesny hat das bei den Treffen gemerkt, die sie dem Kultur- und Freizeitverein, dessen Schriftführerin sie ist, seit dem Tod ihrer Tante in den Räumlichkeiten ermöglichte: „Wir kamen aus dem Quatschen gar nicht mehr heraus. Jeder hatte eine eigene Geschichte zu berichten, die er dort mal erlebt hat.“ Insofern wäre es gar nicht verkehrt, wenn das Gebäude als Begegnungsstätte für den Ort erhalten bleiben könnte, spinnt die Baumgartenerin Zukunftsmusik. Aber realistisch ist das wohl kaum.

Das Objekt liegt direkt an der Ortsdurchfahrt.
Das Objekt liegt direkt an der Ortsdurchfahrt. (Foto: Claudia Marsal)

Mit großem Saal

Die Chance, dass sich jemand findet, der in dem kleinen Dorf vor den Toren der uckermärkischen Kreisstadt wieder ein Restaurant mit Saal eröffnet, ist wohl gering. Da sieht die Erbin eher einen Investor kommen, der hier betreutes Wohnen umsetzt oder einen Pflegedienst, der das Objekt umbaut. Auch eine Großfamilie könnte das Objekt natürlich beziehen, zeigt sie Möglichkeiten auf. „Platz ist genug, aber Arbeit vorher natürlich auch. Es wurde ewig lange nichts saniert.“ Sie persönlich findet ja schön, dass der alte Charme erhalten geblieben ist. Wer den Gastraum betritt, fühlt sich sofort wieder in die DDR zurückversetzt. Im ganzen Haus gibt es jede Menge alte Erinnerungsstücke. Doch von diesen muss sich Heidrun Szesny jetzt trennen. Deshalb hat die Rentnerin Ende des Monats einen Flohmarkt anberaumt. Alles, was sich bei ihrer Tante Christel Rix in den vergangenen Jahrzehnten angesammelt hat, soll an den Mann/die Frau gebracht werden.

Sogar auf Postkarten ist die Kneipe verewigt.
Sogar auf Postkarten ist die Kneipe verewigt. (Foto: Claudia Marsal)

Schweren Herzens

„Das fällt mir nicht leicht, aber ich habe leider meine Gründe dafür“, räumt die 64-Jährige traurig ein. Wer sich ein Stück DDR-Geschichte heim holen möchte, sollte am Sonnabend, dem 26. August, pünktlich ab 10 Uhr an der Kneipe stehen. Dann öffnen sich die Türen für den traurigen Abgesang einer der urigsten Gaststätten, die noch bis 2006 dem Gästeschwund getrotzt und ihre Türen offengehalten hatte, aller negativen Entwicklung in der ländlichen Gastronomie zum Trotz.