StartseiteRegionalUckermark"Vaters Schicksal mahnt, dass Demokratie nie vernachlässigt werden darf"

Hinrichtung nach DDR-Schauprozess

"Vaters Schicksal mahnt, dass Demokratie nie vernachlässigt werden darf"

Uckermark / Lesedauer: 3 min

Hartmut W. und Burkhard Flach erinnern vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse an den Fall ihres Vaters, der vor 68 Jahren in einem Schauprozess zum Tode verurteilt wurde. 
Veröffentlicht:11.02.2024, 07:03

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"Der Fall unseres Vaters verdeutlicht aus meiner Sicht die kontinuierliche Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit, des Schutzes von Menschenrechten, der Unabhängigkeit der Justiz sowie der Notwendigkeit von Transparenz und Rechenschaftspflicht", schrieb der ehemalige Prenzlauer Hartmut W. Flach der Redaktion des Uckermark Kurier.

Familie nicht informiert

Vor 68 Jahren, am 11. Februar 1956, wurde der Prenzlauer Werner Alfred Flach in der DDR in Dresden durch das Fallbeil hingerichtet. Anschließend wurde sein Leichnam im Krematorium Tolkewitz verbrannt, und die sterblichen Überreste in einer Urne in einem anonymen Massengrab verscharrt. Bis zum Fall der Mauer 1989 blieb seine Familie im Dunkeln darüber, was mit ihm geschehen war. "Wir hatten keine Kenntnis über seine Hinrichtung oder den Ort seines Grabes und konnten daher unseres Vaters nicht öffentlich, sondern nur still gedenken. Die Staatsmacht hatte aus Angst vor der Enthüllung der Wahrheit die Offenlegung der Dokumente und Auskünfte starr verhindert", schildern seine Söhne Hartmut W. und Burkhard Flach im Rückblick.

Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

Als Oberfeldwebel der Kasernierten Volkspolizei (KVP), dem Vorläufer der Nationalen Volksarmee, hatte sich ihr Vater dem stalinistischen Regime der DDR unter Walter Ulbricht widersetzt, indem er ab dem Jahr 1952 aus tiefer Überzeugung Informationen über den KVP-Standort Prenzlau an eine „westdeutsche Organisation“ weiterleitete. Auch zur Gewährleistung seiner eigenen Sicherheit wurde ihm nicht mitgeteilt, dass die Informationen an die „Organisation Gehlen“ übermittelt wurden, den damaligen Nachrichtendienst der Bundesrepublik Deutschland.    

Um an das Schicksal von Werner Alfred Flach zu erinnern, wurde 2010 im Foyer des Plenarsaales der Kreisverwaltung Uckermark dieser Gedenkstein eingeweiht.
Um an das Schicksal von Werner Alfred Flach zu erinnern, wurde 2010 im Foyer des Plenarsaales der Kreisverwaltung Uckermark dieser Gedenkstein eingeweiht. (Foto: Privat)

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"Sein politischer Widerstand gründete sich nicht nur darauf, dass er eine angebotene Offizierslaufbahn ausschlug, sondern vorrangig aufgrund der völlig fehlgeleiteten Wirtschafts-, Sozial- und Menschenrechtspolitik des damaligen SED-Unterdrückungsapparats. Von unserer Großmutter und ebenso von unserer Mutter wissen wir, dass er sich einen positiven Ausgang des 17. Juni 1953 gewünscht hatte, da er auf der Seite der protestierenden Arbeiter stand. Seinen Freunden gegenüber bekundete er seinen festen Glauben an die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands", so Hartmut W. Flach.

Die Staatsmacht fordert die Todesstrafe

Der Fall zeige anhand der Dokumente, dass der Staatssekretär des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) bereits am 10. Januar 1956 die Tötung gefordert hatte und das SED-Politbüro am 24. Januar 1956 per Beschluss die Todesstrafe absegnete. Der „Schauprozess“, an dem 600 Offiziere der KVP teilnahmen, fand im heutigen Plenarsaal des Landkreises in der Prenzlauer Grabowstraße statt. Am 6. Februar 1956 verkündete das Militärbezirksgericht Neubrandenburg die Todesstrafe für Werner A. Flach. Sein Sohn merkt dazu an: "Urteile, die auf Weisung von gerichtsfremden Instanzen verhängt werden, stellen schwerwiegende Rechtsbrüche dar. Die Durchführung der Hinrichtung gemäß politisch motivierten Anweisungen könnte als Mord betrachtet werden, da sie eindeutig den Vorsatz zur Tötung einer Person zeigt."

Werner Alfred Flach mit seinem Sohn Hartmut. Nach der Verurteilung zum Tode durfte er seine Söhne nicht wiedersehen.
Werner Alfred Flach mit seinem Sohn Hartmut. Nach der Verurteilung zum Tode durfte er seine Söhne nicht wiedersehen. (Foto: Privat)

Entsprechend den Aussagen von Zeitzeugen habe das Gericht den letzten Wunsch des Verurteilten, sich von seinen beiden Kindern zu verabschieden, abgelehnt.

Wichtige Lehren für die heutige Zeit

"Der Fall unseres Vaters ist nur einer von vielen politischen Prozessen und Verurteilungen in der DDR, die ausschließlich auf politische Überzeugungen sowie den damit verbundenen Widerstand und die Opposition zurückzuführen sind. Diese bedrückenden Beispiele illustrieren die politischen Repressionen und unverhältnismäßig hohen Strafen (als Abschreckung) in autoritären/diktatorischen Staatssystemen und verdeutlichen wichtige Lehren für die heutige Zeit", betont Hartmut W. Flach 68 Jahre nach den Ereignissen. Die Geschichte dieser couragierten Menschen sollte die Menschen, die heute leben, daran erinnern, wie wichtig es ist, die Menschenrechte zu schützen, die Unabhängigkeit der Justiz zu wahren, Transparenz und Rechenschaftspflicht sicherzustellen und die Zivilgesellschaft zu stärken: "Sie dient als Mahnung, dass die Verteidigung der Demokratie, der Freiheit und der Grundrechte eine fortwährende Aufgabe ist, die niemals vernachlässigt werden darf."