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Rechte Gewalt

Wie sicher leben Flüchtlinge in Prenzlau?

Prenzlau / Lesedauer: 3 min

Der Verein „Opferperspektive” führt eine Chronologie mit Vorfällen fremdenfeindlicher Gewalt in Brandenburg. Prenzlau ist da ganz oben mit dabei.
Veröffentlicht:21.11.2018, 18:14

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Was Angriffe auf Flüchtlinge anbelangt, ist Prenzlau im Moment die gefährlichste Stadt in Brandenburg. Das sagt Anne Brügmann vom Verein „Opferperspektive“. Seit 1998 bietet der Verein eine professionelle Beratung für Betroffene rechter Gewalt und rassistischer Diskriminierung in Brandenburg. In diesem Zusammenhang führt die „Opferperspektive“ auch eine Chronologie, in der fremdenfeindliche Übergriffe dokumentiert werden. Für Prenzlau wurden im Jahr 2018 bislang sieben Vorfälle öffentlich gemacht. Drei weitere Fälle befinden sich noch im Beratungsstadium, so Brügmann.

Im Augenblick gebe es in Prenzlau damit die dritthäufigste Zahl an fremdenfeindlichen Angriffen in ganz Brandenburg. Nur in den Großstädten Cottbus und Potsdam wurden noch mehr Vorfälle registriert. Der letzte Eintrag in der Chronologie berichtet von einem Mann afghanischer Herkunft, der an der Brüssower Allee von zwei Männern rassistisch beleidigt, gewürgt und geschlagen worden ist. Dabei erlitt das Opfer leichte Verletzungen am Kopf und im Gesicht. Was Anne Brügmann besonders bewegt, ist, dass es zwei Flüchtlinge gibt, die wiederholt Opfer von Angriffen geworden sind.

Leichter Anstieg an Körperverletzungen

Auch erinnert sie sich an das Gespräch mit einem syrischen Kind (13), das von zwei Jugendlichen in Prenzlau angegriffen worden ist. Daraufhin habe bei den Eltern eine Scham bestanden, dass sie ihr Kind nicht beschützen konnten. Warum die Zahl der fremdenfeindlichen Angriffe in Prenzlau in diesem Jahr so stark angestiegen ist, kann Brügmann nicht sagen. Es sei denkbar, dass viele Betroffene die Vorfälle nun konsequenter zur Anzeige bringen, spekulierte sie. Vielleicht arbeite die Prenzlauer Polizei aber auch gründlicher in der Identifikation von fremdenfeindlicher Gewalt, so Brügmann.

„Ich halte Prenzlau nicht annähernd für die gefährlichste Stadt in Brandenburg“, sagt Bürgermeister Hendrik Sommer. Nach Rücksprache mit der Polizei hat er Auskunft über die Zahl der Körperverletzungsdelikte in der Kreisstadt bekommen. Zwischen Januar und Anfang November 2018 habe es demnach 108 Fälle von Körperverletzung in Prenzlau gegeben. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es rund 100  Fälle. Ein Anstieg sei also erkennbar, dieser bewege sich aber in einem geringen Maß. Dennoch sei jede Gewalttat eine zu viel, betont der Bürgermeister. Er wolle deshalb noch einmal mit der „Opferperspektive“ in Kontakt treten und die einzelnen Fälle durchsprechen.

In Sachen Gewaltprävention beteiligt sich die Stadt in Kooperation mit der Polizei an einer Vielzahl von Präventivmaßnahmen, so Hendrik Sommer. Es werden Bürgerversammlungen veranstaltet und Flyer verteilt, zudem wurden Wegweiser für Flüchtlinge herausgegeben und bald solle auch noch der Kinder- und Jugendbeauftragte unter anderem als „Anti-Mobbing-Coach“ zum Einsatz kommen. Davon abgesehen betont Sommer aber auch, dass es kein Patentrezept für die Eindämmung fremdenfeindlicher Gewalt in der Gesellschaft gibt.

Täter sollten konsequenter bestraft werden

Das liege auch daran, dass die Straffälligkeit einiger ausländischer Mitbürger ein negatives Echo in der Gesellschaft erzeuge, so der Bürgermeister. Sommer bezieht sich hier auch auf den Fall des 32-jährigen Afghanen, der in der vergangenen Woche einen ebenfalls 32-jährigen Vietnamesen in Prenzlau mit einem Messer verletzt haben soll. Die Polizei konnte den vermeintlichen Angreifer festnehmen, weil aber kein Fluchtrisiko besteht, ist der mutmaßliche Täter inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Auf Seiten der Justiz bestehe hier ein Bestrafungsdefizit, kritisiert Sommer. Personen, die straffällig geworden sind, egal ob ausländischer oder deutscher Herkunft, müssen konsequenter bestraft werden, so der Bürgermeister. Aktuell werde „da nicht hart genug durchgegriffen“. In der Folge würden Teile der Gesellschaft das Vertrauen in die Justiz verlieren. „Die Demokratie gerät so auf längere Sicht in Gefahr.“