Familiengeschichte

Auf diesem Weg floh ihr Großvater vor der Roten Armee

Altwarp / Lesedauer: 5 min

Eine Ueckermünderin hat sich auf die Spuren ihres Großvaters begeben. Dieser floh 1945 vor der Roten Armee. Auf der 500 Kilometer weiten Strecke war sie der Verzweiflung nahe.
Veröffentlicht:12.09.2023, 18:00

Von:
  • Oliver Hauck
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Die gebürtige Ueckermünderin Dana Wichert interessiert sich sehr für die Geschichte und Wurzeln ihrer Familie, die heute in Altwarp lebt. Dass ihr Urgroßvater Paul und Großvater Gerhard in Allenstein (Olsztyn) im heute polnischen Ermland–Masuren geboren wurden, weiß die 44–Jährige. Mithilfe eines Ahnenforschers konnte sie die Spuren ihrer Familie sogar bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen: Im Jahr 1550 wurde Georg Wichert in Braunsberg/Braniewo geboren. Dessen Nachfahren lebten ebenfalls in Ermland–Masuren und hatten dort später Erbhöfe und ein Familienwappen.

Halbschwester des Großvaters starb auf der Flucht

Der Großvater der Ueckermünderin, Gerhard, seine sechs Geschwister und Stiefmutter Veronika flüchteten am 26. Januar 1945 aus Allenstein vor der Roten Armee. Wie viele Tausende andere machten sie sich mit dem Nötigsten an Gepäck auf den Weg nach Westen. Über Eilau (heute Ilawa), Graudenz (Grudziadz), Bromberg (Bydgoszcz), Kolmar (Chodziez) und Stettin kamen sie zunächst nach Prerow auf dem Darß.

Seine Halbschwester Helga starb auf dieser Flucht. Das habe er nie verwunden, weiß Dana Wichert. Später zog ihr Großvater nach Altwarp, wurde Fleischer und heiratete Hannelore, die mit ihren Eltern aus Filehne (Wielen) geflüchtet war. Sie hatten drei Kinder zusammen. Gerhard Wichert starb 1994 in Altwarp.

Auf halber Strecke bei Kolmar (Chodziez) wurden die Vorpommern immer wieder von Regen überrascht. (Foto: Dana Wichert)

Großvaters Geburtshaus besucht

In Dana Wichert, die als Seniorenbetreuerin in Potsdam lebt, reifte der Wunsch, den Ort zu sehen, in dem Gerhard und Paul Wichert aufwuchsen: „Ich wollte die Landschaft sehen, die Straßen betreten und die Umgebung erkunden, in der meine Vorfahren lebten“, sagt sie. Und nicht nur das. Sie wollte auch den Fluchtweg des Großvaters mit dem Fahrrad nachfahren. Ihr Ehemann Lutz war von dieser Idee sofort begeistert.

Mit dem Zug ging es in diesem Sommer zunächst von Stettin nach Olsztyn. „Ich erklärte der Dame an der Touristinfo, warum ich dort bin. Sie gab uns einen Stadtplan und markierte alle Straßen, die ich suchte“, erzählt Dana Wichert. „Als wir uns auf den Weg machten, wurde ich immer aufgeregter. Dann standen wir vor der Trauziger Straße 3.“ Hier kam Urgroßvater Paul zur Welt, und wenige Straßen weiter, in der Danziger Straße 9, steht noch das Geburtshaus ihres Großvaters Gerhard.

Spurensuche: In der Danziger Straße 9 in Allenstein (Olsztyn) lebte Dana Wicherts Opa Gerhard mit sechs Geschwistern und den Eltern bis zur Flucht im Januar 1945. (Foto: Dana Wichert)

Auf Reise oft verzeifelt

Paul Wichert hatte fünf Kinder mit seiner Frau Josepha, die 1939 mit nur 28 Jahren starb. Mit 30 Jahren schon Witwer geworden, heiratete er erneut und bekam mit Veronika noch zwei Kinder. Paul war Lokomotivheizer und wurde am 25. Januar 1945 am Bahnhof von Allenstein zum letzten Mal gesehen.

„Unsere Familie hat beim Roten Kreuz mehrere Suchaufträge gestellt“, sagt die 44–Jährige. In einem DRK–Gutachten heiße es, er sei vom Bahnhof „weggeholt“ worden. „Wahrscheinlich, weil er Uniform trug“, vermutet Dana Wichert. In der Wohnung in der Danziger Straße verbrachte ihr Großvater seine Kindheit, mit den Eltern und sechs Geschwistern, bis zur Flucht.

Die Wicherts begannen die erste Etappe nach Ilawa, unwissend, was sie erwartete. Über 500 Kilometer an Wegstrecke, sandige Waldwege und Schotterwege, über die sie mit ihren Rädern und dem Gepäck schlängelten und ratterten. „Wir haben schwere Unwetter erlebt und einen Waldbrand“, berichtet sie, „und wunderschöne Landschaften mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Dennoch war ich auf dieser Reise oft verzweifelt." Zum Beispiel, wenn der erwartete Radweg in Wirklichkeit ein Sandweg war oder ihr am frühen Morgen 80 Kilometer Wegstrecke, die vor ihnen lagen, als unmöglich zu bewältigen erschien.

Einzelteile fügen sich zu Gesamtbild

„Im Alltag ist für uns immer alles zu jeder Zeit verfügbar“, sagt Dana Wichert. „Ich habe gelernt: Wenn man täglich acht Stunden durch den polnischen Wald fährt, muss man mit dem auskommen, was man hat oder unterwegs besorgen kann“. Jeder Tag, jede Etappe, eine neue Herausforderung. „Mit dem Fahrrad auf dieser langen Strecke erlebten wir die Umgebung in einem langsamen Tempo und sehr intensiv.“ Tatsächlich gelang es den beiden, auf den Spuren des Großvaters die meisten Orte und Städte zu sehen, die er 1945 mit Geschwistern und Stiefmutter bis Stettin passierte. Einige kürzere Strecken legten sie bei Unwetter auch per Zug zurück.

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„Als ich begann, mich für meine Vorfahren zu interessieren, war jeder gefundene Name, jedes Dokument zunächst nur ein weiteres Puzzleteil. Dass die Ahnenforschung Lutz und mich motiviert, zu einer Fahrradtour durch halb Polen aufzubrechen, hätte ich nie erwartet“, staunt die 44–Jährige noch jetzt. Aber sie möchte diese Erfahrung nicht missen. „Als wir uns auf dem Drahtesel wieder der deutsch–polnischen Grenze näherten, fügten sich für mich zum ersten Mal die Einzelteile meiner Familiengeschichte zu einem Gesamtbild“.