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20 Jahre Jubiläum

Seine Großmutter verkaufte schon Bücher in diesem Laden

Ueckermünde / Lesedauer: 4 min

Vor 20 Jahren hat Holger Brandstädt die Friedrich-Wagner-Buchhandlung wieder aufleben lassen. Nicht nur für viele Ueckermünder hat er damit einen Lieblingsladen geschaffen.
Veröffentlicht:06.10.2021, 20:59

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In dieser Woche schläft der Buchhändler länger. Jedenfalls wird der Laden in der Ueckerstraße erst um 10 Uhr aufgeschlossen. Was soll’s. Nach 20 Jahren sei es Holger Brandstädt vergönnt, sich morgens noch mal im Bett umzudrehen. Zumal es spürbar Herbst wird. Und mit Mitte 50 ist der Mann schließlich auch nicht mehr der Jüngste.

Aufregender Neuanfang

Vor 20 Jahren dachte Holger Brandstädt garantiert nicht ans Schlafen. Da wagte er einen aufregenden Neuanfang. Am 15. Oktober 2001 eröffnete er die Friedrich-Wagner-Buchhandlung in der Ueckerstraße 79 neu. Der Laden, in dem schon seine Großmutter gelernt und gearbeitet hatte, war vor der Neueröffnung ein Bücher-Bestell-Geschäft, so beschreibt es Holger Brandstädt. Mit Neonlicht und Terrazzoboden das Gegenteil von anheimelnd und gemütlich.

Holger Brandstädts Vorstellungen von einem guten Buchladen sind anders. „Reinkommen, stöbern und Bücher entdecken – so habe ich es als Kind geliebt und genau so soll mein Buchladen sein“, sagt Brandstädt, der dafür von Berlin nach Ueckermünde kam. Auch wenn es damals nicht jeder seiner Berliner Freunde glaubte, Holger Brandstädt war überzeugt, die Ueckermünder zu begeistern mit seiner Art, Literatur und mehr zu verkaufen. Nicht erst heute weiß er, dass sein Plan aufgegangen ist. Die grauen Haare nimmt er dafür gern in Kauf.

Familiäre Verbindungen ausgefragt

Über den Anfang erzählt er heute: Zuerst kamen die Leute in den Laden, um erst einmal meine familiären Verbindungen nach Ueckermünde abzufragen. Ist ja wichtig in einer Kleinstadt. In den Regalen standen da noch mehr Koch- und Gartenbücher als Romane. Gleich im Dezember veranstaltete der Neue die erste Buchlesung. Jan Schiffel las Fallada, Die Geschichten aus der Murkelei. Das gefiel.

Lesungen, Konzerte, später die Veranstaltungen auf dem Hof und Ausstellungen in der Galerie – die Friedrich-Wagner-Buchhandlung ist inzwischen ein fester Ort für Kunst und Kultur, Gespräche und Begegnungen. Und mit ihr ist in den 2000er Jahren die gesamte Ueckermünder Innenstadt zu einem Schmuckstück geworden.

Auch eine breitere Kulturlandschaft hat sich in und um die Kleinstadt entwickelt, da gibt es den Speicherverein, den Kulturverein Weitblick, die Kino-für-Kenner-Reihe der Volksbühne, die Konzerte in der Marienkirche oder auch den English-Speaking-Club und mehr. „In diesem Umfeld konnte auch ich in Ueckermünde ankommen“, blickt Holger Brandstädt zurück.

Corona hat stark an den Kräften gezehrt

Zur Selbstständigkeit als Buchhändler gehörte aber auch (fast) ständige Anwesenheit im Laden. Drei Wochen Urlaub am Stück gibt es da nicht. „Einmal musste ich mit einer Nierenkolik ins Krankenhaus und habe am nächsten Abend wieder die Gäste zur Buchlesung begrüßt“, erinnert sich Brandstädt. Aber das alles habe nicht so sehr an seinen Kräften gezehrt wie die letzten beiden Jahre, als wegen Corona das gesellschaftliche und kulturelle Leben auf Sparflamme geschaltet wurde.

Zwar gibt es die Friedrich-Wagner-Buchhandlung auch online, sodass die Kunden ihre Bücher am Rechner bestellen können. Aber was hat das noch mit Brandstädts Konzept für das Entdecken guter Bücher zu tun? Gar nichts. Ein Jubiläumsfest im Buchladen wird es am 15. Oktober nicht geben. Zehn Leute mit Maske – das macht keinen Spaß. In Bugewitz musiziert an diesem Tag Felix Meier, er holt das im Frühjahr abgesagte Konzert nach. Als Veranstalter wird Holger Brandstädt abends in Bugewitz dabei sein.

Vielleicht feiert er in fünf Jahren mit seinen Lesern? „Natürlich beschäftige ich mich auch mit der Frage, wie lange ich das hier noch machen kann“, sagt Brandstädt. Ein Vierteljahrhundert hatte er sich mal vorgenommen. Oder besser: „So lange ich Spaß daran habe.“ Ausschlafen könne er später.

Veranstaltungstipp – Die nächste Lesung

Marko Martin liest diesen Donnerstag, 7. Oktober, um 19 Uhr bei Lohse & Zincke in der Dorfstraße 151 in Meiersberg aus seinem 2020 erschienenen Buch „Die verdrängte Zeit“. Der Autor stellt sich die Frage, warum die Erinnerung an die Kultur des Ostens stets zwischen politisierender Analyse und apolitischer Ostalgie gefangen ist.