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Interview

Was will die Stadt Eggesin mit einer Plattenbau-Schule, Frau Bürgermeisterin?

Eggesin / Lesedauer: 7 min

Bianka Schwibbe trat im August 2022 ihr Amt als Eggesiner Bürgermeisterin an. Nordkurier-Reporter Eckhard Kruse fragte die 56-Jährige nach Erfolgen und Misserfolgen im ersten Dienstjahr. 
Veröffentlicht:26.08.2023, 06:21

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Es ist nun ein Jahr her, dass Sie Ihren Dienst als Bürgermeisterin von Eggesin begonnen haben, nachdem Sie die Wahl mit 61,2 Prozent der Stimmen gewonnen hatten. Wie war das erste Jahr?

Spannend. Der Wahlkampf war schon sehr spannend. Genauso ging es weiter. Ich habe in dem ersten Jahr viele neue Dinge und vor allem viele außergewöhnliche Menschen kennengelernt. Das fand ich am interessantesten. Mein Leben hat sich fast vollkommen verändert. Allerdings habe ich jetzt auch wenig Freizeit.

Wieso hat sich Ihr Leben so stark verändert?

In meinem alten Leben habe ich als Leiterin der Kämmerei und des Hauptamtes gearbeitet. Da sitzt man eher am Schreibtisch und die Bürgerkontakte waren auch eher selten. Die Arbeitszeiten haben sich dabei meist auf die Woche konzentriert und auch in den Abendstunden war es eher selten, dass man zu Terminen unterwegs war. Jetzt arbeite ich oft an den Wochenenden und nach dem normalen Feierabend. Außerdem ist die Verantwortung größer geworden.

Der Ueckermünder Bürgermeister Jürgen Kliewe gab seiner neuen Amtskollegin in Eggesin, Bianka Schwibbe, viele gute Wünsche mit auf den Weg. Foto: Eckhard Kruse
Der Ueckermünder Bürgermeister Jürgen Kliewe gab seiner neuen Amtskollegin in Eggesin, Bianka Schwibbe, viele gute Wünsche mit auf den Weg. Foto: Eckhard Kruse (Foto: Eckhard Kruse)

Welches waren die größten Herausforderungen, die Sie als Bürgermeisterin zu bewältigen hatten?

Die Energiekrise und die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine. In der Energiekrise wussten wir gar nicht, worauf wir uns einstellen müssen. Man warnte uns vor einem möglichen Stromausfall von drei bis vier Wochen. Ich möchte gar nicht mehr darüber nachdenken, was dann passiert wäre. Man hätte seine Handys nicht mehr laden können. Ein Stromausfall hätte Gefahren für Beatmungspatienten oder für Menschen mit künstlichen Herzen bedeutet. Wir haben in Eggesin ja ein Beatmungszentrum in der Karl–Marx–Straße. Wir fragten in Pflegeheimen nach, ob sie zurechtkommen. Und wir mussten auch überlegen, wie wir Möglichkeiten für die Mieter in Mehrfamilienhäusern schaffen, die nicht einfach einen Kaminofen oder ein Lagerfeuer anzünden können, um es warm zu haben. Das war im Winter schon sehr aufregend.

Wie hat sich der Krieg ausgewirkt in Eggesin?

Das war die zweite große Herausforderung. Es kamen viele Flüchtlinge nach Eggesin. Wir mussten Wohnungen ausstatten und sind immer noch dabei, Wohnungen herzurichten. Denn der Landkreis sucht noch immer Unterkünfte. Wir haben auch noch einen Leerstand von über zehn Prozent. Derzeit kommen 94 Stadtbewohner aus der Ukraine, 12 Iraker, 11 Syrer, insgesamt 191 Nichtdeutsche. Darunter sind zum Beispiel aber auch Polen, Armenier, Österreicher und ein Ghanaer.

Wie schätzen Sie die Bleibeperspektive der Flüchtlinge aus der Ukraine ein?

Ich denke, dass 50 Prozent der Ukrainer hierbleiben werden. Einige Frauen äußerten, dass sie nach dem Krieg ihre Männer herholen und dann bleiben wollen.

Die Stadt Eggesin möchte die Förderschule vom Landkreis übernehmen. Die Schule könnte vielleicht durch einen Neubau ersetzt werden oder Anbauten bekommen. 
Die Stadt Eggesin möchte die Förderschule vom Landkreis übernehmen. Die Schule könnte vielleicht durch einen Neubau ersetzt werden oder Anbauten bekommen.  (Foto: Eckhard Kruse)

Eine weitere Herausforderung dürfte die Aufnahme der Gemeinde Ducherow werden. Wie ist hier der Stand, nachdem die Gemeinde den Wunsch geäußert hatte, ins Amt „Am Stettiner Haff“ mit dem Amtssitz Eggesin zu wechseln?

Es gibt noch keine weitere Entwicklung. Der Amtsausschuss hatte beschlossen, dass wir für Verhandlungen bereitstehen. Die Gemeinde Ducherow wollte dann den Antrag stellen.

Ist er schon gestellt?

Nein.

Wie denken Sie über den Amtswechsel der Gemeinde Ducherow?

Dabei schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen mag ich Herausforderungen und ich möchte der Gemeinde natürlich helfen. Zum anderen fehlt es aber an Personal, um ein Bürgerbüro zu betreiben. Ich sehe auch das Land irgendwo in der Pflicht. Es sollte sich zur Zukunft der Ämterstruktur äußern, bevor wir Entscheidungen fällen.

Wie weit ist die Stadt mit der Überlegung zu einem Schulstandort, der den Anforderungen an die Inklusion gerecht wird? Es sollte eine Entscheidung für den Ausbau der Regionalen Schule oder der Förderschule getroffen werden.

Wir haben beim Landkreis Vorpommern-Greifswald den Antrag gestellt, die Förderschule zu übernehmen. Der Landkreis ist dabei noch in der Findungsphase, wie es weitergeht. Die Stadtvertreter hatten sich zuvor im nicht öffentlichen Teil der Stadtvertretersitzung darauf verständigt, eine neue Schule zu bauen. Denn für die Herausforderung einer Inklusionsschule sind beide Standorte zu klein. Einen richtigen Grundsatzbeschluss für einen Neubau gibt es allerdings noch nicht.

Aber warum will die Stadt die Förderschule kaufen, wenn ein Neubau bevorzugt wird? Und was soll aus der Regionalen Schule werden?

Die Turnhalle der Förderschule ist sehr schön. Vielleicht könnte an die Förderschule angebaut werden oder an ihrem Standort ein Neubau entstehen. In die Regionale Schule könnte vielleicht ein Kindergarten einziehen. Denn unsere Kindergärten platzen momentan aus allen Nähten. Möglich wäre auch ein Betreutes Wohnen.

Die Rosen zwischen Lutherkirche und Stadtverwaltung sind im Sommer zu einem Hingucker in Eggesin geworden.
Die Rosen zwischen Lutherkirche und Stadtverwaltung sind im Sommer zu einem Hingucker in Eggesin geworden. (Foto: Eckhard Kruse)

Sie arbeiten auch an der weiteren Entschuldung der Stadt. Wie geht es damit voran?

Momentan hat Eggesin noch einen negativen Saldo in Höhe von etwa 8,8 Millionen Euro. Wir werden in diesem und im nächsten Jahr noch eine Summe von jeweils rund 3 Millionen Euro von der Landesregierung bekommen. Dann werden wir auf einem guten Weg sein, denke ich.

Wird sich Eggesin angesichts der noch hohen Verschuldung eine umfangreiche Verschönerung des Außengeländes am Schüler–Jugend-Zentrums für 2,1 Millionen Euro leisten können, wie es geplant ist?

Wenn wir keine Förderung von 90 Prozent bekommen, werden wir das Projekt so nicht durchführen können. Ich bin da aber optimistisch. Wenn es doch nichts werden sollte, müssen wir nach anderen Wegen suchen, das Außengelände zu verschönern.

Schon mehr als ein Jahr wird über den Neubau eines Norma-Markts geredet. Woran liegt es, dass er immer noch nicht gebaut worden ist?

Das Unternehmen wollte im vergangenen Jahr schon das Weihnachtsgeschäft mitnehmen. Nach meinen Informationen gibt es immer noch keine Baugenehmigung. Es mussten noch Dokumente nachgereicht werden. Jetzt soll aber alles vorliegen, sodass wir hoffen, dass es im nächsten Jahr mit dem Bau des Marktes losgehen kann.

Vor der Bürgermeisterwahl hatten Sie unter anderem davon gesprochen, auf den Erhalt der kleinen Läden im Stadtzentrum zu schauen. Wie hoch ist der Leerstand derzeit?

Leider haben weitere Geschäfte geschlossen. Die kleine Drogerie und das Geschäft „1000 kleine Dinge“ haben zugemacht. Wir sind als Stadt wohl auch zu klein, dass sich solche Einzelhandelsgeschäfte rechnen. Dagegen läuft die neue Eisdiele Bade sehr gut. Wir haben auch einen Schreibwarenladen, den Laden in der Blaubeerscheune, eine Apotheke, einen Optiker und zwei Blumenläden.

Ist es schon gelungen, mehr junge Familien anzusiedeln, wie Sie es sich gewünscht hatten?

Hin und wieder haben wir Zuzug von jungen Leuten nach Eggesin. Wir hoffen, dass es nach dem Ausbau des Breitband-Internets noch mehr werden. Schließlich sind viele junge Familien und Unternehmen auf schnelles Internet angewiesen. In der Adolf-Bytzeck-Straße planen wir, Stadtvillen zu bauen, die moderne Wohnungen auch für junge Leute bieten.

Sie wollten auch die Randow in den Blick rücken und sich für den Radweg nach Ahlbeck einsetzen. Wie weit sind Sie dabei?

Die Randow zieht schon viele Leute an. Das ist das Verdienst der Pächter des Hafens und der Betreiber von Randow-Floß mit Bootsverleih, Campingplatz und Ferienhäusern. Auch mit dem Kahnschifferverein auf der gegenüberliegenden Seite haben wir gesprochen. Sie wollen nach meinen Informationen noch Flächen dazupachten und noch mehr für die Öffentlichkeit anbieten. Für den Bau eines Radwegs entlang der Landesstraße wird es am 2. September um 10 Uhr wieder eine Fahrrad-Demo geben. Wir haben versucht, einen Termin mit dem Straßenbauamt, dem Landkreis und den beiden Bürgermeistern hinzubekommen. Leider hat das noch nicht geklappt. Es wäre aber ein Traum, wenn der Radweg in meiner Amtszeit als Bürgermeisterin noch entstehen würde.