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Geschichte

93-Jährige erinnert sich: So war Weihnachten früher

Lübs/Ueckermünde / Lesedauer: 3 min

Weihnachten steht für Familie und leuchtende Kinderaugen, heutzutage aber auch für Konsum und Überfluss. 1937 war das noch ganz anders, wie sich Lucie Meinel (93) erinnert.
Veröffentlicht:02.12.2023, 11:57

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Wenn Lübs am Sonnabend, 2. Dezember, seine traditionelle Mühlenweihnacht feiert, werden die meisten der rund 350 Einwohner  dabei sein, um die heimelige Atmosphäre in der beheizten Motormühle zu genießen. Lucie Meinel und Ehemann Friedrich wären auch gerne dabei, doch beide sind nicht mehr gut zu Fuß. Ihr Haus in Ueckermünde ist mit einem Treppenlift ausgestattet, und einen solchen hat die Lübser Mühle leider nicht.

Büchlein „Mutter, Vater und 14 Kinder“ geschrieben

Lucie Meinel ist 1930 in Lübs zur Welt gekommen, hat ihre Kindheit mit den Eltern in Finkenbrück verbracht. Es sei eine entbehrungsreiche Zeit gewesen, denn viel zum Leben habe die Familie nicht gehabt. In ihrem Büchlein „Mutter, Vater und 14 Kinder“, das mehrere Auflagen erlebte und vergriffen ist, hat die heute 93-Jährige das beschrieben. In den Ferien und zu Weihnachten ging es zur Oma, die nur einen Steinwurf von der Lübser Mühle entfernt lebte. Die war in den 1930er-Jahren noch in vollem Betrieb und lieferte das Mehl, wenn die Oma backte. An Weihnachten 1937 erinnert sich Lucie Meinel bis heute sehr genau.

Plätzchen mit Schweineschmalz gebacken

„Butter gab es ja damals kaum, also hat Oma mit Schweineschmalz gebacken. Auch Zutaten gab es nur wenige.“ Die Formen habe die Oma selbst gemacht, alle Figuren mit den Händen geformt. Einen Backofen gab es in Omas Haus nicht, aber: „Im Wohnzimmer war ein großer Kachelofen, aus dem wurde die Asche rausgenommen und tüchtig angefeuert.“ Not macht eben erfinderisch.

„Nun wurde ein Blech belegt und die Plätzchen gebacken, bis sie schön braun waren“, erzählt Lucie Meinel. „Oma hat sich dann zum Ofen gesetzt und nebenbei Socken für die Enkelkinder gestrickt, die Augen nur auf das Gebäck gerichtet.“ Denn anbrennen wäre fatal gewesen, weil der Mangel ohnehin so groß war.

Viel Liebe, Zusammenhalt und Ehrlichkeit

Zuhause bei den Eltern wurde zu Weihnachten auch gebacken, von der Mutter und Lucies älterer Schwester. Die fertigen Plätzchen wurden vor den Kleinsten verborgen, denn sie sollten auch noch für den Gabentisch an Heiligabend reichen. „Wir haben aufgepasst, wo sie die versteckten, und manches Mal heimlich genascht.“

Viel Süßes konnte es eben nicht geben, bei 14 Kindern. Dafür gab es Liebe, Zusammenhalt und vor allem Ehrlichkeit unter den Geschwistern. „Von Mutter bekam jeder von uns für den Weihnachtsteller außerdem einen Apfel und eine Apfelsine“, erinnert sich die 93-Jährige: „Mit meinem kleinen Bruder tauschte ich immer seinen Apfel gegen meine Nüsse, weil er die so gerne aß“.

Nach Weihnachten kam dann die Oma herüber von Lübs nach Finkenbrück, in Lucies Elternhaus. „Auf dem Fahrrad hatte sie einen Korb mit den Plätzchen, die sie für uns gebacken hatte, denn unsere waren natürlich längst aufgegessen. Wir freuten uns wie verrückt“, erzählt Lucie Meinel mit leuchtenden Augen. Denn: Omas Plätzchen schmeckten am besten. Das war so wahr anno 1937 in Millionen deutschen Küchen, wie es heute noch wahr ist.