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Erfindung aus MV

Frühwarn-Sohle warnt vor schwerer Diabetiker-Krankheit

Neubrandenburg / Lesedauer: 4 min

Forscher aus MV haben eine besondere Schuhsohle mit Sensoren entwickelt, die vor der bedrohlichen Diabetiker-Krankheit warnt. Wann startet die Serienproduktion?
Veröffentlicht:18.07.2022, 10:13

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Diese Erfindung von Forschern und Praktikern aus der Seenplatte und Vorpommern will viel Schmerz und Leid verhindern. Im Klischee des „amerikanischen Traums“ wäre es eine Garage, von der aus eine Geschäftsidee die Welt und das Internet erobert und ihren Erfinder reich und berühmt macht. Im richtigen Leben ist es eine Villa am Neubrandenburger Friedrich-Engels-Ring, von der aus ein innovatives Medizinprodukt vielen Menschen Leid, Schmerz und gar Amputationen ersparen kann.

Frühwarn-Sohle ausgezeichnet

Für das, was hier derzeit noch als Kleinserie weitgehend in Handarbeit entsteht, ist das junge Unternehmen Osentec erst vor wenigen Tagen bei der Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft mit dem Baltic Sea Region Health Innovation Award (zu Deutsch: Gesundheits-Innovationspreis der Ostseeregion) ausgezeichnet worden: Für eine „intelligente“ sensorische Einlegesohle, die frühzeitig auf eine Gefährdung für das Diabetische Fußsyndrom aufmerksam macht.

Jeder vierte Diabetiker ist Statistiken zufolge von diesem Leiden betroffen, weiß Osentec-Geschäftsführer Lars Eschenburg. Es beginnt damit, dass infolge der krankheitsbedingten Nervenschädigungen das Schmerz- und Temperaturempfinden gerade in den äußersten Körperregionen nachlässt; es führt zu Geschwüren und schlecht heilenden Wunden, die eben wegen dieser Wahrnehmungsstörung erst spät bemerkt werden; im schlimmsten Fall muss der „Diabetesfuß“ amputiert werden.

Die Vorsorge bestehe – neben regelmäßigen ärztlichen Kontrollen – in erster Linie darin, „dass man sich abends mit einem Spiegel hinsetzt und die Fußsohle untersucht“.

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Jahrelange Forschung

Einen gewaltigen Fortschritt bedeutet daher die Neuentwicklung, die auf ein mehrjähriges Forschungsprojekt und ein wirkungsvolles Geflecht von Praktikern und Wissenschaftlern zurückgeht. Das in Greifswald heimische Orthopädietechnik-Unternehmen OT-Aktiv, das neben diversen vorpommerschen Standorten auch ein Sanitätshaus in Neubrandenburg betreibt, arbeitete dabei zusammen mit dem Kompetenzzentrum Diabetes am Klinikum Karlsburg (KDK) und dem Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie in Greifswald.

Herstellung und Vertrieb des revolutionären Hilfsmittels sind nun das Geschäftsfeld der eigens gegründeten Osentec GmbH, deren Name ganz prosaisch für „Orthopädische Sensor-Technologie“ steht. Das kleine Team besteht aus Wirtschaftsingenieur Lars Eschenburg, der internationale Erfahrungen in der Unternehmensberatung und -führung mitbringt, sowie dem Greifswalder OT-Aktiv-Geschäftsführer Frank Starkowski für die technische Kompetenz und dem Neubrandenburger Matthes Scheibeler für Produktion und Weiterentwicklung des Produkts.

Dünne Sensorfolie schickt Daten an App

Als „gedruckte Elektronik“ beschreibt Eschenburg die foliendünne Sensorschicht in der Einlegesohle, die auffällige Temperaturabweichungen und andere Messwerte analysiert. So können „Hotspots“ frühzeitig erkannt werden – den Forschungen zufolge drei bis fünf Wochen, bevor eine Entzündung kritisch wird. Die zugehörige App sendet dann eine Warnnachricht. Dass gerade in der hochbetagten Zielgruppe nicht jeder Patient ein Smartphone besitzt, ist den Entwicklern bewusst. „Aber es ist doch wahrscheinlich, dass Betroffene selbst oder jemand aus der Familie eins nutzen“, sagt Eschenburg.

Erst recht, wenn es wichtige Gesundheitsinformationen liefert durch eine Technologie, für die es bislang kaum Vergleichbares gibt. Eschenburg weiß von einem früheren Forschungsprojekt in Magdeburg, dessen Ergebnis jedoch nicht auf den Markt kam, und von einzelnen Unternehmen in den USA, die ein solches „Frühwarnsystem“ in Form einer Fußmatte anbieten. Mit der alltagstauglichen Einlegesohle betreten die Entwickler aus Mecklenburg-Vorpommern Neuland. „So etwas war bisher technisch nicht möglich“, verdeutlicht Eschenburg, „das war eine große Kollektivleistung.“ Natürlich wurde das Produkt international patentiert.

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Gespräche mit Krankenkassen

Die Herstellung soll im eigenen Lande erfolgen. Investoren sind willkommen, um eine Serienproduktion ankurbeln zu können. Im Gange ist zugleich das Prozedere für eine Zulassung als Medizinprodukt – ein langwieriges Verfahren, das sich nach Eschenburgs Prognose selbst bei reibungslosem Verlauf mindestens bis Ende 2023 erstrecken dürfte. Daher gibt es bereits Gespräche mit Krankenkassen über Selektivverträge, mit denen die Sohle ins Leistungsangebot aufgenommen werden könnte, weil der Mehrwert für die Patienten und die Vermeidung teurer Folgeschäden erkannt wird.

Der Innovationspreis bringt dem Unternehmen ein Preisgeld von 5000 Euro ein; mindestens ebenso wichtig sind den Entwicklern die in gleicher Höhe verheißenen Sach- und Beratungsleistungen, die zum Beispiel die erhofften Büro- und Laborräume in Greifswald ermöglichen. Nicht zu unterschätzen sind, wie Eschenburg weiß, auch Prestige und Aufmerksamkeit, die aus der Ehrung resultieren. Den Bedarf an ihrem Produkt jedenfalls zeigen schon jetzt die über die Website eingehenden Anfragen.

Kampf gegen Volkskrankheit

Die Osentec-Gründer haben daher keinerlei Sorge, auf ihrer Neuheit sitzen zu bleiben. Ebenso wenig fürchten sie Konkurrenten, die sie ohnehin als „Mitstreiter im Kampf gegen Diabetes“ sähen: Die Volkskrankheit und diverse Folgeerkrankungen fordern das Gesundheitssystem in einem Ausmaß heraus, dass keinesfalls ein Anbieter allein den Hilfsmittel-Markt abdecken könne. Im Blick hat Osentec auch schon weitere Nutzungsmöglichkeiten der Sensor-Technologie: zum Beispiel in Prothesen, um Entzündungen am Stumpf amputierter Gliedmaßen zu vermeiden, oder zur Prophylaxe gegen den als „Wundliegen“ gefürchteten Dekubitus.

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