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Interview

„Ich denke an Ostzeiten zurück, da beherrschte Frieden als wichtigstes Gebot die Politik“

Neuenhagen/Kölpinsee / Lesedauer: 5 min

Dieter Birr, Frontmann der Puhdys, wird im März 80 Jahre alt und steht weiter gern auf der Bühne. Im Interview spricht er über Musik, Weltfrieden und sein erstes Date.
Veröffentlicht:02.12.2023, 08:00

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In den neuen Bundesländern weiß bis heute beinahe jedes Kind, wer „Maschine“ ist. Auf den Konzerten singen Jung und Alt die großen Hymnen im Chor. Nur Säle im Westen fehlen auf Ihrer Terminliste. Woran liegt’s?

Das hat sich so hinentwickelt. Mit den Puhdys waren wir auch viel im Westen unterwegs, aber mich solo kennen da eben nicht so viele. Da müsste nun erst viel Aufbauarbeit geleistet werden. Also gehe ich mit „Hasspe“ (Uwe Hassbecker, d. Red.) weiter auf die Bühnen zwischen Ostsee und Erzgebirge. Hier ist das Echo der Leute noch immer gigantisch. Wo wir ursprünglich kalkuliert vor 300 Fans, eben intim, spielen wollten, kommen jetzt 1000 Gäste, sind die Events Kult, Karten schnell vergriffen. Es gibt für mich nichts Schöneres, als solche umjubelten Abende mitzugestalten.

Was denken Sie, worin liegt der Erfolg begründet?

Das ist schwer zu sagen. Solche Konzerte zeichnen sich durch die Nähe von Publikum und Musikern aus. Sie sind zwar nicht so bombastisch wie die mit einer sehr lauten Band im Rücken, aber eben anders, auch großartig. Die Leute schauen uns auf die Finger, wenn wir spielen, sind hautnah dran. Ich glaube, das lieben beide Seiten.

Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker begleitet Dieter Birr bei seinem Programm.
Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker begleitet Dieter Birr bei seinem Programm. (Foto: Steffen Adler)

Wie groß ist Uwe Hassbeckers Anteil am Gelingen des Projektes?

Sehr groß, wir sind sehr professionelle Kollegen, aber inzwischen auch gute Freunde, die miteinander gut können, ja manchmal harmonieren.  Das muss so sein, sonst funktioniert die Bühnenshow nicht. Wir haben beide Spaß, verarschen uns auch mal, und das wertschätzen die Leute, wir sind bodenständig geblieben. Und Hasspe ist zudem einer der besten Gitarristen überhaupt. Er hat eine riesige Bühnenpräsenz und beherrscht die verschiedensten Instrumente - wunderbar!

Voriges Jahr haben Sie im Duo den Bernsteinsaal in der Kölpinseer „Seerose“ zum Kochen gebracht, jetzt kommen Sie wieder hierher. Der Gig ist quasi ausverkauft. Variiert Ihr musikalisches Angebot, werden Titel ausgetauscht?

Ich kann die Anhänger ja nicht enttäuschen, die wollen natürlich die besten und größten Hits hören, also bringen wir die. In einer neuen Version wird auch „Das Buch“ zu hören sein. Denn es ist aktueller denn je, leider. Aber es gibt auch Songs jüngeren Datums. Und auch ein, zwei Weihnachtslieder.

Sie werden häufig als unverbesserlicher Optimist bezeichnet. Hat das in einer Zeit der Krisen, Kriege und des Hasses noch Bestand?

Sehr schwierige Frage. Das Geschehen in den Krisenzentren geht mir echt nahe. Es ist manchmal kaum auszuhalten, was unschuldigen Menschen massenhaft angetan wird. Die Eindrücke davon rauben mir auch schon mal die Ruhe. Ich hab’ geglaubt, so was passiert nicht mehr. Das war ein Irrtum. Aber ein bisschen Hoffnung will ich mir dennoch bewahren, denn wir können ja nicht alle dauerhaft mit schlechter Laune herumlaufen. Ich denke an Ostzeiten zurück, da beherrschte Frieden als das wichtigste Gebot die Politik. Damals schienen Kriege ganz, ganz weit weg …

Dieter "Maschine" Birr wird am 17. März nächsten Jahres 80 Jahre alt
Dieter "Maschine" Birr wird am 17. März nächsten Jahres 80 Jahre alt (Foto: Sebastian Willnow)

Am 17. März 2024 werden Sie 80 Jahre alt. Gibt es da Geschenke Ihrerseits für die nach wie vor große Schar der Maschine-Fans?

Klar, ich weiß zwar noch nicht, ob überhaupt und wie gefeiert wird, weil ich am Tag danach Frühschicht habe - kleiner Scherz! Aber für die Leute gibt es im Februar und März ein neues Album „Mein Weg“ und mein neues Buch („Was bisher geschah“ von Christian Hentschel, Rotbuch-Verlag). Ich hoffe, beides kommt gut an.

Sie haben Ihre Frau Ende der 1970er Jahre im Hotel „Vier Tore“ in Neubrandenburg kennengelernt. Erinnern Sie sich daran? Und zieht es Sie noch öfter hierher?

Durchaus, wir spielten und spielen ja auch oft hier, wie im Nordosten überhaupt. Sylvia hat damals ein praktisches Jahr im Hotel gemacht und wir saßen nach der Mugge noch im Restaurant. Da begegneten wir uns, später abends noch mal. Dabei hätten wir uns im nächtlichen Nebel beim ersten Date beinahe verpasst. Aber es hat sich dann alles doch schnell gefunden. Am 1. August 1979 zog es uns zum Standesamt.

„Halte durch!“ heißt einer Ihrer Titel. So lautet aber auch ein typischer Slogan, mit dem Sie sich gern verabschieden. Sagt ihn Maschine gelegentlich auch zu sich selbst?

Klar. Bis jetzt hat es gut geklappt. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich ein solches musikalisches Leben führen und meine Pläne auf der Bühne wahr machen durfte. Dafür habe ich aber auch eisern durchgezogen, manchmal auf Schlaf verzichtet und bin bis heute immer erreich- und ansprechbar. Das ist für mich und fürs Geschäft unerlässlich.

Auch wenn es für ein Resümee noch viel zu früh ist:  Am Ende der aktuellen Intim-Konzerte singen Sie mit den Leuten immer wieder „Was bleibt?“. Und was antwortet Maschine persönlich auf die Frage: „Was bleibt?“

Na zunächst mal die treuen Fans, gute Freunde und das große Glück, dass ich eine Top-Karriere als Frontmann und Sänger der Puhdys mitgestalten durfte. Das war die beste Zeit. Und noch erstaunlicher ist, dass der Erfolg bis ins Alter anhält. Das bleibt!