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Mehrwertsteuer

Von Usedom bis zur Müritz – Gastronomen sauer wegen hoher „Märchensteuer“

Basedow/Mellenthin / Lesedauer: 4 min

Die angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer in der Gastronomie kommt für die meisten überraschend – und schockiert. Die Aussichten sind düster. 
Veröffentlicht:04.12.2023, 17:57

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Nun also doch: Überraschend und entgegen anderslautender Versprechen steigt zum 1. Januar die wegen der Corona-Krise gesenkte Mehrwertsteuer in der Gastronomie wieder von sieben auf 19 Prozent - also erheblich. Für etliche Gastronomen in der Seenplatte und Vorpommern bedeutet das eine herbe Enttäuschung. Zumal kurz nach dieser Ankündigung zur Stopfung des Milliarden-Haushaltsloches die nächste Hiobsbotschaft kam: der vorzeitige Wegfall der Strom- und Gaspreisbremse ebenfalls zum Jahresbeginn 2024.

Coronahilfen zurückzahlen

„Die Politiker wollen uns ausbluten lassen“, sagt Steffen Wollert, Geschäftsführer des Gutshofs Am Peenetal in Liepen bei Anklam. „Aufzufangen ist das nicht, planbar auch nichts mehr. Das ist der verkehrte Weg, denn dann kommt kein Gast mehr.“ Wenn nun die „Märchensteuer“ wieder erhöht werde, sei mit ihrer vorherigen Senkung nicht viel gekonnt worden. „Denn die Coronahilfen müssen wir jetzt auch zurückzahlen.“ Wollert spricht von einigen Kollegen, die bereits ans Aufgeben denken würden. Statt „der ganzen Welt zu helfen“ solle man sich um die Menschen hierzulande Gedanken machen. „Erst vor ein paar Tagen habe ich nämlich eine alte Frau im Müll wühlen sehen." 

Verena Mau vom Hotel-Restaurant „Rosendomizil“ in Malchow hält diese Entscheidung der Politik für „den allergrößten Schlag ins Gesicht der Touristiker“ - zumal sie nicht mit deren vorherigen Aussagen korreliere. „Dann wird der Kuchen eben nicht mehr 3,50 Euro kosten, sondern 4,50 Euro und dann werden wir sehen, wer noch kommt.“

Steffen Wollert vom Gutshof Liepen ist dafür bekannt, sich viel Innovatives einfallen zu lassen wie ein Draußenbad. Jetzt aber gehen selbst ihm die Ideen aus bei der derzeitigen Politik. Ob jetzt viele „baden gehen“?
Steffen Wollert vom Gutshof Liepen ist dafür bekannt, sich viel Innovatives einfallen zu lassen wie ein Draußenbad. Jetzt aber gehen selbst ihm die Ideen aus bei der derzeitigen Politik. Ob jetzt viele „baden gehen“? (Foto: Maaß)

Auch Essensversorger für Schulen, Kitas, Altenheime betroffen

Die Kosten möglichst nicht erhöhen möchte Simone Ahnfeld vom Landgasthof „Zur Schmiede“ in Roez. „Wir sind bestrebt, weiter gut im Service und mit überschaubaren Preisen für unsere Gäste da zu sein“, sagt die Vollblutgastronomin, die zunächst Wirtin auf Rügen und bei Waren war. „Jeder, ob wohl situiert oder einfacher Rentner, soll es sich noch leisten können, essen zu gehen“, findet Ahnfeld, wenngleich auch sie höchst verärgert sei. Weil Kanzler Olaf Scholz vor der Bundestagswahl im Jahr 2021 noch in der Wahlarena versprochen habe, dass es mit ihm bei der Senkung der Mehrwertsteuer bleibe.

Simone Ahnfeld vom Landgasthof „Schmiede“ in Roez ist verärgert.
Simone Ahnfeld vom Landgasthof „Schmiede“ in Roez ist verärgert. (Foto: SCHIPKE)

„Das hat er wohl vergessen“, sagt Jan Fidora, Inhaber vom Hotelrestaurant Wasserschloss Mellenthin auf Usedom. Der Wirt erinnert daran, dass zu all dem ja noch weitere Belastungen kämen: Neben der Erhöhung der Lebensmittel- und Energiepreise seien ja mit der größeren Steuerabgabe auch die Essensversorger in Schulen, Kindergärten, Altenheimen und Krankenhäusern betroffen. 

Sonderlösung für MV?

Daniel Witt, Chef vom Farmer-Steakhouse in Basedow in der Mecklenburgischen Schweiz, findet, dass Essengehen zu den Grundbedürfnissen zählt und nicht zum Luxus-Segment werden sollte, das sich nicht mehr jeder leisten kann. „Aber wenn es noch teurer wird, können vor allem Familien vielleicht nur noch einmal im Jahr einen Restaurantbesuch stemmen“, fürchtet er. Witt wolle dennoch versuchen, weiterhin täglich von 11 bis 21 Uhr warme Küche mit 23 Angestellten zu halten. Der gebürtige Malchiner, der sich als Kind der Region bezeichnet, meint, solche Entscheidungen träfen strukturschwache Regionen wie das mecklenburg-vorpommersche Binnenland besonders hart, weil hier eben das Geld nicht so locker sitzt. „Deshalb hoffe ich auf eine Sonderlösung für Mecklenburg-Vorpommern und dass wir bald eine coole Entscheidung treffen, die uns am Ende allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert." 

Dehoga-Chef von MV, Lars Schwarz, hält die Entscheidung, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, für ein „fatales Signal“.
Dehoga-Chef von MV, Lars Schwarz, hält die Entscheidung, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, für ein „fatales Signal“. (Foto: Eberhard Rogmann)

Dafür will Mecklenburg-Vorpommerns Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Lars Schwarz, am Ball bleiben. Wenngleich er eine Katastrophe heraufziehen sieht. „Das Beben wird deutliche Spuren im Tourismusland MV hinterlassen. Gerade im ländlichen Binnenraum wird das fatale Auswirkungen haben“, sagt er. „Wer glaubt, dass die Preise deutlich erhöht werden und die Leute doch noch in die Gaststätte gehen, wird sich täuschen. Und das große Aufwachen wird kommen, wenn ein Lokal nach dem anderen schließt.“

Milliarden für Rüstung, aber nicht für die Menschen vor Ort

Einer Verbands-Umfrage zufolge würden über 60 Prozent der Befragten bei höheren Restaurantpreisen nicht mehr essen gehen. „Dabei gehört das zur Teilhabe am Leben“, nennt der Verbands-Chef, der selbst Gastronom ist, als positive Beispiele etliche EU-Nachbarstaaten, die bei der gesenkten Mehrwertsteuer geblieben seien. Summa summarum: Ein fatales Signal, das der sogenannte „kleine Mann“ nicht versteht, wenn zugleich Milliarden für Rüstung ausgegeben würden. Nichtsdestotrotz: „Wir kämpfen weiter“, kündigt Schwarz an.