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Idyllisches Usedom

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Auf Landpartie mit zwei Pferdestärken

Angekommen am Wolgastsee wirft Brigitte Will den beiden Mecklenburger Kaltblütern eine Decke auf den Rücken – als Schutz vor den Pferdebremsen.
Oliver Tobolewski

Brigitte Will ist die einzige Frau auf der Insel Usedom, die eine Kutsche steuert. Mit ihren Gästen geht sie auf Entdeckungstour abseits des touristischen Trubels und bietet ihnen Natur pur.

„Kommt, kommt, nu mal los Jungs.“ Peu a Peu setzen sich die beiden Mecklenburger Kaltblüter Vik und Vito in Bewegung. „Haben die keine Lust, haben wir schlechte Karten“, ruft Brigitte Will ihren Gästen zu. Gelächter.

Eng beieinander sitzen die 24 Fahrgäste auf der grünen Lederbank im Fond der Kutsche. Sie sind auf Entdeckungsreise. Abseits des mondänen Usedoms wollen sie das Idyllische der Insel aufspüren. Schon Theodor Fontane zog es von den Kaiserbädern ins Grüne. „Man hat Ruhe und frische Luft und diese beiden Dinge erfüllen Nerven, Herz und Lungen mit einer stillen Wonne“, schrieb er in einem Brief an seine Frau.

Dem Frühjahrshering verdanke Heringsdorf seinen Namen, sagt sie. Georg Bernhard von Bülow ließ auf der Kulm, einer Erhebung nahe der Küste, das erste Gästequartier errichten. „Den Namen schüttelte er ganz locker aus dem Handgelenk. Wir nennen Heringsdorf, Heringsdörp“, erzählt Brigitte Will, während sie den Kremser an der alten Post vorbeisteuert. „Die Badewanne der Berliner.“

Brigitte Will ist die einzige Frau auf der Insel, die eine Kutsche steuert. Eine Frau in einer Männerdomäne. „Wir sind in einer Männergilde nicht gern gesehen, sagte meine Oma. Aber wenn die Männer nicht da waren, hat sie die Arbeit gemacht.“ Die 58-Jährige ist in der Landwirtschaft groß geworden. Pferde begleiteten sie durchs Leben. Auch ihren Mann lernte sie durch das Ross kennen. Beim Pferdesport.

Die Touristen bestimmen seit fast 200 Jahren den Takt der Kaiserbäder. Als die Besucher damals im Herbst die Insel wieder verlassen hatten, wurden Post und Apotheke geschlossen. „Ohne Urlauber müssen wir uns heut noch nach drei Tagen was anderes einfallen lassen“, sagt Brigitte Will mit einem Schmunzeln.

Sie zieht die Fahrleine straff. Die Vik und Vito stoppen an der roten Ampel. Brigitte Will tritt die Bremse durch und dreht sich ihren Fahrgästen zu. „Ein paar Meter sind wir up de Straße, dann führn wir links wech durch Wald und Wiesen. Dann wird‘s ruhiger.“ Gerne streut sie ein paar Brocken Platt in ihre Erzählungen. Gelb, Grün. Die beiden Kaltblüter traben langsam los. Ein leichter Ruck und die Kutsche rollt wieder.

Die Hufeneisen klackern im Takt auf dem Asphalt

Die Kremserfahrt hat Tradition. „Das Kutsche führen ist so alt wie die Häuser von Ahlbeck“, sagt Brigitte Will. Vor 31 Jahren meldete ihr Mann ein Ein-Mann-Gewerbe an. Das war zu DDR-Zeiten erlaubt. Ein Fuhrbetrieb. Die Pferde zogen Kohle, Baustoffe, Bretter, Fisch und Seetang. „Vormittags die Schinderei, nachmittags die Kutschfahrt.“

Den Hügel erklommen, geht es runter von der Hauptstraße vorbei an der Mutter-Kind-Klinik in Heringsdorf Richtung Wald. „Die Pferde haben auch eine Berufsroutine. Manchmal wollen sie auf den Parkplatz, weil wir hier auch öfter starten“, erzählt Brigitte Will auf Höhe der Kurklinik, die schon lange zu Heringsdorf gehört. Siemens habe dort 1920 ein Erholungsdomizil geschaffen.

Im Gleichtakt klackern die Hufeneisen auf dem Asphalt der schmalen Straße. Zwei Frauen mit Rucksäcken stehen am Rand einer Kreuzung. Etwas verloren. Brigitte Will hält an. „Wohin wollen Sie? Kann ich helfen?“ Die beiden Wanderinnen lehnen ab. Sie wüssten den Weg.

Die Begegnung ruft eine Erinnerung wach. „Ein junger Mann, ein Radsportler, drehte die Karte. Ich fragte: Brauchen Sie Hilfe?“, erzählt sie ihren Fahrgästen. „Nein, ich weiß Bescheid, sagte er. Eine Stunde später kam er uns wieder entgegen. Eine Stunde ist er im Kreis gefahren. Dann fragte ich wieder: Brauchen sie Hilfe? Er lehnte ab“, sagt Brigitte Will. Dann rief sie ihm hinterher: „Sie sind eine Stunde im Kreis gefahren.“ Auf ihren Touren hat sie viel erlebt, kennt viele Anekdoten. Auf dem Landweg schaukelt die Kutsche. Bei jedem Loch werden die Gäste nach links oder rechts gedrückt. „Ischias und Bandscheiben haben sie eh, liebe Gäste, zu Hause gelassen“, ruft sie ihren Gästen zu.

Plattdeutsch statt Wiener Schmäh

Wintergerste und Wiesensäumen den Weg. „Zur Wintergerste seggen wi Wintergarst. Aber Landwirtschaft auf Usedom“, Brigitte Will stoppt kurz, „Für den Buern viel Müh, aber wenig im Sack.“ Lautes Gelächter. Sogar ein Ehepaar aus Wien lacht mit. Platt statt Wiener Schmäh.

Die Kutsche zieht vorbei an Gothen und fährt Richtung Korswandt. Links und rechts des Weges Sumpf, Schwarzerlen und der Wind bläst leicht von Osten. Nur wenige hundert Meter Luftlinie von den Hotels der Kaiserbäder entfernt findet man Natur pur und Ruhe. Die Kutscherin stoppt den Wagen. „Hören Sie die Vögel.“ Die Luft steht. Die Vögel singen. „Bei dem schwül-warmen Wetter hört man sie besonders gut.“ Wenig später erreicht der Kremser Korswandt, ein ehemaliges Bauern-Dorf. Auf dem sandigen Boden und den sumpfigen Wiesen hatten es die Bauern schwer. Sie arbeiteten deshalb als Handwerker in Heringsdorf und Ahlbeck. Die Ehefrauen suchten sich eine Anstellung als Hausmädchen während der Saison.

Alte Lehmfachwerkhäuser und Schilfdächer wurden liebevoll saniert. Auch Korswandt am Wolgastsee lebt heute vom Tourismus. „Wo heute der Golfplatz war früher Acker und der hieß Elend“, erklärt Brigitte Will. Am Wolgastsee angekommen, wirft sie Vik und Vito eine Decke über den Rücken als Schutz vor den Pferdebremsen. „So leeve Leut, ich verabschiede mich von Euch.“ Die Fahrgäste gehen zum See oder setzen sich auf die Terrasse eines Cafés. Brigitte Will bereitet die nächste Tour vor.