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1000 PS hinter sieben Bergen

Im Pferdeschlitten geht es zur Schönangeralm. Wer es auf- regender mag, kommt im neuen Skigebiet auf seine Kosten.
Im Pferdeschlitten geht es zur Schönangeralm. Wer es auf- regender mag, kommt im neuen Skigebiet auf seine Kosten.
Axel Scheibe

Die Wildschönau – Tiroler Idylle in den Kitzbühler Alpen. Wer da im Winter zuerst ans Skifahren denkt, liegt nicht ganz verkehrt, sollte sich allerdings auf überraschende Entdeckungen gefasst machen.

1 000 PS hinter den sieben Bergen – eine Vorstellung, die so gar nicht zu Grimms Märchen passt. Immerhin hatte Schneewittchen gerade mal die Kraft von sieben Zwergen zur Verfügung und erst der edle Prinz brachte eine Pferdestärke in ihr Leben. Der Gedanke an gar 1000 PS erscheint den meisten Gästen der Wildschönau in Tirol eher fremd. Immerhin ist das kleine Bergdorf Thierbach das idyllischste Fleckchen in der an sich schon reichlich ruhigen und idyllischen Gemeinde in den Kitzbühler Alpen. Conrad Gruber, seines Zeichens einer der besten Motortuner im deutschen Sprachraum, ist diese Irritationen gewohnt. Für ihn sind sie ebenso alltäglich, wie für die Bergbauern die regelmäßigen Begegnungen mit heißen Sportwagen, die von einem anderen Stern zu kommen scheinen. Flach wie Flundern, doch brüllender als ein Dutzend Stiere.

Touristen, die gerade die Ruhe im malerischen Tal am Fuße der Schatzbergalm genießen, mögen dagegen doch ein wenig erschrecken, wenn Conrad Gruber vor seiner kleinen Werkstatt in einen der 1000 PS-Boliden steigt, um für eine Testfahrt, natürlich mit gezügelter Kraft und kaum schneller als der lustige Bummelzug, der in der Wildschönau die Gäste von Ort zu Ort bringt, zur Autobahn aufbricht.

Edeltüftler mag es eher klein aber fein

Aber keine Angst. Das passiert eher selten. Conrad Grubers hoch spezialisierte Werkstatt besitzt natürlich einen Motorenprüfstand. Das erspart viele Kilometer. Übrigens ist er hier hinter den sieben Bergen der Einzige in Österreich, der auch das Testen von Autos mit mehr als 1000 PS erlaubt.

Klein aber fein, so die Devise des Edeltüftlers. Die Wagen, die im Jahr von ihren „Herrchen“ aus aller Welt angeliefert werden, kann man an zwei Händen abzählen. Dafür bekommt jeder Kunde ein absolutes Unikat. Wer für seinen Serienrenner eine halbe Million Euro auf den Tisch gelegt hat, dem kommt es dann beim Feintuning auf einige Zehn- oder gar Hunderttausend nicht an. Scheichs lieben solche Spielzeuge ebenso wie neureiche Russen. Natürlich ist der Gruber-Conrad nur eine Facette, die die Wildschönau zu bieten hat. Und sicher nicht die Wichtigste. Denn der schnellen Motoren wegen kommen die Touristen nicht hier hoch. Es sind die tollen sonnenverwöhnten Skigebiete an der Schatzbergalm und am Markbachjoch.

Ein Geheimtipp ist die Wildschönau nicht mehr. Doch die großen Ströme des Massenskitourismus machen um das malerische Tal einen weiten Bogen. Das mag daran liegen, dass die Skigebiete zwar wunderschön sind, sich aber von der Größe nicht mit anderen messen können. Vielleicht aber auch daran, dass es die Wildschönauer verstanden haben, den kleinen Orten im Tal ihre Ursprünglichkeit zu erhalten. Die Einwohner sind von einem ganz besonderen Schlag und „Originale“ gibt es reichlich.

Siegfried Kistl, kurz Siggi genannt, gehört sicher dazu. Wenn der Bergbauer und Schnapsbrenner aus Leidenschaft an dunklen Winterabenden hinunter zum Kellerwirt kommt, um Gäste, die ein paar Flaschen seiner edlen Obstbrände möchten, ganz persönlich zu beliefern, ist für Spaß und Abwechslung gesorgt. So manch potenzieller Kunde traut sich bei Schnee und Eis die Auffahrt zum Zwecklhof nicht zu. Dort, auf rund 1 200 Metern hat Siggi seine gemütliche Brennerhütte. Wie einige Bergbauern hat auch er sein großes Brennrecht noch aus Maria Theresias Zeiten. Das heißt, pro Jahr darf er 300 Liter reinen Alkohol brennen. Nicht viel, für einen, der mit Leib und Seele an der Brennblase steht.

Der Gasthof vom Kellerwirt beherbergte bereits um 1150 den Probst des Klosters am Chiemsee und dessen Gäste. Das historische Kellergewölbe wurde von den Mönchen als Weinlager genutzt. Heute hütet Hans Keller, Wirt in x-ter Generation, in den uralten, denkmalgeschützten Gewölben seinen Schatz edler Tropfen. Das Haus selbst atmet an jeder Ecke Geschichte. Und sicher würde es, wenn es nur reden könnte, manch spannende Geschichte erzählen.

Brennrechte dank Kaiserin Maria Theresia

Vom Kellerwirt sind es nur ein paar Schritte zu einem weiteren Original – dem Original Krautinger. Nun ist der Krautinger auf dem Steinerhof kein Mann, sondern ein Geist, der in handlichen Flaschen abgefüllt auf den Tisch kommt. „So wie auch die Obstler-Brenner haben wir unsere Brennrechte der Kaiserin Maria Theresia zu verdanken“, weiß Josef Thaler zu erzählen, während er mit Bedacht eine der Flaschen öffnet. „Das ist ein ganz besonderes Brennrecht. Wir dürfen damit bis heute aus der weißen Rübe Schnaps destillieren.“ Die Wildschönau war zu Zeiten der Kaiserin ein sehr armer Landstrich. Um den Bauern eine zusätzliche Erwerbsquelle zu sichern, erteilte ihnen Maria Theresia dieses Brennrecht exklusiv. Bis heute darf der Krautinger also nur in den kleinen Dörfern der Wildschönau aus der Brennblase tropfen. Im Bergbauernmuseum z´Bach, nur einen Katzensprung vom Steinerhof entfernt, kann man über den Krautinger lesen, er sei die Medizin der Wildschönau. Wenn man davon ausgeht, dass Medizin nicht gerade eine Gaumenfreude ist, mag das stimmen. „Der hat schon etwas Eigenwilliges“, bestätigt Josef Thaler gern. „Doch zur Region gehört er dazu. Dabei kommt es darauf an, dass der Krautinger möglichst mindestens ein Jahr lagert.“ Josef Thaler muss das mehr als beherzigt haben. Sein Krautinger gleitet weich hinab. Nur die Nase, die sollte man besser zuhalten. Das braucht man bei Siggis Obstbränden nicht.

2000 Ausstellungsstücke aus Liebe zum Holz

Neben dem bereits erwähnten Bergbauernmuseum, das sich um die Kultur, die Traditionen und die Geschichte der althergebrachten Landwirtschaftsbetriebe in der Region kümmert, gibt es in Auffach ein weiteres Museum. Vor zehn Jahren gründete Holzbildhauer und Schnitzer Hubert Salcher in einem rustikalen Holzhaus mitten im Ort das erste Tiroler Holzmuseum. In einem bunten Sammelsurium von über 2 000 Ausstellungstücken bringt er den Besuchern seine große Liebe zum Holz näher. Das reicht von einem Streifzug durch heimische Wälder über den Holzeinschlag und den Transport der Stämme aus den Berglagen hinunter ins Tal bis zu all den Gewerken, die auf Holz angewiesen sind, es für ihre Arbeit und ihr Leben benötigen. Dass dabei auch das Schnitzen nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst. Langweilig wird es den großen und kleinen Schaulustigen nicht. Dafür hat Hubert Salcher gesorgt. In verschiedenen Fernsehgeräten laufen historische Filme, im Haus dreht eine kleine Modellbahn ihre Runden.

Für Liebhaber rasanter Pisten gibt es seit Kurzem ein ganz besonders attraktives Ziel – das neue Skigebiet Ski Juwel Alpbachtal/Wildschönau. Es verbindet zwei der schönsten Skigebiete Tirols. Natürlich kann man in der Wildschönau den Winterspaß auch auf schmalen Brettern, mit Schneeschuhen oder auf dem Rodelschlitten genießen. Gut präparierte Loipen führen durch das leicht kupierte Gelände des Tales.

Brettljause und Geschichte pur beim Sollerwirt

Besonderen Spaß macht eine Schlittenpartie auf der über acht Kilometer langen Naturrodelbahn von der Bergstation auf der Schatzbergalm hinunter nach Thierbach bis fast vor die Tür des Sollerwirts. Hier wartet dann nicht nur nicht nur eine deftige Brettljause, sondern auch Geschichte pur. In der gemütlichen Speckbacher-Stube schrieb vor 200 Jahren Major Josef Speckbacher, der an der Seite von Andreas Hofer gegen die Napoleonischen Eindringlinge in der Schlacht am Bergisel kämpfte, seinen verzweifelten Aufruf an die Bauern, für ihr Vaterland zu kämpfen. Wer keine Waffe besaß, sollte mit Mistgabeln, Sensen oder ähnlichen bäuerlichen Gerätschaften in den Kampf ziehen. An der Wand hängt eine Kopie des Aufrufs und es existiert sogar noch der kleine grüne Klapptisch, auf dem Major Speckbacher seine Verzweiflung zu Papier gebracht hat. Das ist lange her. Heute sollte man sich nach dem guten Essen die Schneeschuhe unterschnallen und einen Verdauungsspaziergang rund um den Thierbach Kogel einplanen.

Ehe man der Wildschönau Ade sagen muss, sollte man sich unbedingt Zeit für einen Bummel auf dem Fanziskusweg nehmen. Über neun Stationen führt er von Niederau nach Oberau immer auf den Spuren des Sonnengesangs, den der Heilige Franziskus zu Beginn des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben hat. Hubert Flörls Anliegen, seines Zeichens Bildhauer und Sohn der Region, setzte die schlichten Verse ebenso schlicht und ergreifend um. Die immer wiederkehrende Grundfigur des Heiligen in seiner Kutte, ergänzt er, dem Inhalt der einzelnen Verse gemäß vom Universum über die Sonne bis hin zum Tod, mit Bronzeplastiken. Dabei ist es Hubert Flörl, die Friedensidee in klaren Formen erlebbar zu gestalten. Eingebunden in die herrliche Bergwelt der Wildschönau regt er an, über die Beziehung zur Schöpfung nachzudenken, Ruhe zu finden im hektischen Alltag. Ruhe und Besinnung, für die die Wildschönau viele Möglichkeiten bietet.