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Hänsel und Gretel auf dem Teller

Nordhessen ist Märchenland, hier im Dornröschenschloss Sababurg.
Nordhessen ist Märchenland, hier im Dornröschenschloss Sababurg.
Oliver Gerhard

Rund um Kassel sorgen 50 Märchenköche dafür, dass Schneeweißchen und Rosenrot ebenso vernascht werden können, wie die Wackersteine aus der Wolf und die sieben Geißlein oder Aschenputtels Linsen.

„Gott zum Gruße, die Herrschaften. Dorothea Viehmann, zu Ihren Diensten!“ Scheppernd fällt die Tür hinter der Dame ins Schloss, die fast unbemerkt in den Gastraum geschlüpft ist. Die Frau mit blauem Umhang und weißer Haube erzählt das Märchen von Schneeweißchen und Rosenrot. „Da war eine arme Witwe, die lebte in einem kleinen Häuschen im Wald ...“

Sorbets in Weiß und Rot

Die Gäste im Brauhaus Knallhütte bei Kassel lassen das Besteck sinken. Sie sind gerade beim Dessert: Sorbets in Weiß und Rot – das Rezept passend zum Märchen. Auch der Hauptgang hat einen Bezug zu den Märchen der Gebrüder Grimm, die fast 30 Jahre lang in Kassel lebten und hier einen Großteil ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ sammelten.

Vor rund 200 Jahren veröffentlicht, gehören Grimms Märchen heute zum Weltdokumentenerbe.Eine ihrer Informantinnen aus dem Volk war damals Dorothea Viehmann, die 1755 in der Knallhütte geboren wurde, lange hier lebte, und dabei den wilden Geschichten der durchreisenden Fuhrleute lauschte. In rund einem Drittel der Märchen geht es auch ums Essen: vom Picknickkorb bei Rotkäppchen und den Linsen bei Aschenputtel über den „Süßen Brei“ bis hin zum Klassiker „Tischlein deck dich“.Rund 50 Küchenchefs haben sich davon inspirieren lassen und sich zu Märchenköchen ausbilden lassen. Diesen Titel erwerben die Chefs in einem Kreativseminar, an dessen Beginn natürlich das Lesen von Märchen steht. Danach überlegen sie gemeinsam, wie man Geschichten in Gerichte verwandeln kann: „Da werden dann Grießklöße zu Wackersteinen und Rote-Beete-Suppe zu Blut im Schuh“, sagt Ute Schulte von der Grimmheimat Nordhessen, die für den Workshop verantwortlich ist.

Hauptgang schmort im Ofen

Küchenchef Dieter Amelung vom Parkhotel Emstaler Höhe hat mitgemacht und gelernt, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, zum Beispiel bei einem Menü „Hänsel und Gretel“: „Daraus machen wir ein Fleischgericht mit Lebkuchen, natürlich im Ofen geschmort, wo die Hexe ja landete. Und in der Vorspeisensuppe verwenden wir Brot – wegen der verstreuten Brotkrumen.“ Bei seinen Recherchen beschäftigt sich der 42-jährige Koch auch mit historischen Rezepten. Das Material dazu stammt aus dem Grimmschen Haushalt.

Während die Brüder fleißig Märchen sammelten, pflegte Dortchen Grimm, die Ehefrau von Wilhelm, die gleiche Leidenschaft mit Kochrezepten: 340 Anleitungen trug sie zusammen.„Durch dieses Kochbuch wissen wir genau, was die Brüder Grimm gegessen haben“, sagt Pierre Schlosser, Herausgeber eines Kochbuchs mit grimmschen Rezepten. Es sind vor allem einfache Gerichte, die zwischen Marburg und Kassel üblich waren. Reich war die Familie nicht: „In vielen Rezepten wurde Altes verarbeitet, zum Beispiel trockenes Brot.“ Schlosser nutzt die Rezepte auch privat als Inspiration beim Kochen: „Sie sind witzig und spannend zu lesen, aber schwer nachzukochen.“ Manches gefalle unserem Gaumen auch nicht, zum Beispiel warmer Krautsalat. Zudem seien einige Maßeinheiten nicht mehr üblich, denn „wer kann schon drei Ellen Mehl abmessen?“ Auch einige Zubereitungsweisen von einst seien aus der Mode: „Keine Hausfrau schlägt einem Huhn mehr den Kopf ab und rupft ihm die Federn“, sagt Schlosser.

Exotisch wird es daher nicht in der Märchenküche. Aber bei Grimms Märchen geht es ja auch um geselliges Beisammensein, findet die 63-jährige Darstellerin von Dorothea Viehmann: „Früher war es selbstverständlich, dass bei Festgelagen Musik gemacht und Geschichten erzählt wurden. Die Märchenküche ist die perfekte Weiterentwicklung dazu.“