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Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

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Kampf um den Sylter Autozug

Insel-Romantik: Die Autos werden auf dem "Sylt-Shuttle" von Niebüll in Richtung Westerland transportiert.
Insel-Romantik: Die Autos werden auf dem "Sylt-Shuttle" von Niebüll in Richtung Westerland transportiert.
Carsten Rehder

Seit über 80 Jahren fahren einzigartige Pkw-Schlepper auf Schienen zwischen dem Festland und der Nordseeinsel. Bislang betreibt die Deutsche Bahn den Sylt-Shuttle, wie er jetzt heißt. Nun gibt es weitere Interessenten und die Frage: Wie soll die Strecke der Zukunft aussehen?

Die Fahrt ist kurz, aber einzigartig. Eine gute halbe Stunde lang sitzt der Autofahrer auf dem Weg nach Sylt in seinem Wagen, genießt die Aussicht auf Wiesen, Schafe und Wattenmeer und rollt, auf der Insel angekommen, vom Autozug herunter. Einen weiteren Zug dieser Art gibt es in Deutschland nicht – bei anderen Autoreisezügen sitzen Fahrgäste in separaten Waggons, das Auto rollt „unbemannt“ mit.

Die Sylter Strecke über den Hindenburgdamm wird schon seit Ende der 20er Jahre mit einem Autozug befahren. Einzigartig ist heute unter anderem die Möglichkeit, über eine Leine aus jedem Auto heraus die Notbremse zu ziehen. Einträglich ist die Strecke auch: Jährlich werden 490 000 Fahrzeuge je Richtung mit dem Sylt-Shuttle zwischen Westerland und Niebüll befördert. Für Hin- und Rückfahrt verlangt die Deutsche Bahn derzeit 90 Euro.

Auch das Land gehört zu den Interessenten

Die Strecke weckt Begehrlichkeiten: Sowohl das Kölner Bahnunternehmen Railroad Development Corporation Deutschland (RDC D) als auch das Land Schleswig-Holstein haben bei der DB Netz AG Anträge für die Nutzung der Trassen gestellt. Auch die Deutsche Bahn selbst will den Sylt-Shuttle weiter betreiben und „hat entsprechend Trassen angemeldet“, teilte eine Sprecherin mit.

Dass sich auch das Land bewirbt, ist auf dieser Strecke ein Novum. Sollte es Erfolg haben, würde es über die Ausschreibung Einfluss nehmen können. „Es geht darum, einen Fuß in der Tür zu haben“, sagt eine Sprecherin des Kieler Verkehrsministeriums. Das Land wolle auch an den Bedarf für Reisende ohne Auto denken – vielleicht ließen sich für sie noch Wagen ankoppeln. Ein Gutachten soll weitere Möglichkeiten prüfen, etwa die Verlängerung nach Flensburg. Angemeldet hat das Land bislang die Verbindung von Westerland bis Lindholm südlich von Niebüll.

Auf Sylt wird eine mögliche Verlängerung der Strecke nicht positiv gesehen

„Der Standort Lindholm liegt direkt an der B5“, erläutert die Sprecherin. „Bessere Verknüpfung der Verkehre und eine Verbesserung der Verkehrsverhältnisse in Niebüll“ würden erhofft. Auch Flensburg sei noch im Spiel. In einem Gutachten werde „sorgfältig geprüft“, was vor allem wirtschaftlich machbar ist.

Auf Sylt selbst dagegen wird eine mögliche Verlängerung des Autozuges etwa nach Flensburg nicht positiv gesehen, sagt die Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt, Petra Reiber. „Was machen wir bei Sturm?“ Die Fahrt verlängere sich sehr, die Reisenden könnten etwa unterwegs nicht zur Toilette gehen. „Alles, was die Anreise verlängert – da können wir nicht dafür sein.“ Reiber plädiert vielmehr für einen Expresszug von Hamburg nach Sylt.

Ähnlich sieht es Frederik Erdmann, Verkehrsexperte bei der IHK Flensburg. Grundsätzlich funktioniere der Sylt-Shuttle „gut und vernünftig“. Wichtig sei eine zuverlässige ganzjährige Verbindung – „von einer Verlängerung Richtung Flensburg halte ich überhaupt nichts“. Die Fahrgäste zum Stillsitzen in den Autos zu zwingen, gehe nur bis zu einer gewissen Fahrtdauer. „Es steigt immer mal wieder einer aus.“ Eine längere Strecke für den Autozug funktioniere nur wie der Autoreisezug, mit Personenwaggons. Dies sei aber angesichts des organisatorischen Aufwands „völliger Quatsch“.

Verkraftet die Insel einen höheren Takt der Züge?

Beide Konkurrenten der Deutschen Bahn – das Land und RDC D – wollen zudem einen deutlich höheren Takt anbieten. Doch würde die Insel das überhaupt verkraften? Die Erhöhung dürfe nicht zu Lasten der Reisenden ohne Auto gehen, sagt die Ministeriumssprecherin. Aus Tourismussicht seien häufigere Fahrten grundsätzlich zu begrüßen, findet Marc Euler, Sprecher der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein. Es gelte die Prämisse, „dass wir es unseren Gästen so einfach wie möglich machen wollen, uns zu erreichen. Je mehr Optionen wir anbieten können, umso besser für den Tourismus.“ „Das Willkommen-in-Schleswig-Holstein-Schild müssen wir ganz hoch halten.“

Auch Petra Reiber würde einen höheren Takt begrüßen, zweifelt aber wegen der Eingleisigkeit der Strecke die Machbarkeit an. Um mehr Autotouristen gehe es ihnen auch gar nicht, hatte der Geschäftsführer von RDC D, Carsten Carstensen, in einer Pressemitteilung beteuert. „Ziel ist es vielmehr, den Touristen mehr Service und der Wirtschaft, den Einwohnern und den auf der Insel Beschäftigten einen besseren Autozug zu bieten. Auch haben wir bei der Trassenplanung darauf geachtet, den Schienenpersonennahverkehr nicht zu verdrängen.“

Trotz der nun noch gestiegenen Konkurrenz durch das Land rechnet sich das Unternehmen, Mehrheitseigener am Hamburg-Köln-Express, weiter „hervorragende Chancen“ aus, von Dezember 2015 an die Sylter Strecke zu bedienen, sagt eine Unternehmenssprecherin. Eine endgültige Entscheidung, wer wann zum Zug kommt, wird erst im Sommer 2015 fallen.