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Zum 200. Geburtstag

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Karl Marx lebt in den Straßen des Nordostens weiter

Huch! In Ducherow hat man leider kein Straßenschild für uns.
Huch! In Ducherow hat man leider kein Straßenschild für uns.
Sebastian Langer

Viele Straßen, Plätze und Alleen tragen Marx’ Namen – auch in Mecklenburg-Vorpommern und der Uckermark. Doch wie viele genau, und wo sind sie zu finden?

477 Straßen, Alleen, Plätze, Höfe, Dämme, Ringe, Siedlungen, Wege und Zentren tragen in Deutschland den Namen des Bärtigen, in MV sind es 31, drei in der Uckermark. In der Straßen-Datenbank der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist auch sehr gut zu erkennen, dass sich vor allem im Süden Ostdeutschlands, bei Frankfurt/Main und im Ruhrgebiet die Marx-Straßen ballen. Auch an der Ostseeküste gibt es ihrer viele – und in Vorpommern.

Eine kleine Marx-Reise gefällig? Wir besuchen entlang der Bundesstraße 109 den Namen Karl Marx sieben Mal auf rund hundert Straßenkilometern; mit dieser Häufung geht die B 109 locker als die längste „Karl-Marx-Straße“ im Nordosten durch.

Wobei der Ausgangspunkt der Tour in Greifswald gar keine Straße ist, sondern ein Platz. Vom hübschen Karl-Marx-Platz mit der dominanten „Kaiser-Linde“ geht es Richtung Südosten zur Karl-Marx-Straße von Lühmannsdorf. Doch nicht ein Schild weist dort auf ihre Existenz hin. „Das war mir gar nicht bewusst“, sagt die Bürgermeisterin. Aber diskutiert wurde der Straßenname im Dorf nie, so mancher Einwohner sei noch stolz auf seinen Marx, versichert sie.

Im Namen des „Mohr” direkt hinaus ins Moor

Das ist nicht immer der Fall. Da forderte ein CDU-Politiker im Sommerloch 2016, den Ur-Kommunisten aus allen deutschen Straßennamen zu tilgen. Da stritten sich Schweriner Stadtvertreter vor einigen Jahren, ob eine Karl-Marx-Allee noch schicklich sei für die Landeshauptstadt. Da wurde in Trier nach vielen Diskussionen ein sechs Meter hohes Marx-Denkmal aufgestellt. Und da liegt seit Jahren ein Marx-Denkmal in einem Hinterhof in Neubrandenburg, um pünktlich zum 200. Marx-Geburtstag zum politischen Stadtgespräch zu werden.

In Anklam ist das anders. Keine Diskussion über Marx, heißt es dort aus dem Rathaus, der Straßenname sei dort nie ernsthaft in Frage gestellt worden. In Ducherow hingegen heißt die Durchfahrtsstraße zwar noch so, im Dorfbild ist das jedoch nicht zu erkennen. Jene in Wilhelmsburg bei Ferdinandshof führt im Namen des mit „Mohr“ Bespitznamten direkt hinaus ins Moor der Friedländer Großen Wiese.

Weghaben wollte Marx hier niemand

Wieder etwas repräsentativer wirkt dagegen die Marx-Straße am Pasewalker Lindenbad. Über Marx müsse man nicht groß reden, sagen die Menschen dort, das passt schon so, auch wenn seine Zeit genauso vorbei ist wie die der Beruflichen Schule in der Straße, wo offenbar schon lange kein Proletariernachwuchs mehr die Grundlagen der Ökonomie studiert hat.

In der Prenzlauer Marx-Straße wird hingegen noch gearbeitet. Der Backsteinbau der uckermärkischen Kommunalverwaltung wirft weite Schatten auf das Kopfsteinpflaster, und es ist also ein Fakt, dass das öffentliche Herz der Kanzlerinnen-Heimat in einer Karl-Marx-Straße Nummer 1 schlägt.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Karl-Marx-Straßen-Strecke an der B 109 eine sehr charmante ist; den Namensgebern ist zu attestieren, dass sie den Jubilar in würdige Nachbarschaften verpflanzt haben. Und wie lebt es sich so in einer Karl-Marx-Straße? Gut, sagten viele Befragte, wir fühlen uns wohl hier, und der Marx passt zu uns oder stört uns ja nicht oder ist uns auch egal – weghaben aus dem Straßenbild wollte ihn jedenfalls niemand.

Und hier ist die komplette Route zum Nachfahren:

Auch der Fotograf Che Seibert hat sich mit Karl-Marx-Straßen beschäftigt. Auf seinen Reisen entstand die Idee zum Karl-Marx-Projekt, das viele Plätze und Straßen in der Bundesrepublik fotografisch dokumentiert. Die Fotos sind auf der Webseite des Projekts zu sehen.