Der ehemalige Fischer Hans-Joachim Bull in Lobbe. Er hat Angela Merkel 1990 auf Rügen noch als Bundestagskandidatin f&uum
Der ehemalige Fischer Hans-Joachim Bull in Lobbe. Er hat Angela Merkel 1990 auf Rügen noch als Bundestagskandidatin für den dortigen Wahlkreis getroffen. Stefan Sauer
Die Fisherhütte gibt es heute nicht mehr, auch Hans-Joachim Bull ist kein Fischer mehr.
Die Fisherhütte gibt es heute nicht mehr, auch Hans-Joachim Bull ist kein Fischer mehr. Stefan Sauer
Berühmtes Foto

Als Merkel mit den Fischern auf Rügen einen Schnaps trank

Angela Merkel zwischen Fischern in einer Hütte auf Rügen, alles sah noch aus wie in der DDR. Mehr als 30 Jahre nach diesem ikonischen Foto erinnert sich einer der Männer an den Besuch. Was würde er der Bundeskanzlerin heute sagen?
dpa
Lobbe

Hans-Joachim Bull ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner. Selbst der britische Sender BBC oder die französische Tageszeitung „Le Figaro“ hätten sich kürzlich bei ihm gemeldet, sagt der 64-Jährige am Küchentisch seines Hauses im Südosten Rügens. Grund ist eine Begegnung, die mehr als 30 Jahre zurückliegt und ein Foto, das um die Welt ging. Es zeigt die junge Angela Merkel 1990 in einer verrauchten Hütte umringt von Fischern – darunter Bull. Das Bild steht für den Anfang von Merkels politischer Karriere.

„Sie war normal, bodenständig und man konnte sich mit ihr unterhalten“, erinnert sich Bull. Merkel war kurz zuvor für die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl als CDU-Kandidatin für den Wahlkreis aufgestellt worden, zu dem auch Rügen und der dortige Küstenort Lobbe zählt. „Ich nehme an, sie ist hier mal durchgefahren und hat unsere urige Bude von der Straße aus gesehen“, mutmaßt Bull.

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Damals sah alles noch aus wie DDR

Merkel selbst finde das Foto „sehr schön“, wie es in einem Wochenprotokoll der Bundesregierung von 2014 heißt. Ihr sei ein Ölgemälde auf Grundlage des Fotos aus der Fischerhütte geschenkt worden. Merkels Reaktion: „Damals sah noch alles aus wie DDR, nur die Flaschen hier, das waren schon Coca Cola und Sprite, das war so der erste Vorbote nach der Währungsunion.“ Das Gemälde werde im Kanzleramt gut aufbewahrt, wird sie zitiert.

Statt Sprite habe es 1990 für Merkel erst einmal Schnaps gegeben, wie sich Bull erinnert. Sie hätten ihr von ihren Problemen erzählt und Merkel von ihren politischen Plänen.

Von Rügen zur „Anführerin der freien Welt“

Merkel gewann seit 1990 stets das Direktmandat in ihrem Wahlkreis, wurde 2005 Bundeskanzlerin und zwischenzeitlich gar als „Anführerin der freien Welt“ betitelt. Mit der Fischerei an der deutschen Ostseeküste ging es hingegen bergab. Die Fischereigenossenschaft Mönchgut im Süden Rügens hatte laut Bull zu DDR-Zeiten mehr als 120 Mitglieder. Heute seien es noch drei, sagt Bull. Aber die würden demnächst auch aufhören. Er selbst habe Ende der 1990er Jahre die Fischernetze an den Nagel gehängt und danach für die Kurverwaltung gearbeitet. Vor allem die Europäische Union und die Fangquoten hätten ihnen zu schaffen gemacht.

Bull gibt nicht Merkel die Schuld. „Sie hat immer betont, sie nimmt es mit. Sie hat nie was versprochen.“ Sie habe wohl schon geahnt, dass sie das nicht allein in den Griff kriegt, vermutet er. 2009 sei Merkel – inzwischen Kanzlerin – noch einmal nach Lobbe gekommen. Damals habe es Kaffee und trockenen Kuchen gegeben – statt Schnaps. Bodenständig sei sie auch damals wieder aufgetreten.

Merkel tritt bei der Wahl am Sonntag weder als Kanzlerkandidatin noch als Bundestagskandidatin an. Ihr Nachfolger als CDU-Direktkandidat im Wahlkreis ist der 33 Jahre alte Betriebsprüfer Georg Günther. „Fischer gibt's nicht mehr. Frau Merkel ist weg“, bilanziert Bull.

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„Wie auf Sylt, so wird das hier nochmal auf Rügen.“

Und auch die Hütte am Strand, in der das ikonische Bild entstand, steht längst nicht mehr. Heute würde Merkel stattdessen ein Restaurant mit Terrasse vorfinden. Statt Fischerbooten stehen Strandkörbe am Strand. In einem davon sonnen sich Christine und Reiner Heppner aus dem Erzgebirge. „Uns gefällt's hier“, sagt Urlauberin Heppner. Sie kämen zwar schon seit 1975 nach Rügen, doch von der Fischerhütte und dem Foto, das hier entstanden ist, wüssten sie nichts.

Rückblickend sagt Bull: „Es ist nicht so gelaufen, wie wir uns das gedacht haben.“ Er spricht nicht nur vom Niedergang der Fischerei. Lobbe habe immer weniger Einwohner und immer mehr Ferienwohnungen – eine davon betreibt Bull selbst. Der Konsum habe nur noch im Sommer für die Urlauber geöffnet. „Hier hast du keinen Doktor, hier hast du keinen Zahnarzt, hier hast du kein gar nichts.“ Größere Betriebe seien verschwunden, junge Menschen weggezogen und Kinder kämen kaum noch nach. „Wer soll denn hier bleiben?“ Geringe Verdienste im Tourismus stünden hohe Grundstückpreisen gegenüber. „Wie auf Sylt, so wird das hier nochmal auf Rügen.“ Das würde Bull auch Merkel sagen – sollte sie noch einmal nach Lobbe kommen.

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