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Angleransturm setzt Hechten um Rügen und Usedom zu

Forscher haben rund um Rügen, Darß und Usedom dem Hecht nachgespürt. Der Bestand ist zwar nicht kollabiert, aber überfischt – genauer gesagt überangelt.
Im Frühjahr hatten Forscher des des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei di
Im Frühjahr hatten Forscher des des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei die Hechtpopulationen an den ostdeutschen Boddengewässern untersucht. IGB
Rügen.

Die Zeiten, als im Greifswalder Bodden regelmäßig kapitale Hechte gejagt haben, da sind sich Rügens Angler weitgehend einig, sind vorbei. Selbst im Frühjahr, wenn die Raubfische zum Laichen in die flachen Gewässer ziehen, gehen immer seltener Ein-Meter-Hechte an den Haken. Das liege an der drastisch gestiegenen Zahl von Angeltouristen, mutmaßen viele Einheimische.

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Um herauszufinden, wie es dem Boddenhecht tatsächlich geht, hatten Wissenschaftler noch kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie gemeinsam mit Fischern und Angelguides den Fischen in den Brackwassergebieten aufgespürt. Mehrere Hundert Hechte wurden angelandet, vermessen, untersucht, zum Teil besendert und wieder ausgesetzt.

Größte Druck auf Bestände kommt mit Abstand von den Anglern

Nun haben die Experten des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei erste Zwischenergebnisse der auf drei Jahre befristeten Studie veröffentlicht. Ihr Fazit: „Der Boddenhechtbestand ist scharf befischt, nicht optimal bewirtschaftet, aktuell abnehmend, größenüberfischt, aber mit Sicherheit nicht kollabiert.“

Den größten Einfluss vor allem auf den Altbestand üben nach Einschätzung der Wissenschaftler nicht die derzeit 238 Boddenfischer im Haupt- und Nebenerwerb aus, die im Durchschnitt nur weniger als fünf Prozent ihrer Erlöse aus dem Hechtfang erwirtschaften. Der größten Druck auf die Bestände kommt mit Abstand von den Anglern.

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Während die Zahl der einheimischen Angler aus Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Jahren relativ stabil geblieben sei, sei die Zahl der Angeltouristen seit der Wiedervereinigung stark angestiegen, sagt Projektleiterin Dominique Niessner. Inzwischen stellten pro Jahr mehr als 50.000 Personen den Hechten nach. Auf diese Weise werden die Gewässer um Rügen, Usedom und Fischland-Darß-Zingst Jahr für Jahr schätzungsweise etwa 400.000 Angeltagen ausgesetzt.

Von einer Generalschuld der Petrijünger will Projektleiterin Dominique Niessner allerdings nicht sprechen, offenbar um keinen Angler zu verprellen. Denn das Forschungsprojekt sei auf die Mithilfe der Angler angewiesen, insbesondere auf die Meldungen von Fängen markierter Fische, sagt sie.

Besonders oft werden erwachsene und somit paarungswillige Tiere gefangen

Dennoch berichten die Forscher, dass zwar kleinere und mittelgroße Hechte, die etwa zwei Drittel aller Fänge ausmachen, oft wieder ins Wasser zurückgesetzt würden, aber vor allem die kapitalen Burschen von zehn Kilogramm im Fokus der Petrijünger stünden, also diejenigen adulten Tiere, die besonders für reichen Nachwuchs sorgen könnten.

Laut Anlandungsstatistiken bringen die ostdeutschen Bodden seit 1970 im Durchschnitt rund 250 Tonnen Hecht hervor. Seit Mitte der 2000er Jahre werde eine höhere Biomasse an Hechten durch Angler entnommen als durch Berufsfischer, wie die Zwischenstudie belegt. Nach dem Hechtbestands-Index gibt es hechtreiche und weniger hechtreiche Bodden. Vor allem aber in Greifswalder Bodden gebe es offenbar Probleme mit dem Hechtbestand, sagen die Wissenschaftler.

Noch nicht ausreichend belegt ist, wie sich andere Einflüsse auf den Raubfisch auswirken. Zwar schließen die Forscher nicht aus, dass Stichlinge die Hechtbrut dezimieren können. Doch die üblichen Verdächtigen wie Kormorane und Robben fressen überwiegend andere Fische als Hechte, wie eine Untersuchung an der Universität Greifswald belegte.

Forscher plädieren für erweiterte Schonzeit

Fakt sei auch, dass schon zu DDR-Zeiten im Zuge der Melioration Hechtlaichwiesen vernichtet wurden. Doch die Hechte passten sich seitdem immer mehr den Bedingungen in den Brackwasserlaichgebieten an. Negativ wirkt sich dagegen nach Einschätzung der Forscher der Rückgang der von Hechten bevorzugten Krautbestände aus, vor allem durch die zunehmende Wassertrübung im Greifswalder Bodden. Und auch der vom Thünen-Institut für Ostseefischerei ausgemachte Einbruch der Heringsbestände, der wichtigsten Beute der Hechte, könnte ein Grund für den Hechtrückgang sein.

Die Erkenntnisse sollen nun Eingang in neue Bewirtschaftungsempfehlungen für den Hecht finden, die derzeit von einer aus mehreren Interessengruppen zusammengesetzten Arbeitsgruppe erstellt wird. Die Forscher plädieren vor allem auf eine Regulation des Fischereidrucks vor allem über eine erweiterte Schonzeit, die derzeit nur von März bis Ende April gilt. Weitere Stellschrauben könnten die Ausweitung von Schongebieten, erhöhte Mindestmaße, Tagesfangbegrenzungen und striktere Befischungsformen sein.

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