Fischsterben auf Rügen

▶ Behörden hatten 12 Tage nicht über Katastrophe informiert

Erst zwölf Tage nach den ersten Funden informierten die Behörden über ein massives Fischsterben auf Rügen. Angler haben die Katastrophe im Jasmunder Bodden dokumentiert.
Auch knapp zwei Wochen nach dem Massensterben und einem Sturm säumen noch Dutzende, zum Teil von Tieren angenagter Kadave
Auch knapp zwei Wochen nach dem Massensterben und einem Sturm säumen noch Dutzende, zum Teil von Tieren angenagter Kadaver wie dieser Brassen den Uferbereich des Kleinen Jasmunder Boddens. Ralph Sommer
Traurig schaut am Mittwoch ein Angler am Boddenufer auf einen angeschwemmten, fast ausgewachsenen toten Hecht.
Traurig schaut am Mittwoch ein Angler am Boddenufer auf einen angeschwemmten, fast ausgewachsenen toten Hecht. Ralph Sommer
Der Saiser Bach verbindet den Kleinen Jasmunder Bodden mit den zu DDR-Zeiten völlig überdüngten Wostevitzer Tei
Der Saiser Bach verbindet den Kleinen Jasmunder Bodden mit den zu DDR-Zeiten völlig überdüngten Wostevitzer Teichen am Mukraner Industriegebiet. Ralph Sommer
Ob Angler den neuen Angelsteg bei Lietzow in absehbarer Zeit wieder nutzen werden, ist ungewiss.
Ob Angler den neuen Angelsteg bei Lietzow in absehbarer Zeit wieder nutzen werden, ist ungewiss. Ralph Sommer
Ein Foto aus besseren Zeiten. Angler Torsten Hofmann, der den Nordkurier über das Fischsterben im Kleinen Jasmunder Bodde
Ein Foto aus besseren Zeiten. Angler Torsten Hofmann, der den Nordkurier über das Fischsterben im Kleinen Jasmunder Bodden informiert hat, schwört auf dieses ideale Zanderrevier. Privat
Lietzow

„Was für eine Sauerei“, sagt ein Rügener Angler, der am Mittwochmorgen am Nordufer des Kleinen Jasmunder Boddens entlangläuft, seinen Namen aber nicht in der Presse genannt haben möchte. Vor ihm liegt ein ausgewachsener toter Hecht auf dem Steinstrand. „Der hat noch ganz rote Kiemen, ist noch frisch und war vermutlich erst vor wenigen Stunden gestorben.“ Wenige Meter entfernt stinken tote Brassen und Barsche vor sich hin, von Räubern nur etwas angenagt.

Aktualisierung: Behörden untersuchen das Fischsterben auf der Insel Rügen

Der Sturm nach Neujahr hat offenbar schon einen Großteil der Kadaver weggespült. Denn an den Weihnachtsfeiertagen sah es hier, am Mündungsbereich des Saiser Bachs noch schlimmer aus, wie Bilder und Videos belegen. Der Münchener Angler Torsten Hofmann, der mehrfach im Jahr auf Rügen Urlaub macht und mit einer Sondergenehmigung im Kleinen Jasmunder Bodden auf Zander- und Hechtjagd geht, hatte die Aufnahmen an den Nordkurier geschickt. Weder Landkreis, noch das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Vorpommern in Stralsund hatten darüber informiert. Und auch das Umweltministerium äußerte sich erst zwölf Tage später auf Anfrage.

Video des Anglers Torsten Hoffmann:

[Video]

Die Ursache sei bisher nicht ermittelt worden, sagt ein Sprecher. Es gebe keinen Anhaltspunkt für eine organische Belastung etwa durch Abwasser oder Gülle, auch nicht durch Sauerstoffmangel, wie Proben am 28. Dezember und 3. Januar ergeben hätten. Das hätten Messungen von Sauerstoffgehalt, pH-Wert, Salzgehalt und elektrischer Leitfähigkeit gezeigt.

Deutsche Gesamthärte relativ hoch

Auch der Nordkurier hat eine Wasserprobe vom Saiser Bach entnommen und mit einer professionellen aquaristischen Methode analysiert. Ergebnis: Die Werte von Nitrit- bis Nitrat- und Chlorgehalt, Karbothärte und pH-Wert liegen im Limit, nur die deutsche Gesamthärte, die etwas über Kationen von Erdalkalimetallen aussagt, ist relativ hoch.

Die einheimischen Angler am Bodden haben einen Verdacht. Auch sie schließen den Eintrag von Gülle oder Düngemitteln aus. „Der Saiser Bach fließt von den beiden Wostevitzer Teichen im Norden in den Kleinen Jasmunder Bodden, und die Wostevitzer Teichen sind nur ein paar Hundert Meter vom Industriegebiet Mukran entfernt. Dort sollte man mal genauer hinsehen“, sagt unser Angler. Für eine Gewässerverunreinigung durch andere Stoffe gebe es zumindest bislang keine Anhaltspunkte, sagt der Sprecher im Ministerium.

Im Kleinen Jasmunder Bodden, der als tolles Zanderrevier gilt, werde er wohl jetzt auf lange Sicht nicht mehr die Angelrute auswerfen, sagt der Angler aus Bayern. „Der Bodden hat wie eine Kloake gestunken, da hat wohl kaum ein Fisch überlebt“, sagt er. „Mietbootbesitzer, Angelguides und Ferienwohnungsvermieter werden wohl die nächsten Jahre in die Röhre schauen. Eigentlich schade, denn hier wurde erst kürzlich ein neuer Angelsteg gebaut.“

Fischsterben im Winter ungewöhnlich

Ein einheimischer Fischer, der am Bodden seinen Geräteschuppen hat, aber auch nicht seinen Namen nennen möchte, sagt, es sei ungewöhnlich, dass es im Winter zu so einem Fischsterben komme. „Im Sommer ja, aber nicht jetzt.“ Trotzdem: Er halte das Ausmaß noch nicht für katastrophal. „Vielleicht sind wir mit einem blauen Auge davongekommen.“

Ob das wirklich so ist, darf angesichts der jüngst angespülten und noch recht frischen Kadaver angezweifelt werden. Laut Ministerium wurden trotz des Ausmaßes die toten Fische nicht beräumt. Das Fischsterben habe mehrere Tage angehalten und habe sich inzwischen auch in Teile des Großen Jasmunder Boddens ausgedehnt.

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Massive Fischsterben gibt es hier immer mal wieder

Dass Fische im Kleinen Jasmunder Bodden massenhaft sterben, kommt immer mal wieder vor. Kurz vor der politischen Wende verendeten unzählige Fische, nachdem es in der damals noch maroden Inselkläranlage in Bergen eine Havarie gegeben hatte und Gifte über den Teteler Bach in den südlichen Boddenbereich eingeschwemmt waren.

Im April 1990 hatten Forscher berichtet, dass es wegen der toxischen Alge Ptymnesium sultans Massart, zu einem katastrophalen Fischsterben gekommen sei. Und im Juni 2016 hatten sich – wie kürzlich wieder – im Saiser Bach hunderte tote Bleie gestaut hatten.

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