INTERVIEW

Darum lohnt sich Rügen für den China-Zug

Von China über Russland und die Ostsee nach Rügen – lohnt sich das? Darüber sprach Nordkurier-Reporter Ralph Sommer mit Alexey Grom, Chef des Eisenbahn-Unternehmens UTLC ERA, das den Zug betreibt.
Ralph Sommer Ralph Sommer
Der Geschäftsführer der UTLC ERA, Alexey Grom, sieht im Hafen Mukran eine Top-Alternative zu den Osteuropa-Korridore
Der Geschäftsführer der UTLC ERA, Alexey Grom, sieht im Hafen Mukran eine Top-Alternative zu den Osteuropa-Korridoren. Ralph Sommer
Mukran.

+++ Hinweis: Einen ausführlichen Bericht über die Ankunft der ersten Container aus China auf Rügen lesen Sie hier. +++

Herr Grom, der Containerzug hat in zwölf Tagen rund 3.000 Kilometer quer durch Chnia und dann noch einmal 5.430 Kilometer durch Russland absolviert. Welchen Sinn macht es dann, die letzten 1.167 Kilometer über See statt weiter über das Festland zu bewältigen?

Der Korridor über Mukran ist für uns eine gute Alternative zu den weißrussischen-polnischen Transitrouten über das Nadelöhr Brest, auf dem von russischer Breitspur auf europäische Normalspur gewechselt wird. Mukran ist über kurzem Seeweg gut erreichbar, verfügt über gute und preiswerte Umschlagmöglichkeiten und eine leistungsfähige Bahnanbindung. Und: Es ist der erste Zug, der mit einheitlichem transkontinentalen Frachtbrief für zwei international unterschiedliche Rechtssysteme und zwei Transportarten abgefertigt wurde. Das spart Bürokratie und Transportzeiten.

Die bundesweit einzigartige Möglichkeit, die russischen Breitspurwaggons in Mukran auf europäische Normalspur umzuspuren, spielte bei der Auswahl also keine Rolle?

Die Container werden in Mukran mit Hafenkränen auf Züge umgesetzt. Das spart Zeit und Kosten im Vergleich zum Umspurverfahren wie im weißrussischen Grenzbahnhof Brest.

Ihr Unternehmen transportiert über Russland, Kasachstan und Weißrussland mit Breitspur-Containerzügen inzwischen über 76 Prozent der Transitfrachtgüter zwischen China und Europa. Wie entwickelt sich das Frachtaufkommen?

Im vergangenen Jahr beförderten wir in unserem Tür-zu-Tür-Service insgesamt 280.500 Container, 65 Prozent mehr als 2017. Für die ersten neun Monate 2019 stehen 228.363 Container in der Bilanz, was im Vergleichszeitraum einer weiteren Steigerung um 23 Prozent entspricht. Wir gehen mittelfristig von einem Transportaufkommen von jährlich einer halben Million Containern aus. Schon heute starten täglich 15 Containerzüge.

Aber immer noch werden die meisten Waren mit riesigen Containerfrachtern über die Meere von und nach China verschifft. Warum sollte ich mich als Importeur oder Exporteur für den Landweg mit der Bahn statt für den Seeweg zu entscheiden?

Wenn die Kosten für einen Container an Bord 1.000 Euro übersteigen und man Wert auf Schnelligkeit setzt, dann nimmt man den Zug. Die weltweiten Transporte per Schiff dauern heutzutage 35 bis 40 Tage. Unsere Züge sind schon nach 12 bis 14 Tagen in Europa. Übrigens sind wir auch eine gute Alternative zur sehr teuren Luftfracht, die immerhin auch noch sechs bis sieben Tage braucht.

Welche Waren rollen denn eigentlich jetzt über Mukran?

Die ersten Lieferungen über die geplanten Pilotzüge von und nach Mukran zeigen bereits ein sehr hohes Potenzial. Der Erfolg der neuen Verbindung hängt aber am Grad der Integration und der Interaktion aller Verkehrsteilnehmer ab. Von China kommen derzeit vor allem Elektronik, Computer- und Bürotechnik nach Europa. Umgekehrt gelangen über unser Bahnunternehmen vor allem Industrieanlagen, Eisenmetalle, Autos und Ersateile nach Fernost.

Könnten die boomenden Seidenstraßenverkehre auch zu einem Aufschwung im Port Mukran führen? Was glauben Sie, wie viele Züge könnten eines Tages im China-Europa-Verkehr über Rügen rollen?

Der Hafen Kaliningrad, der über das kurze Meer mit dem gesamten Ostseeraum verbunden ist, kann theoretisch bis zu acht Züge am Tag abfertigen.

 

Multinationales Bahnunternehmen

Die United Transport and Logistics Company – Eurasian Rail Alliance (UTLC ERA) ist eine gemeinsame Gesellschaft der Russischen Eisenbahnen, der Weißrussischen Eisenbahn sowie der Kasachischen Eisenbahngesellschaft, die jeweils ein Drittel der Gesellschafteranteile halten. Sie bietet einen Transportservice auf mehr als 50 Strecken. Zu den wichtigsten Knotenpunkten zählen München, Hamburg, Duisburg und Nürnberg.

Gefahren wird auch auf dem Korridor Rostock-Verona. Im vergangenen Jahr erreichte das Unternehmen nach eigenen Angaben einen Gewinn von 38 Millionen Euro bei einem Rekordumsatz von 269 Millionen Euro.

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