Wasserschutzpolizei
Erste Hinweise auf Ursache für Schiffsunglück vor Rügen

Bei der Schiffskollision wurde der Bugbereich des Offshore-Hochgeschwindigkeitskatamarans schwer beschädigt. Die "World Bora" befindet sich inzwischen zur Reparatur in einer dänischen Werft.
Bei der Schiffskollision wurde der Bugbereich des Offshore-Hochgeschwindigkeitskatamarans schwer beschädigt. Die "World Bora" befindet sich inzwischen zur Reparatur in einer dänischen Werft.
Ralph Sommer

Ein Puzzleteil bei der Ursachensuche für das schwere Schiffsunglück vor der Insel Rügen, bei dem 15 Menschen verletzt worden sind, ist offenbar gefunden. Verschärfte Sicherheitsvorschriften sollen ähnliche Unfälle verhindern.

Die Unfallursache für das schwere Schiffsunglück vor Rügen ist auch zwei Wochen danach nicht geklärt. Doch es war wohl menschliches Versagen im Spiel. „Fest steht, dass beide Schiffe mit hoher Geschwindigkeit zusammengestoßen waren“, sagt ein Sprecher der Wasserschutzpolizei. „Das war schon untypisch.“

Wie genau es zu der Kollision kam, sei aber noch nicht im Detail geklärt. Alle Personen an Bord des Windparkversorgers „World Bora“ und des Frachters „Raba“ seien mittlerweile vernommen worden, auch die Schwerverletzten, die sich noch immer in stationärer Behandlung befänden.

Schiffe in Stettin und Dänemark

Die beiden Schiffe sind inzwischen zu Reparaturen in Werften überführt worden. Die 81 Meter lange „Raba“, deren Bordwand und Reling bei dem Zusammenprall auf der Steuerbordseite großflächig eingedrückt worden waren, liegt in einer Stettiner Werft. Der bis zu 20 Knoten (37 Stundenkilometer) schnelle Hochgeschwindigkeitskatamaran „World Bora“ hat in der dänischen Werft Assens festgemacht, um die Beschädigungen im Bugbereich instandsetzen zu lassen.

Der Zubringer hatte am Morgen des 19. Februar elf Arbeiter von Sassnitz zur Baustelle des 30 Kilometer vor Rügen befindlichen Windparks „Wikinger“ bringen wollen und war gegen 7.30 Uhr etwa vier Seemeilen östlich von Stubbenkammer auf das unter zypriotischer Flagge nach Stettin fahrende Frachtschiff „Raba“ aufgelaufen. Dabei waren alle 15 Menschen an Bord verletzt worden, fünf von ihnen schwer. Die Seeleute der „Raba“ blieben unverletzt.

Schiffsverkehr vor der Insel Rügen

Seit dem Bau mehrerer Offshoreparks hat der Schiffsverkehr in dem Seegebiet vor Rügen enorm zugenommen. Auch Großfähren, viele Ausflugsschiffe, Angelboote und Fischkutter sind hier unterwegs. Erst am 25. Januar waren östlich von Deutschlands größter Insel zwei Schiffe auf sich kreuzenden Routen miteinander kollidiert, vermutlich, weil der Kapitän des norwegischen Frachters „Norvind“ die Vorfahrt des deutschen Containerschiffs „Beate“ missachtet hatte.

Meldepflicht ausgeweitet

Inzwischen hat das zuständige Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Stralsund Konsequenzen aus den Crashs gezogen. „Ab sofort müssen sich im Seegebiet östlich von Rügen nun alle Schiffe ab einer Gesamtlänge von 20 Metern bei der zuständigen Verkehrsleitzentrale in Warnemünde anmelden“, sagt WSA-Sprecher Dirk Berger. Bislang galt diese Regelung nur für Schiffe ab einer Größe von 50 Metern Länge.

Die ausgeweitete Meldepflicht ist international keine Seltenheit. Sie wird oft vor großen Häfen oder im Bereich von maritimen Baustellen angewendet. Die neue Verordnung beschränkt sich derzeit auf das unmittelbare Seegebiet vor Sassnitz und Mukran. Zusätzlich betroffen sind nun auch Offshore-Versorger und Ausflugsschiffe. Deren Kapitäne müssen sich vor dem Einlaufen in das Meeresareal über einen Seefunkkanal bei einem Nautiker anmelden.

45.000 Schiffe im Seegebiete

Das Signal wird automatisch in die WSA-Verkehrsleitzentrale Warneünde geleitet, in der rund um die Uhr jeweils vier Mitarbeiter den gesamten Schiffsverkehr vor Rostock, Stralsund, Sassnitz und Wolgast überwachen und über UKW-Sprechfunk Kontakt zu den Schiffen halten. Insgesamt kreuzen jährlich etwa 45.000 Schiffe diese Seegebiete.

Die Meldepflicht per Funk ist eine zusätzliche Sicherheit. Denn bereits seit mehr als zehn Jahren Jahren müssen Schiffe ab einer Bruttoraumzahl 500 sowie Schiffe mit einer Kapazität von mehr als 50 Personen über das satellitengestützte Automatische-Identifikations-System (AIS) verfügen, über das Navigations- und Schiffsdaten ausgetauscht werden.

Das zur Kollisionsverhütung eingeführte Sicherheitssystem übermittelt unter anderem Daten über Position, Kurs und Geschwindigkeit, aber auch über Schiffsname und Funkrufzeichen. Die öffentlich zugänglichen Daten können inzwischen auch über allgemeine Online-Dienste wie Marine Traffic abgerufen werden.

Bund registriert weniger schwere Seeunfälle

Die Zahl der von der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) bearbeiteten Seeunfälle ist rückläufig. Nach dem letzten, im Juni 2018 veröffentlichten Jahresbericht ging die Zahl der sehr schweren Seeunfälle mit Todesfolgen, Totalverlust oder erheblichen Umweltverschmutzungen von acht Vorfällen im Jahr 2015 auf einen im Jahr 2017 zurück. Auch die als schwer eingestuften Unfälle sanken zahlenmäßig von 16 auf 6.

Mit insgesamt 39 registrierten Seeunfällen gilt die Ostsee jedoch hinter den Zufahrten nach Hamburg und Cuxhaven (53) inzwischen als das Seegebiet mit der zweithöchsten Unfallzahl. Damit hat der Ostseebereich inklusive seiner Häfen in der Unfallstatistik dem westlichen Nord-Ostsee-Kanal (38 Unfäle) den Rang 2 abgenommen.

Die mit Abstand meisten Unfälle waren Schiffskollisionen, auf die 63 Prozent aller Vorfälle entfielen, gefolgt von Grundberührungen mit 16 Prozent. Nur gerade mal in 1,8 Prozent aller Unfälle war es zu Wassereinbrüchen und bei 1,4 Prozent war es zu Bränden oder Explosionen gekommen.

Die meisten Unfälle ereigneten sich mit Stückgutfrachtern (29 Prozent), gefolgt von Containerschiffen (20 Prozent) sowie Cargoschiffen, Massengutfrachtern und Tankern (je 8 Prozent.)