Für das Beweidungsprojekt soll das etwa 300 Hektar große Moor-Gebiet umzäunt werden.
Für das Beweidungsprojekt soll das etwa 300 Hektar große Moor-Gebiet umzäunt werden. ZVG
Stine Winter ist ehrenamtliche Bürgermeisterin der Gemeinde Buschvitz auf Rügen.
Stine Winter ist ehrenamtliche Bürgermeisterin der Gemeinde Buschvitz auf Rügen. ZVG
Steuern verschwendet?

Gemeinde auf Rügen kämpft gegen Naturschutz-Irrsinn

Weil ein Naturschutzprojekt auf Rügen zu teuer und nicht nachhaltig sei, sind die betroffenen Einwohner dagegen. Wegen Befangenheit geht es dennoch immer weiter, meint deren Bürgermeisterin.
Stralsund

Eine Gemeinde auf Rügen fordert den sofortigen Stopp eines Naturschutzprojekts auf den eigenen Flächen. Laut der Bürgermeisterin dient das geplante Vorhaben weder dem Naturschutz, noch sei es nachhaltig. „Seit zweieinhalb Jahren kämpfen wir dafür, dass dieser Irrsinn endlich ein Ende hat”, sagt das ehrenamtliche Gemeinde-Oberhaupt Stine Winter.

Lesen Sie auch: Gefeuerter Bauamt-Chef rechnet mit Rügener Politik ab

„Hier wurde ein kostenintensives, mit Steuergeld finanziertes Projekt zu Lasten des Naturschutzes und der Einwohner entwickelt. Und das, obwohl die Nachhaltigkeit des Projekts von den Verantwortlichen bisher nicht belegt werden konnte”, lautet das Urteil der studierten Juristin.

Dass die Umsetzung bisher dennoch immer weiter vorangetrieben wurde, liegt aus Sicht der Bürgermeisterin auch an beruflichen Verflechtungen einer handelnden Person. „Wir sehen bei einem Landkreis-Mitarbeiter den begründeten Verdacht der Befangenheit”, so Winter.

Mehr lesen: Absurd und teuer – 5 kuriose Fälle von Steuerverschwendungen in MV

Konkret geht es um eine wiedervernässte Moorlandschaft im Gebiet der Gemeinde Buschvitz, die sich zwischen der Stadt Bergen auf Rügen und dem Kleinen Jasmunder Bodden befindet. Seit einiger Zeit ist der hiesige Landschaftspflegeverband nach eigener Aussage bemüht, auf dem Nationalen Naturerbe „die Wiederherstellung des ursprünglichen Landschaftsbildes und des ökologischen Gleichgewichtes, wie es vor Beginn der Trockenlegung der Flächen (vor 1835) bestand”, zu erreichen.

Erhebliche Zweifel am Schutz der Natur

Für diesen „Renaturierungsprozess” ist demnach vorgesehen, Rinder oder Pferde dauerhaft auf der Fläche anzusiedeln, die mit Hilfe eines Zauns rund um das 300 Hektar große Gebiet an Ort und Stelle gehalten werden sollen. Die „naturschutzorientierte Landschaftspflege” soll dabei helfen, die ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt wieder zu etablieren, hatte der Verband den Einwohnern von Buschvitz bei einer von mehreren Info-Veranstaltungen zu dem Thema erklärt.

Doch es gibt erhebliche Zweifel an dieser Darstellung. Ehrenamtliche Naturschützer befürchten, bereits dort lebende Kraniche könnten sich an dem geplanten Zaun schwere Verletzungen zuziehen. Zudem könnten weitere Kraniche durch den Zaun von dem wiedervernässten Moor ausgesperrt werden, heißt es. So sei die Mehrheit der Gemeinde-Einwohner laut der Bürgermeisterin zwar für Naturschutz, sieht diesen aber durch das Beweidungsprojekt in Gefahr. „Wir wollen, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist”, sagt sie.

Auch interessant: Klimawandel bringt Probleme für Kraniche und Müritz-Nationalpark

Günter Nowald, Leiter des NABU-Kranichzentrums und Geschäftsführer von Kranichschutz Deutschland, hat wegen der Naturschutz-Bedenken bei den beteiligten Behörden Akteneinsicht beantragt. „Im Moment bin ich noch dabei, alle notwendigen Informationen zusammenzutragen, um eine qualifizierte Einschätzung zu ermöglichen”, sagt Nowald auf Nordkurier-Anfrage.

Behördenleiter soll eigenen Antrag genehmigt haben

Zwei maßgeblich beteiligte Behörden sind das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Vorpommern (Stalu) und die Naturschutzbehörde des Landkreises Vorpommern-Rügen. Das Stalu hat für das Beweidungsprojekt bereits im Sommer 2020 Fördermittel in Höhe von rund 731.000 Euro bewilligt, etwa 90.000 Euro davon sind nach Nordkurier-Informationen schon an den Landschaftspflegeverband geflossen. „Der Verband treibt das Projekt gegen den gemeindlichen Willen massiv voran und bedient sich dafür aller greifbaren Methoden”, klagt Bürgermeisterin Winter an.

Denn in dessen Vorstand sitzt der Chef der Naturschutzbehörde des Landkreises – einer Behörde also, die über wichtige Genehmigungen für das Verband-Projekt zu entscheiden hat. Aus dieser personellen Überschneidung ergibt sich aus Sicht der Bürgermeisterin von Buschvitz der Verdacht der Befangenheit.

Weiterlesen: Backhaus will tausende Hektar Acker wieder zu Mooren machen

Als die Naturschutzbehörde Mitte Januar dieses Jahres dem Landschaftspflegeverband eine für die Beweidung notwendige Naturschutzgenehmigung erteilte, sah sie ihren Verdacht bestätigt. Der Chef der Naturschutzbehörde sollte unvoreingenommen über derartige Genehmigungen entscheiden, meint Winter. „Das ist aber zu bezweifeln, wenn er als Leiter der zuständigen Genehmigungsbehörde über einen Antrag entscheiden soll, den er als Vorstandmitglied des Pflegeverbands selbst mit gestellt hat.”

Dass der Landschaftspflegeverband das Beweidungsprojekt trotz Naturschutz-Zweifeln und gegen den mehrheitlichen Willen der Einwohner weiterverfolgt, hat aus Sicht der Bürgermeisterin wohl nicht zuletzt finanzielle Gründe. Wird das Projekt eingestellt, müsste der Verband die bereits erhaltenden 90.000 Euro Fördermittel zurückzahlen. „Dem Haushaltsplan des Verbands zufolge ist aber kein Geld da, um diese Summe zurückzuzahlen”, sagt Winter.

Wie der Landkreis zu dem Vorwurf der Befangenheit steht, wird auf Nordkurier-Anfrage nicht beantwortet. Auch nicht, ob das Projekt nun zu Grabe getragen werden muss. Der Antrag der Gemeinde Buschvitz werde derzeit bearbeitet, teilt eine Sprecherin mit. Weitere Auskünfte gebe es zu dem laufenden Verfahren nicht.

zur Homepage