B96 auf Rügen

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Mini-Baustelle verursacht Maxi-Kosten

 Als der Sassnitzer Uwe Stahr Mitte Oktober zu der Baustelle fuhr, konnte er nach mehr als vier Wochen Vollsperrung keine Asphalt-Arbeiten erkennen.
Als der Sassnitzer Uwe Stahr Mitte Oktober zu der Baustelle fuhr, konnte er nach mehr als vier Wochen Vollsperrung keine Asphalt-Arbeiten erkennen.
Thomas Söllner - Fotolia.com

Zehn Millionen Euro für 2,7 Kilometer bessere B 96: Die Kosten für eine Straßenbaustelle auf Rügen haben sich mehr als verdoppelt. Autofahrer sind aber aus ganz anderen Gründen genervt.

Es ist nur eine von unzähligen Straßenbaustellen im Land. Sie ist nicht besonders groß und würde normalerweise wohl kaum jemanden interessieren. Allerdings kann der gesperrte Abschnitt der B 96 auf Rügen zwischen Bergen und Ralswiek als typisches Beispiel für immer wiederkehrende Probleme zwischen Politik, Verwaltung und den Bürgern gesehen werden.

Je nach Sichtweise handelt es sich um ein Beispiel für den verantwortungslosen Umgang mit öffentlichen Geldern. Oder um eines für das heikle Abwägen verschiedener Interessen. Oder, wie es ein betroffener Autofahrer formuliert, als ein beschämendes Exempel für „das geringe Interesse daran, wie es den betroffenen Menschen in dieser Situation geht“.

Die Schwierigkeiten mit der Baustelle können aber auch beispielhaft dafür stehen, dass Aufgaben, die auf den ersten Blick simpel erscheinen, sich im weiteren Verlauf in unserer überregulierten Welt als extrem schwierig erweisen. So komplex, dass – je nach Sichtweise – die beteiligten Behörden und Baufirmen wirken, als wären sie mit der Bewältigung des Vorhabens überfordert. Oder zumindest damit, dessen Details der Bevölkerung zu vermitteln.

Geld für Sanierung war bereits im August ausgegeben

Gerade einmal 2700 Meter Straße sind es, die zwischen der größten Stadt der Insel und der von den Störtebeker-Festspielen bekannten Gemeinde Ralswiek zurzeit erneuert werden. Begonnen hatten die Arbeiten bereits 2017.

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Leif-Erik Holm hatte sich vor einigen Wochen mittels kleiner Anfrage bei der Bundesregierung nach den Kosten erkundigt. 4,32 Millionen Euro lautete die Antwort Ende August 2018. Sie war allerdings mit folgendem Hinweis versehen: „Nach Auskunft der Straßenbauverwaltung des Landes Mecklenburg-Vorpommern wurde dieser Betrag bisher ausgegeben.“

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Leif-Erik Holm erkundigte sich mittels kleiner Anfrage nach den Kosten.

Eine Nordkurier-Nachfrage beim Landesverkehrsministerium ergab, dass die Kosten für das Teilstück aktuell schon mit 10,8 Millionen Euro beziffert werden. Wohlgemerkt: Für 2700 Meter Straße. Macht 4000 Euro pro Meter oder 40 Euro pro Zentimeter. Hätte ein privater Unternehmer derartige Sprünge in seinen Kalkulationen, wäre er wohl nicht lange im Geschäft.

Auch der Naturschutz lässt die Kosten steigen

„Diese massive Steigerung ist erklärungsbedürftig“, findet Holm: „Vor allem, weil die Bauarbeiten ja noch gar nicht beendet sind.“ Insgesamt sind 21 Monate Bauzeit eingeplant. Erst im Juni kommenden Jahres soll die Straße wieder für den Verkehr freigegeben werden. Restarbeiten seien auch noch im Jahr 2020 möglich, heißt es.

Der Leiter des zuständigen Straßenbauamtes in Stralsund, Ralf Sendrowski, kann Erklärungen liefern. Zunächst einmal sagt Sendrowski, die Summe von 4,32 Millionen Euro stamme aus der Zeit vor dem Baubeginn. Mit diesem Kostenvoranschlag sei man beim Bund vorstellig geworden, um die Sanierung der Bundesstraße bewilligt zu bekommen.

Für die seitdem erfolgten „massiven Kostenexplosionen“ führt der Amtsleiter neben unvorhersehbaren Schwierigkeiten vor allem zwei Gründe an: Zum einen zunehmende Umwelt- und Naturschutzauflagen, zum anderen den Fachkräftemangel. „Es gibt kaum noch Leute, die diese Arbeiten machen wollen“, sagt Sendrowski.

Betroffener Pendler konnte nach mehreren Wochen keine Aspahlt-Arbeiten feststellen

Das nervt auch Autofahrer, die diese Baustelle täglich umfahren müssen und feststellen, dass trotz mehrwöchiger Vollsperrung gar keine Arbeiten an der Fahrbahn durchgeführt werden. Dieser Eindruck ist zumindest bei dem Sassnitzer Uwe Stahr entstanden.

„Ich bin als Pendler selbst betroffen und völlig verwundert darüber, wie die Leute seit Jahren mit den Argumenten des zuständigen Straßenbauamtes abgespeist werden“, schrieb er unserer Zeitung, nachdem er der Nordkurier-Berichterstattung entnehmen konnte, dass der B96-Abschnitt Ende September für eine ganze Woche voll gesperrt war, ohne dass dort Hand angelegt wurde.

Stahr machte sich danach selbst auf den Weg zur Baustelle und stellte Mitte Oktober fest: „Auch nach vier Wochen Vollsperrung war weit und breit nichts von Straßenbau zu sehen.“

Erklärungen des Straßenbauamtes lassen zwei Sichtweisen zu

Straßenbauamt-Leiter Sendrowski weist die Vorwürfe zurück. Auch wenn an der Fahrbahn selbst noch nicht gebaut worden sei, bedeute das noch lange nicht, dass niemand arbeite oder die Vollsperrung gar unnötig sei. Seit Anfang Oktober seien beispielsweise Bäume gefällt, Erdreich neben der Fahrbahn aus Naturschutzgründen abgetragen und eine Kreuzung erneuert worden.

Inselbewohner Stahr kritisiert allerdings auch, dass vergleichsweise viel Zeit benötigt wird, um ein so kleines Stück Straße zu erneuern. Es sei für ihn unverständlich, dass „die Ausschreibungen so formuliert werden, dass man tatsächlich 21 Monate Zeit hat, dieses Projekt zu bewältigen“. Ralf Sendrowski versichert jedoch, dass die zeitlichen Vorgaben so knapp wie möglich in der Ausschreibung festgehalten worden seien. Die beauftragte Baufirma lasse sich zudem schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr Zeit als nötig.

Diese Angaben lassen sich auf zweierlei Weise interpretieren. Entweder so: Die Straße war tatsächlich mehrere Wochen voll gesperrt, ohne dass an der Fahrbahn gearbeitet wurde. Bei einem solchen Schlendrian dürfe man sich über Kostensteigerungen nicht wundern, zumal Fachkräftemangel und Naturschutzauflagen in Deutschland ja nicht so überraschend sein könnten.

Die andere Sichtweise lautet: Wirtschaftliches Arbeiten, umfangreiche Umweltauflagen sowie intensive Vorbereitungen für die anstehenden Asphaltarbeiten sind plausible Begründungen für den gewaltigen Anstieg der Kosten sowie für den von außen betrachtet schleppend wirkenden Fortschritt auf der Baustelle.

Das Verkehrschaos nimmt einfach kein Ende

Bei Stahr ist dennoch der Eindruck entstanden, dass die Nachteile, die sich durch die Baustelle für ihn und unzählige weitere Autofahrer auf Rügen ergeben, bei Planungen auf politischer Ebene keine oder zumindest nur eine Nebenrolle spielen.

Anders lässt sich aus seiner Sicht nicht erklären, dass zeitgleich der gesamte Bahnverkehr auf Rügen wegen Bauarbeiten zum Erliegen kommt und eine der wichtigsten Verkehrsadern durch Bergen – die größte Stadt der Insel – noch bis November wegen Bauarbeiten gesperrt sein wird – parallel zu der B96-Baustelle, die für massiven zusätzlichen Verkehr in Bergen sorgt.

Stahrs negatives Empfinden hat sich vor allem durch Vorgänge in der sommerlichen Sperrpause verfestigt, die es für die Bauarbeiten auf dem B96-Abschnitt zwischen Juni und September gab – also während der Aufführungen der Störtebeker-Festspiele.

B96-Vollsperrung trotz ministeriell verordneter Bau-Pause

„Dass Touristen gut an- und abreisen können und dass die Einnahmen bei den Festspielen stimmen, war wohl wichtiger als die Probleme der Anwohner“, so Stahr. Während man für den Tourismus bereitwillig eine Lösung gefunden habe, nehme man dafür sogar noch in Kauf, dass die Einheimischen noch länger unter der Sperrung leiden müssten.

Der Pendler denkt dabei auch an Formulierungen, wie sie etwa Landesverkehrsminister Christian Pegel (SPD) in einem Interview 2016 nutzte. Laut des Onlineportals „Meinungsbarometer.info“ sagte der Minister damals, in Mecklenburg-Vorpommern seien Ferienstrecken definiert, „auf denen zur Vermeidung von Stauerscheinungen im Juli und August keine verkehrsraum-einschränkenden Baumaßnahmen durchgeführt werden.“

Damit ließe sich die Sommerpause auf der B96-Baustelle plausibel erklären. Während dieser Pause wurde allerdings ein anderer B96-Abschnitt nur wenige Kilometer weiter südlich für mehrere Tage voll gesperrt – trotz der ministeriellen Ferien-Verordnung.

Für Uwe Stahr handelt es sich bei der Tatsache, dass die Bauarbeiten bei Ralswiek im Sommer für die Touristen unterbrochen wurden, dafür aber an einer anderen Stelle gebaut wurde, um einen Beleg für „das geringe Interesse daran, wie es den betroffenen Menschen in dieser Situation geht“. Es werde auch deutlich, dass jede Bestimmung so ausgelegt werde, „wie es gerade benötigt wird“.

Tausend Erklärungen, keine Schuldigen

Als der Nordkurier in seiner Berichterstattung auf diesen Widerspruch aufmerksam machte, ließ das Landesverkehrsministerium der Redaktion umgehend eine Erklärung dafür zukommen: Die außerplanmäßige Sperrung der B96 in der Hochsaison kam zustande, weil die Stadt Bergen mit ihren Straßenbauvorhaben in Zeitverzug geraten war.

Die umstrittene neue B96 auf der Insel Rügen soll im Sommer 2019 durchgängig befahrbar sein.

Um die planmäßige Fertigstellung der neuen, großen B96-Schnellstraße nicht zu gefährden, sah man sich gezwungen, eine dafür notwendige Baumaßnahme vorzuziehen. Auch dieser Aspekt kann als gute Begründung für das Baustellen-Wirrwarr verstanden werden.

Man kann sich allerdings auch an den aus Kindermund bekannten „Ich-war-das-nicht“-Aufschrei erinnert fühlen.