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Rühmanns Runden über Rechlin

Willy Standfuß führt oft Besucher durch die Ausstellung des Luftfahrttechnischen Museums in Rechlin.

Um berühmte Namen ist Willy Standfuß bei seinen Führungen durch das Luftfahrttechnische Museum in seinem Heimatort Rechlin nicht verlegen. Die ...

Um berühmte Namen ist Willy Standfuß bei seinen Führungen durch das Luftfahrttechnische Museum in seinem Heimatort Rechlin nicht verlegen. Die Flugzeugführerin Melitta von Stauffenberg zählt er auf. Die Schwägerin des Hitler-Attentäters war 1939 verpflichtet worden, in der Rechliner Erprobungsstelle Zielgeräte für Sturzflugvisiere zu testen. Die erste deutsche Flugkapitänin Hanna Reitsch arbeitete an diesem Ort als Versuchspilotin für die Nazi-Luftwaffe.
Auch Beate Uhse, Pilotin und später Unternehmerin, soll in den 1940er Jahren als Überführungsfliegerin gelegentlich in Rechlin gewesen sein, berichtet Standfuß.

Interessantes zu Luftfahrt, Militär, Technik

Besonders häufig wird er bei seinen Führungen durchs Museumnatürlich nach Heinz Rühmann gefragt. Der Schauspieler erhielt in Rechlin im Frühjahr 1941 seine militärische Grundausbildung. Der Film „Quax, der Bruchpilot“ sei allerdings wohl in Bayern und nicht in Mecklenburg gedreht worden, wie Gerüchte immer wieder behaupteten. Dafür gebe es keine Belege.
Doch eigentlich geht es Willy Standfuß und dem Verein, der das Museum aufgebaut hat und betreibt, gar nicht in erster Linie um die Prominenz. „Wir sind eher ein Heimatverein“, meint der 82-Jährige. Die Ausstellung zeige die Geschichte von Rechlin – und die drehe sich um Luftfahrt, Militär und um die Schiffswerft. „Bevor die Erprobungsstelle der Luftwaffe entstand, war Rechlin ein Gutshof. Es gab Landwirtschaft, Vieh und nicht mal eine richtige Straße“, erzählt der Rentner, der viele der jährlich 23 000 Besucher durch die Exposition in den historischen Gebäuden führt.
In den 1940er Jahren seien hier über 4000 Menschen beschäftigt gewesen. Viele lebten mit ihren Familien neben dem Areal, auf dem 120 deutsche Flugzeugtypen und zahlreiche im Krieg erbeute Maschinen getestet wurden. „Rechlin ist quasi als künstlicher Ort neu entstanden“, berichtet Standfuß. Nachbarorte seien geschliffen und die Gebäude als Waffenziele genutzt worden.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde, was nach Sprengungen und Bombenangriffen übrig war, an die Sowjetischen Streitkräfte übergeben, die hier Hubschrauber und Jagdbomber stationierten. Die DDR-Armee NVA baute ein zentrales Nachrichtenlager auf.
1963 entstand die Schiffswerft. Willy Standfuß kann für Besucher die Arbeit auf der Werft veranschaulichen: In den Hallen und auf dem Hof stehen Faltboote, Kajütboote, orangefarbene geschlossene Rettungsboote und militärische Boote, die zur Grenzsicherung in den Warschauer-Pakt-Staaten eingesetzt wurden.
Zudem hat der Verein Exponate aus verschiedenen Etappen der Luftfahrt zusammengetragen: So sind zum Beispiel das erste zivile Ganzmetallflugzeug der Welt, eine Junkers F 13, oder der erste in Serie produzierte Turbinenjäger, eine Me 262, zu sehen. Spannend für technisch Interessierte.

Keine Klagemauer und keine Ehrentafeln

Natürlich sei Rechlin eine Waffenschmiede der Nazi-Luftwaffe gewesen. Aber jeder solle sich in der Ausstellung auch selbst ein Bild machen können von der Rolle des Ortes bei der Kriegsvorbereitung. „Wir haben hier keine Klagemauer und keine Ehrentafeln“, sagt Willy Standfuß. „Aber wir haben einen Gedenkstein mit der Aufschrift ,Die Toten mahnen uns‘ hergeholt“, erzählt er. „Jeder Tote ist einer zu viel. Wir unterscheiden da nicht zwischen dem US-Bomberpilot, dem deutschen Testflieger oder dem KZ-Häftling, der hier umkam.“
Am Zustandekommen des Museums seien auch ganz unterschiedliche Leute beteiligt gewesen. Leute wie Standfuß selbst, der Anfang der 1960er Jahre als Angehöriger der DDR-Armee hierher kam. „Als mich die Armee 1990 nicht mehr brauchte, sagte meine Frau, dass ich etwas Vernünftiges machen soll“, erzählt er. Das Vernünftige wurde der Verein. „Als ich dann vor Jahren mal meinen Keller aufräumte, hielt ein dickes Auto am Grundstück.“ Im Gespräch stellte sich heraus, dass ein früherer Diplomingenieur und eine Sekretärin der Erprobungsanstalt vor ihm standen. Beim Kaffee entstanden erste Kontakte. Standfuß wurde zu Treffen eingeladen, bekam viele Tipps und Spenden.
Ans Aufhören denkt der
82-Jährige nicht. Grundstück, Garten, Angeln und der Verein: „Ich muss eben was zu tun haben“, sagt er. Außerdem gehöre er noch zu der Generation, die vieles aus eigenem Erleben kenne. So sitze er auch häufig am Computer und schreibe Erinnerungen und Episoden auf. Und viele davon gibt er bei Rundgängen mit den Museumsbesuchern weiter.

Das Luftfahrttechnische Museum hat von Mai bis Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen sind nach Voranmeldung möglich.

www.luftfahrttechnisches-museum-rechlin.de