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So kann Angeln auch aussehen!

Heringsfang am alten Rügendamm

Ein Lkw donnert über die Straße. Der Boden vibriert. Es riecht nach Abgasen. Es ist kurz vor sieben Uhr und Roland Gohlke steht seit einer Stunde auf dem ...

Ein Lkw donnert über die Straße. Der Boden vibriert. Es riecht nach Abgasen. Es ist kurz vor sieben Uhr und Roland Gohlke steht seit einer Stunde auf dem alten Rügendamm in Stralsund. Er will Heringe angeln und das am liebsten eimerweise. Dafür ist er um vier Uhr aufgestanden und fast 140 Kilometer von Neustrelitz in die Hansestadt gefahren. Roland Gohlke steht in der Mitte des früheren Rügen-Zubringers. An seiner grünen Jacke zerrt der Wind. Die braune Cordhose flattert um seine Beine. Seinen Kopf schützt er durch eine kleine blaue Mütze mit Kunstfellkragen vor den eisigen Windböen. Der 43-Jährige hält eine fast drei Meter lange, schwarze Angelrute in der Hand. Sie ist neu. „Wäre doch gelacht, wenn wir die heute nicht eingeweiht kriegen.“
Jedes Jahr, wenn es wärmer wird, pilgern Hunderte Männer aus nah und fern zum alten Rügendamm. Einige von ihnen nehmen dafür extra Urlaub, stellen das Familienleben hinten an. Genau in dieser Zeit zieht es auch die Heringe zum Laichen in die Boddengewässer.
Roland Gohlke schwingt die Angel nach hinten. Nur eine Hundertstelsekunde später bewegt er seine Hand ruckartig nach vorn. Mit leisem Surren fliegt die fast durchsichtige Schnur mit ihren fünf silberfarbenen Haken, dem Heringspaternoster, in Richtung Meeresgrund. Ein leises Surren ist zu hören. Langsam rollt die Angelschnur ab. Roland Gohlke hält dabei den Zeigefinger zwischen Sehne und Rute. Er klappt einen silbernen Bügel an seiner Angelrolle um. Klick. Das Surren verstummt. „Ich kontrolliere die Schnur, bis sie ungefähr auf dem Grund angekommen ist“, erklärt er. Er kurbelt und zieht die Angelrute ein Stückchen hoch, um sie gleich wieder absinken zu lassen. Die weiche Spitze biegt sich leicht nach vorn. Wieder zieht er die Rute hoch und lässt sie absinken. Hoch und ab. Immer wieder. Dadurch sollen die Heringe unter Wasser angelockt werden. Roland Gohlke zieht noch einmal. „Da is nischt. Ich versteh das nicht.“ Er kurbelt die Schnur Stück für Stück wieder ein. Seine Stirn legt sich in Falten. Er schaut mit starrem Blick auf die gegenüberliegende neue Rügenbrücke. „Das ist dieses Jahr alles später. Auch der Hering.“

Heringsangeln – das ist anders

Das Zeitfenster für den Fang ist kurz. Etwa vier bis sechs Wochen haben die Angler, um die kleinen glitzernden Fische zu fangen. Und selbst wenn der Hering da ist, gibt es keine Fanggarantie.
Der 43-Jährige holt unzählige Male zum Wurf aus. Und immer wieder das gleiche Bild: Männer jeden Alters ziehen, mit der Angel in der einen und einem Eimer in der anderen Hand, an ihm vorbei. Sie positionierten sich am anderen Ende der Rügenbrücke, an der Mole. Dort füllt es sich. Der Neustrelitzer beobachtet sie.
„Die sollen heute eigentlich voll werden“, sagt er und zeigt auf seinen kleinen Handwagen mit einem gelben und einem weißen Zehn-Liter-Eimer. „Also werde ich wohl auch mal umziehen.“ Ein paar hundert Meter weiter stellt er seinen Handwagen ab, wirft die Angel wieder aus. Die Schnur surrt. Klick. Roland Gohlke zieht die Angel hoch, lässt sie wieder absinken.
„Jetzt ist was“, ruft er und kurbelt aufgeregt die Sehne ein. Er schaut nach unten. „Ja, jetzt haben wir was!“ Die Rute biegt sich nach vorn. Roland Gohlke hält sie fest. Seine Hand ist angespannt. Er kurbelt weiter. Wild zappelt ein Hering an seiner Schnur. Die Schuppen glitzern in der Sonne. „Ein richtig schön großer sogar“, sagt er mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.
Heringsangeln – das ist anders. Anders als das normale Angeln und irgendwie besonders. Kiloweise schleppen die Angler den Fisch in der kurzen Saison nach Hause. Manchmal stehen sie dafür Tage, manchmal auch nur ein paar Stunden auf der Brücke. Mal in praller Sonne, mal im eisigen Wind. Und manchmal fangen sie auch gar nichts. Wenn doch, zehren sie das ganze Jahr davon.
Roland Gohlkes Lächeln wird mit jedem Blick in seinen Eimer breiter. „Auch du wirst ein Filet“, ruft er dem Hering an seiner Angel entgegen. Am meisten freue er sich auf selbst gemachten Rollmops. Aber auch als Brathering oder geräuchert liebt er ihn. Und dafür lohne es sich auch. „Schließlich sind wir zum Fischefangen hier und nicht zum Angeln!“