Verschworene Gemeinschaft
Das Wahrheits-Kartell

Wahrt NDR-Journalist André Keil ausreichend journalistische Distanz zu Ines Geipel? Das Bild zeigt sie bei der Verleihung des "Goldenen Bands" an Ines Geipel. Keil hielt die Laudatio, ein Jahr später bekommt er einen Preis von Geipel.
Wahrt NDR-Journalist André Keil ausreichend journalistische Distanz zu Ines Geipel? Das Bild zeigt sie bei der Verleihung des „Goldenen Bands” an Ines Geipel. Keil hielt die Laudatio, ein Jahr später bekommt er einen Preis von Geipel.
S. Pilick (Archiv)

Man kennt sich, man schätzt sich, man bleibt unter sich. Unser kritischer Überblick zeigt, wie die Akteure rund ums Thema DDR-Doping miteinander verwoben sind.

Ines Geipel

Die ehemalige DDR-Leichtathletin fiel in den 80er Jahren in Ungnade, nachdem sie mit einem Sportler aus dem Ausland angebandelt hatte. Geipel wurde später Schriftstellerin und ist inzwischen Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“.

Nach der Wende engagierte sie sich für die Aufklärung des Unrechts im DDR-Leistungssport, seit 2013 ist sie Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH). Von Anfang an bemühte sie sich, Medien auf ihre Seite zu ziehen. 2016 verkündete sie in einer Vorstandssitzung laut Protokoll (liegt dem Nordkurier vor), dass „wichtige Medienvertreter inzwischen auf Seiten des DOH“ seien. Dies sei ein hartes Stück Arbeit gewesen. Mit nachhaltigem Erfolg.

Voriges Jahr wurde sie zum Beispiel vom Verband der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg mit dem „Goldenen Band“ ausgezeichnet. Die Verleihung nutzte sie, um sich darüber zu beklagen, dass die ostdeutschen Tageszeitungen zu unkritisch über DDR-Doping berichten würden. Sie selbst fühlte sich dann vom Nordkurier extrem ungerecht behandelt, als der im Spätsommer anfing, ihr kritische Fragen zu stellen.

André Keil

Der Studioleiter im NDR-Landesfunkhaus Schwerin hat verschiedene Doku-Filme zum DDR-Leistungssport gedreht. Erst kürzlich verantwortete er den NDR-Film „Kraftakt“ über mehrere Frauen, die als junge Mädchen im DDR-Leistungssport verheizt wurden (Nordkurier berichtete). Bei der Premiere des Films im September in Schwerin diskutierte Keil unter anderem mit DOH-Chefin Geipel über den DDR-Leistungssport. Geipel nutzte diese Veranstaltung, um sich über „Verwahrlosungsjournalismus“ beim Nordkurier zu beklagen, der schon damals zu den Vorgängen in Geipels Verein recherchierte, allerdings noch keine Zeile veröffentlicht hatte.

Keil hielt zudem im vorigen Jahr die Laudatio auf Geipel, als ihr das „Goldene Band“ verliehen wurde (siehe oben). Dafür revanchiert sich Ines Geipel in wenigen Wochen: Am 6. Dezember 2018 soll Keil der Journalistenpreis der DOH verleihen werden.

Trotz seiner engen Verbindungen zu Ines Geipel darf André Keil beim NDR aber noch DOH-Themen bearbeiten: Als der Nordkurier mit seinen Recherchen zum DOH begann, sandte Keil eine E-Mail an unsere Redaktion: Keil schrieb, er arbeite ebenfalls an einem Beitrag zum Thema. Nun wolle er bei den Nordkurier-Journalisten ihren „Sachstand abfragen“. Keil ging es dabei offensichtlich darum, herauszufinden, welche Informationen unserer Redaktion vorlagen und wer unsere Informanten waren – ein Beitrag zum Thema ist unter seinem Namen jedenfalls nie erschienen. Vielleicht aber deshalb, weil wir es ablehnten, unsere „Sachstände“ mit ihm zu teilen, auch wegen seiner unjournalistischen Nähe zur DOH.

Erich Laaser

Der Sportjournalist ist seit 1999 Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS). Nachdem unsere Redaktion kritisch über die DOH berichtet hatte, überzog der NDR den Nordkurier öffentlich mit Falschbehauptungen. Laaser leistete in der NDR-Sendung „Nordmagazin Land und Leute“ Schützenhilfe. Inhaltlich hatte Laaser nicht viel beizusteuern – außer dem Hinweis, dass die Nordkurier-Journalisten nicht Mitglied in seinem Verband seien, was implizit so viel heißen sollte wie: Dann sind es ja auch keine richtigen Sportjournalisten. Gut möglich also, dass Laaser eher aus Gefälligkeit für André Keil tätig wurde. Dieser ist als erster Vizepräsident des VDS seine rechte Hand und soll Laaser zudem nach Nordkurier-Informationen bald als Präsident beerben.

Michael Reinsch

Der Journalist der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) berichtet immer wieder über die DOH und ihre Aktivitäten – stets wohlwollend. Nachdem der Nordkurier erstmals kritisch über Ines Geipel und den DOH berichtet hatte, durfte Geipel in einem ausführlichen Interview mit Reinsch zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Kritische Rückfrage gab es dabei nicht. Wen wundert’s? Auch Reinsch erhält für seine Berichterstattung in diesem Jahr einen DOH-Journalistenpreis. Ein Kollege Anno Hecker schickte gleichzeitig einen Fragenkatalog an den Nordkurier, in dem die Glaubwürdigkeit unserer Berichterstattung in perfider Weise in Zweifel gezogen wurde.

Anne Armbrecht

Die Sportjournalistin brachte im Spätsommer eine angebliche Affäre um den Neubrandenburger-Leichtathletiktrainer Dieter Kollark ins Rollen. Sie präsentierte einen Ex-DDR-Leistungssportler, der behauptete, als Jugendlicher gegen seinen Willen von Kollark gedopt worden zu sein.

Kollark, dessen Verstrickung ins Doping-System des DDR-Leistungssports zu diesem Zeitpunkt bereits lange bekannt war (auch durch Nordkurier-Artikel), dementierte dies. Er sorgte auf dem Rechtsweg dafür, dass der Tagesspiegel – und auch die FAZ, wo Michael Reinsch ebenfalls über das Thema berichtet hatte – ihre Berichterstattung korrigieren mussten. Der Tagesspiegel-Bericht ist inzwischen nicht mehr abrufbar.

Armbrecht erhielt vom VDS-Landesverband Berlin-Brandenburg kürzlich ein Stipendium: Daher könne sie „sich nun noch intensiver mit dem bislang kaum beleuchteten Thema ‚Doping in der DDR-Oberliga‘ beschäftigen“, hieß es dazu vom VDS. Dennoch fand sie noch Zeit, in einem weiteren Tagesspiegel-Artikel zu behaupten, dass der Nordkurier „ohne jeden Beleg“ kritisch über die DOH berichtet habe, was natürlich nicht stimmt.

Dr. Jochen Buhrmann & Prof. Harald Freyberger

Der Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin in Schwerin und der Greifswalder Psychiatrie-Professor kämpfen gemeinsam mit Ines Geipel für die Anerkennung einer zweiten Opfer-Generation. Der DOH empfiehlt Menschen, die sich als mittelbare Opfer des DDR-Leistungssports anerkennen lassen wollen, Besuche bei diesen Medizinern, weil sie offenbar entsprechende Expertisen verfassen.

Auch der Ex-Sportler, der die Doping-Vorwürfe gegen Dieter Kollark erhob, wird von Dr. Buhrmann behandelt. Solche Verquickungen sehen Experten wie Professor Werner Franke kritisch: „Während diese Mediziner die Forderung des Dopingopferhilfevereins unterfüttern, das Entschädigungsgesetz auf die zweite Opfer-Generation auszuweiten, forschen sie zugleich nach eigenen Worten in einer Arbeitsgruppe zusammen mit eben der Vereinsvorsitzenden Ines Geipel (...) zu den Folgen des DDR-Staatsdopings.“