Vorwürfe

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Wie sauber ist die Hilfe für Opfer von DDR-Doping?

Die Vorsitzende des Doping-Opferhilfe-Vereins (DOH), Ines Geipel, steht in der Kritik. Die 58-Jährige wurde als junge Frau selbst Opfer des DDR-Zwangsdopings. Später wurde sie wegen Fluchtplänen von der Stasi drangsaliert. 1984 wurde ihr während einer Unterleibs-OP im Auftrag der Stasi heimlich die gesamte Bauchmuskulatur durchtrennt, sodass ihre Karriere beendet war.  Foto: Rainer Jensen/archiv
Die Vorsitzende des Doping-Opferhilfe-Vereins (DOH), Ines Geipel, steht in der Kritik. Die 58-Jährige wurde als junge Frau selbst Opfer des DDR-Zwangsdopings.
Rainer Jensen

Viele Opfer des Dopings im DDR-Sport leiden bis heute unter den Folgen – nun gibt es Vorwürfe gegen einen Verein, der sich für ihre Rechte einsetzt. Versucht man, diese aufzuklären, gerät man schnell selbst unter massiven Beschuss.

Schwindel, Täuschung, Mobbing. Die Vorwürfe, gerichtet an den Doping-Opferhilfe-Verein (DOH) in Berlin, wiegen schwer. Ausgesprochen werden sie von Katrin Kanitz, die viele Jahre ehrenamtlich in dem Verein tätig war und als Ex-Eiskunstläuferin selbst anerkanntes Dopingopfer ist. Die 48-Jährige hat lange mit sich gerungen, diesen Schritt zu gehen. Doch sie möchte reden. Sie wirft dem DOH vor, die Zahlen über Opfer im DDR-Leistungssport aufzubauschen und nicht gründlich genug zu überprüfen, ob Personen, die sich beim Verein melden, wirklich Opfer waren.

Wahrscheinlich wären die Vorwürfe gar nicht öffentlich geworden, hätte es nicht den Fall des Neubrandenburger Leichtathletik-Trainers Dieter Kollark gegeben, in dessen Zuge sich gleich mehrere ehemalige DOH-Mitglieder an den Nordkurier wandten. Dem 73-jährigen Kollark wird vorgeworfen, am Zwangsdoping von Kindern im DDR-Leistungssport beteiligt gewesen zu sein (Nordkurier berichtete). Kollark wehrte sich dagegen mit juristischen Mitteln. Er sagt: Diejenigen, die die Vorwürfe gegen ihn erheben, seien mögliche Trittbrettfahrer, die sich zu Unrecht als DDR-Dopingopfer hätten registrieren lassen, weil sie auf die Entschädigung von 10 500 Euro aus seien. Diesen Betrag zahlt die Bundesrepublik jedem anerkannten Dopingopfer.

Die DOH-Vorsitzende reagiert agressiv auf Nachfragen

Tatsächlich mussten zwei Tageszeitungen auf Druck von Kollark ihre Berichterstattung über den Fall korrigieren, weil er nachweisen kann, dass er in der fraglichen Zeit nicht mit Kindern gearbeitet hat. Wer über Kollark spricht, muss aber auch wissen: Kollark war maßgeblich eingebunden in den DDR-Leistungssport, er hat mit der Stasi zusammengearbeitet. Seine Stasi-Akte liegt unserer Redaktion vor. All diese Vorwürfe sind lange bekannt – der Nordkurier hat Dieter Kollark wiederholt dazu befragt und auch Antworten erhalten.

Genauso versuchte unsere Redaktion nun auch, Ines Geipel zu befragen, die Vorsitzende der DOH. Die 58-jährige ist selbst Opfer des DDR-Dopings, trat einst als Leichtathletin für den Arbeiter- und Bauernstaat an. Für ihr langjähriges Engagement für DDR-Dopingopfer ist die spätere Literaturprofessorin mehrfach geehrt worden, sie gilt als wortgewaltige Kämpferin für die Rechte dieser Menschen. Wenn es um Vorwürfe gegen ihren Verein geht, wird Geipel in der Sache allerdings schmallippig. Trittbrettfahrer, die zu Unrecht Entschädigung kassierten, seien ihr nicht bekannt, antwortete sie zunächst auf eine Nordkurier-Anfrage zum Thema.

DOH bringt 500 Todesfälle mit dem DDR-Doping in Zusammenhang

Auf weitere Fragen mochte Geipel nicht antworten. Stattdessen beschimpfte sie in der vergangenen Woche gleich mehrere Redakteure unseres Hauses und stieß juristische Drohungen aus. Zunächst nur in E-Mails und Telefonaten, am vergangenen Montag bei der Präsentation eines neuen NDR-Films über das Zwangsdoping jedoch auch öffentlich. Der Nordkurier betreibe „Verwahrlosungsjournalismus“ und begehe ein „mediales Verbrechen“, erklärte sie vor rund 200 Teilnehmern der Filmpräsentation.

Starke Worte über eine Redaktion, die zu diesem Zeitpunkt nicht einen kritischen Satz über Geipel und den DOH veröffentlicht hatte. Stattdessen versuchte unsere Redaktion, ihrer journalistischen Arbeit nachzugehen, was in diesem Fall heißt: Die Vorwürfe gegen Geipel und den DOH möglichst objektiv aufzuklären und alle Beteiligten zu befragen. Auch nach der Veranstaltung, auf der Geipel vom Podium aus über den Nordkurier schimpfte, war sie nicht zu einem Gespräch über die Vorwürfe bereit – sondern beschimpfte den anwesenden Nordkurier-Reporter bloß noch einmal vor laufender Kamera für seine Arbeit.

Die Vorwürfe betreffen in erster Linie die Art und Weise, wie Ines Geipel sich zum Sprachrohr der DDR-Opfer macht. Dass Geipel darauf so aggressiv reagiert, kommt für Katrin Kanitz nicht überraschend. So kenne sie Geipel bereits, sagt Kanitz. Die einstige DDR-Eiskunstläuferin, die 1987 in Sarajevo mit ihrem Partner Tobias Schröter Bronze bei der Europameisterschaft im Paarlauf holte, ist der Meinung, dass es in den Reihen der von dem DOH betreuten Personen sehr wohl Trittbrettfahrer gebe. Und dies sei dem DOH auch bekannt.

Mehr Opfer, mehr Geld – mehr Anerkennung für den DOH?

Weiter sagt die heute 48-Jährige: Die Opferzahlen, mit denen der Verein in der Öffentlichkeit arbeite, entsprächen nicht der Wirklichkeit. Der Verein bausche die Zahlen auf. Eigenen Angaben zufolge betreut der DOH mehr als 2000 größtenteils schwer geschädigte Menschen. In Schwerin sprach Geipel am vergangenen Montag sogar von mehr als 3500 Opfern. Katrin Kanitz ist nicht die einzige, die sagt: Es gibt viel weniger Betroffene. Auch die Bundesregierung teilte kürzlich in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag mit, man gehe weiterhin von 1000 anspruchsberechtigten DDR-Sportopfern aus.

„Nach meinen Erfahrungen und Belegen kann man eher von 500 Betroffenen ausgehen“, sagt Katrin Kanitz. Auch die 500 Todesfälle, die nach DOH-Angaben mit Doping in Verbindung stehen sollen, seien aus der Luft gegriffen: „Diese Todesliste ist absurd. Niemand kann genau sagen, ob die Menschen aufgrund des Staatsdopings gestorben sind.“

Kanitz behauptet: Der DOH brauche hohe Opferzahlen. Hintergrund sei, dass die Bundesregierung im Jahr 2015 den zweiten Entschädigungsfonds in Höhe von 10,5 Millionen Euro auf Grundlage der DOH-Opferzahlen und der Schwere der Erkrankung aufgelegt habe. Mehr Opfer, mehr Geld – mehr Anerkennung für den DOH? So lautet der Vorwurf von Katrin Kanitz. Sie meint, dass jeder Fall einzeln und unabhängig geprüft werden sollte.

„Was im DOH passiert, ist falsch”

Kanitz, die sich früher selbst im DOH engagiert hat, sagt, sie habe selbst erlebt, dass die Vorsitzende ein Interesse daran habe, die Zahlen zu dramatisieren. „Ich habe dieses Spiel lange mitgemacht, weil ich davon ausgegangen bin, dass sich immer mehr Opfer melden würden. Aber irgendwann hat mich mein Gewissen eingeholt“, erzählt sie. Sie habe mit Ines Geipel, mit der sie lange Zeit sogar befreundet gewesen sei, darüber geredet. „Sie hat ihren Kurs aber weiter verfolgt“, erzählt Kanitz. Von da an sei sie innerhalb des DOH mehr und mehr gemobbt worden, schließlich erkrankt.

Kanitz hat erst Jahre nach der Wende erfahren, dass sie 1986 mit Oral-Turinabol, einem männlichen Sexualhormon, gedopt wurde. Sie wurde dafür mit 10 500 Euro entschädigt. Seit 2001 leidet sie unter Psychosen und Depressionen – einer anerkannten Doping-Spätfolge. In die Psychosen verfällt sie zeitweise immer noch. Mittlerweile glaubt sie aber nicht mehr daran, dass ihre Krankheit mit dem Doping zu tun hat, sondern die Gründe vielmehr in ihrer Familiengeschichte zu finden sind. Sie sagt: „Ich gehe jetzt nicht an die Öffentlichkeit, weil ich mich rächen will. Ich bin für die Wahrheit. Was im DOH passiert, ist falsch.“

Für Ines Geipel ist die psychische Erkrankung von Katrin Kanitz Anlass, unsere Redaktion vor Kontakt mit Kanitz zu warnen: Man dürfe sie nicht ernst nehmen, schreibt Geipel in einer ihrer wütenden E-Mails. Kanitz führe einen persönlichen Rachefeldzug gegen sie, Ines Geipel. Weil Geipel sich jedoch jedem sachlichen Gespräch verweigert und stattdessen auf Angriff schaltet, stellt sich unserer Redaktion nach mehrwöchigen Recherchen die Frage, wer hier eigentlich auf einem Feldzug gegen wen ist.

Müssten Opfer und Täter heute nicht besser aufeinander zugehen?

Schließlich meldete sich auch Uwe Trömer, einstiger Vizeweltmeister im Bahnradsport und ebenfalls langjährig für Dopingopfer beim DOH engagiert. Auch er arbeitete einst eng mit Ines Geipel zusammen, gehörte nach eigenen Angaben „zum innersten Zirkel“. Seit drei Jahren ist das anders. Der 56-Jährige, selbst anerkanntes Dopingopfer, plädiert seitdem für eine Kehrtwende und spricht sich öffentlich für ein Aufeinanderzugehen von Opfern und Tätern aus. Trömer nahm Kontakt zum Präsidenten des Landessportbunds Thüringen, Peter Gösel, und dessen Geschäftsführer Rolf Beilschmidt auf. Der frühere Hochspringer Beilschmidt war inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, Gösel vor der Wende SED-Kader.

Für einstige Kollegen beim DOH, allen voran Ines Geipel, war Trömers Weg offenbar ein Affront, ein Verrat. Denn Geipel und der DOH haben immer wieder gefordert, Gösel und Beilschmidt müssten gehen, ehe man sich aufeinander zubewegen könne. Trömer jedoch lobt, wie man sich in Thüringen um Dopingopfer kümmere: „Dort wird Dopinggeschädigten schnell und unbürokratisch geholfen. Dort werden die Opfer, die Hilfe brauchen, nicht an die Öffentlichkeit gezerrt wie beim DOH.“

Trömer berichtet von einer schmutzigen Verleumdungskampagne, die der DOH danach gegen ihn ins Rollen gebracht habe: „Eine von vielen haltlosen Beschuldigungen war, dass ich in die Vereinskasse gegriffen hätte“, sagt er. Auch zu diesem Thema erklärt der DOH heute: Nichts. Stattdessen: Wutausbrüche seiner Vorsitzenden.

Auch der frühere DOH-Chef wies auf die Trittbrettfahrer-Problematik hin

Uwe Trömer sagt, es habe vieles im DOH gegeben und es gebe noch immer vieles, was hinter dem Rücken der Mitarbeiter laufe und moralisch nicht tragbar sei. Und auch er sagt: Die Betroffenen-Zahlen lägen weit unter denen, die publiziert werden. Und selbstverständlich gebe es bei den Dopingopfern Trittbrettfahrer.

Auch der ehemalige DOH-Vorsitzende Klaus Zöllig hat im März 2013 auf die Gefahr von Trittbrettfahrern hingewiesen. Ines Geipel jedoch betrachtet jede Frage zu diesem Thema als persönlichen Angriff auf ihre Person, sät Missgunst und Verleumdungen. Sie selbst sagt als Entschuldigung für dieses Verhalten, sie werde bei diesem Thema nun einmal emotional.

Doch ist das wirklich eine günstige Ausgangslage, um als oberste Repräsentantin von DDR-Dopingopfern zu fungieren? Wäre diesen nicht mehr geholfen, wenn die Vorwürfe gegen den DOH ruhig und sachlich aufgeklärt würden, wenn auch über Versöhnung zwischen Opfern und Tätern geredet würde?

Genau das fordern Dopingopfer wie Katrin Kanitz und Uwe Trömer. Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat Uwe Trömer einmal gesagt, der konfrontative Antidopingkampf habe ihn ausgezehrt, er habe „keinen Sinn mehr im Hass“ gesehen. Viele hätten Angst vor Ines Geipel, würden deshalb schweigen. Auch Katrin Kanitz gehörte lange zu ihnen: Jetzt möchte sie nicht mehr schweigen.