BFC-Mittelfeldspieler Rainer Ernst (rechts) im Zweikampf mit dem Leipziger Lok-Fußballer Ronald Kreer.
BFC-Mittelfeldspieler Rainer Ernst (rechts) im Zweikampf mit dem Leipziger Lok-Fußballer Ronald Kreer. Werner Schulze
Fußballhistorie

DDR-Fußballer Rainer Ernst: „Erich Mielke war ein heimlicher Diktator“

Er spielte viele Jahre für den BFC Dynamo und war einer der bekanntesten DDR-Kicker. Am Freitag feiert Rainer Ernst einen runden Geburtstag.
Neustrelitz

Rainer Ernst gehört zu den erfolgreichsten deutschen Fußballern. Mit dem BFC Dynamo holte der blonde Mittelfeldspieler zehnmal die DDR-Meisterschaft und zweimal den FDGB-Pokal. Dazu war er zweimal Torschützenkönig der Oberliga. Für die DDR-Auswahl bestritt Ernst 56 Länderspiele (21 Tore). Meister wurde er auch in seiner ersten Bundesligasaison 1990/91 mit dem 1. FC Kaiserslautern. Später kickte er in Frankreich und in der Schweiz, stieg mit Bordeaux und Cannes in die 1. französische Liga.

Am Freitag feiert der Ex-Profi, der in Neustrelitz lebt, seinen 60. Geburtstag. Nordkurier-Redakteur Thomas Krause sprach mit Rainer Ernst über sein Fußball-Leben und gab dafür die Stichwörter.

60

Es ist doch alles sehr schnell gegangen, wobei ich mich überhaupt nicht wie 60 fühle. Wenn ich an früher und meinen Opa denke. Da war man mit 60 schon sehr alt. Heute ist das anders. Man muss sehen, dass man fit bleibt.

Gesundheit

Die ist im Großen und Ganzen in Ordnung, auch wenn ein paar Zipperlein schon mal da sind. Ein bisschen Sport gehört dazu und eine einigermaßen gesunde Ernährung. Aber da werde ich von meiner Frau gut gelenkt.

Bundesliga

Damit verbinde ich natürlich Glücksmomente. In der Bundesliga habe ich in meiner ersten Saison mit Kaiserslautern die erste gesamtdeutsche Meisterschaft gefeiert. Das hat mir sogar einen inoffiziellen Titel beschert: der einzige Spieler, der bisher elf Mal deutscher Fußballmeister wurde

Wünsche

Dass es in dieser Art weitergeht. Ansonsten gibt es keine großen Wünsche mehr. Vielleicht, dass Corona endlich zu Ende geht, das schränkt das Leben doch schon sehr ein.

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Neustrelitz

Ist eine Kleinstadt, die immer schöner wird. Meine Frau und ich haben viel gesehen in der Welt, aber wir lieben die Mecklenburgische Seenplatte, das Wasser, das Boot fahren.

BFC Dynamo

Dort habe ich die meiste Zeit meines sportlichen Lebens verbracht. Ich bin mit 14 zum BFC gekommen, habe viele schöne Momente erlebt.

Stasiclub

In den ersten Jahren hatte ich damit überhaupt keine Berührungspunkte, wurde mit dem Thema Stasi nicht konfrontiert. Das wurde erst später ein Thema, als Erich Mielke sozusagen der Schirmherr des Clubs wurde und die Anfeindungen zunahmen. Mit der Stasi selbst kam ich nie in Berührung, ich war Mitglied der Volkspolizei. Im Klub war es aber immer sehr ehrlich, weil alle wussten, von wem das Geld kam.

Zukunft des Fußballs

Die Ablösesummer werden immer größer, die Gehälter des Profis immer höher, die Stadionbratwurst immer teurer. Irgendwann muss das doch ein Ende haben, aber das denke ich schon seit zehn Jahren. Aber es geht weiter so, weil der Fußball eben ein Massensport ist. Ich hoffe nur, dass es die Super League nicht geben wird. Dann wird das Interesse der Fans wohl wirklich flöten gehen.

Mauerfall

War ein riesig glücklicher Umstand, allein schon, wenn ich an die Reisefreiheit denke. Alles war jetzt freier und offener. Das war ganz wichtig. Man muss aber auch sagen: Wenn du in der DDR geboren wirst und täglich zu hören bekommst, wie gut die DDR ist, dann glaubst du irgendwann daran. Meine erste Auslandsreise als Fußballer war in die Schweiz, da habe ich gedacht: Hoppla, was geht denn hier ab. Da hast du gemerkt, dass doch nicht alles gut ist in der DDR.

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Fußball heute

Wird von Jahr zu Jahr athletischer, fast alles geht über die Schnelligkeit. Der Fußball ist dadurch aber nicht unbedingt schöner geworden.

1. FC Kaiserslautern

Der Club war in der Vorsaison fast abgestiegen. Wir hatten eine gute Mannschaft, die eine herausragende Saison gespielt hat. Wir waren schnell an der Tabellenspitze und sind da auch geblieben. Mit dem 6:2 in Köln haben wir den Titelgewinn perfekt gemacht. Ich muss aber ehrlicherweise sagen, dass Kaiserslautern nicht den Fußball gespielt hat, den ich bevorzugt habe. Da wurde mehr gekämpft als gespielt. Ich kam auswärts immer besser zurecht.

Jürgen Bogs

War mein erster Trainer im Männerbereich, der bei mir nicht viel hat durchgehen lassen. Er war ein harter Knochen, aber damals wohl genau der richtige Trainer für mich. Ich war ja so etwas wie ein schlampiges Genie.

 

Frankreich

Es waren tolle zweieinhalb Jahre. Mit Bordeaux und Cannes bin ich in die erste französische Liga aufgestiegen, habe mit späteren Weltstars wie Lizarazu und Micoud zusammengespielt. Das war gigantisch. Es war dazu eine schöne Lebenserfahrung, in dieses französische Leben eintauchen zu können. Wir fahren heute noch gern nach Frankreich.

 

 

Erich Mielke

War ein kleiner Patron und vielleicht auch ein heimlicher Diktator. Wir Spieler sind ihm persönlich vielleicht zweimal im Jahr begegnet.

 

DDR-Nationalmannschaft

Ich habe 56 Länderspiele gemacht, durfte tolle Spiele in Südamerika erleben, tolle Stadien sehen. Es bleibt allerdings der Makel, nie bei einer EM oder WM gespielt zu haben.

 

DDR-Fußball

Zu meiner Zeit gab es drei, vier Mannschaften, die auch international Ausrufezeichen gesetzt haben. Es ist schade, dass viele Clubs nach der Wende kaputt gegangen sind.

 

Bester DDR-Fußballer

Wenn ich über meine Zeit rede, dann war das Andreas Thom, er war der kompletteste Fußballer, trotz eines Thomas Doll oder Matthias Sammer.

 

Erstes Westgehalt

Es war gigantisch, die Summe zu lesen. Es war aber genauso gigantisch zu sehen, wie viel Steuern davon abgingen. Das kannten wir ja überhaupt nicht.

 

Das schönste Fußballerlebnis

Das war 1985 das Länderspiel gegen Frankreich, das wir in Leipzig 2:0 gewannen. Da stimmte alles. Der Gegner, das Ergebnis, ich habe ein Tor geschossen und die Zuschauer, die bei Länderspielen oft gegen uns waren, waren alle für uns. Da sprang der Funke über.

 

Das schönste Stadion

Das kann man so einfach nicht sagen. Wembley war schon ein besonderes Erlebnis. Auch der Hampden-Park in Glasgow zählt dazu. Wenn dort die schottische Nationalhymne mit Dudelsäcken gespielt wurde, war das immer Gänsehaut pur.

 

 

 

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