Jürgen Bogs (rechts, hier 1985 beim FDGB-Pokalfinale mit Dresdens Trainer Klaus Sammer) wurde zehnmal Meister mit dem BFC
Jürgen Bogs (rechts, hier 1985 beim FDGB-Pokalfinale mit Dresdens Trainer Klaus Sammer) wurde zehnmal Meister mit dem BFC. Eberhard Thonfeld
Jürgen Bogs lebt heute in Schwedt und in Rostock.
Jürgen Bogs lebt heute in Schwedt und in Rostock. Thomas Krause
Als Trainer des 1. FC Neubrandenburg wurde Jürgen Bogs (stehend, Zweiter von links) 2014 Landespokalsieger in Mecklenburg
Als Trainer des 1. FC Neubrandenburg wurde Jürgen Bogs (stehend, Zweiter von links) 2014 Landespokalsieger in Mecklenburg-Vorpommern. Andy Bünning
DDR-Fußball

„Der BFC Dynamo wird immer mein Club sein”

Jürgen Bogs prägte eine Ära im DDR-Fußball. Mit dem BFC Dynamo wurde er zehnmal in Folge Meister. An diesem Mittwoch feiert er seinen 75. Geburtstag.
Schwedt

Seine letzte Saison als Trainer in der DDR-Oberliga war noch einmal eine erfolgreiche. Mit dem BFC Dynamo gewann Jürgen Bogs den FDGB-Pokal – im Finale am 1. April 1989 schlugen die Berliner den FC Karl Marx Stadt mit 1:0. Andreas Thom schoss das entscheidende Tor vor 30.000 Zuschauern im Stadion der Weltjugend.

Es war Titel Nummer zwölf, den Bogs als Dynamo-Trainer geholt hatte. Im Sommer musste er trotzdem seine Sachen packen, die Spieler hatten bereits im Winter rebelliert. Jürgen Bogs hatte sich abgenutzt. „Drei Tage vor meinem Geburtstag musste ich ins Büro zur Klubleitung“, erzählt Bogs. Sein Assistent Achim Hall wurde sofort freigestellt. Aufgrund seiner Erfolge durfte Jürgen Bogs die Saison als Cheftrainer zu Ende machen. Immerhin. „Klar war ich sauer, später konnte ich es aber auch verstehen. Wenn man Erfolg hat, hält man an seinen Methoden fest. Aber den Spielern war es zu monoton geworden”, erzählt er.

Mit seinem Abschied ging beim BFC Dynamo eine Ära zu Ende. Unter Jürgen Bogs holte der Berliner Polizeiclub zehnmal in Folge die Meisterschaft – eine Serie, die im europäischen Clubfußball von keinem anderen Trainer je wieder erreicht wurde. Zudem gewann er zweimal den FDGB-Pokal. Bogs ist einer der ganz Großen der Trainergilde, und doch es fehlen Anerkennung und Wertschätzung. Sie sind abhanden gekommen in der Wendezeit. Man könnte auch sagen, dem BFC ist seine Geschichte genommen worden. Seine Erfolgsgeschichte.

Als 30-Jähriger übernahm Bogs den BFC

Das Image des bösen Fußballclubs von Stasichef Erich Mielke, der nur zehnmal Meister wurde, weil Mielkes Macht die Schiedsrichter derart ängstigte, dass der BFC auch mal in der letzten Spielminute das Siegtor schießen konnte, lastet wie Blei auf der Historie des Vereins. Es ist wie ein großer Fleck, den man nicht wegbekommt. Jürgen Bogs sagt, dass er sich damit nicht mehr viel beschäftige. Sich seine Erfolge kleinreden lassen möchte er aber auch nicht. „Wenn man nach 26 Spieltagen ganz oben steht, dann liegt das nicht am Schiedsrichter. Wir hatten einfach eine gute Mannschaft.”

1977 übernahm der damals 30-Jährige die Oberligamannschaft des BFC. Den Bossen war der Trainer aufgefallen, weil er im Nachwuchs der Berliner ordentlich ablieferte: Die Junioren hatte er zweimal zur Vizemeisterschaft geführt. In seiner ersten Männersaison landete er mit dem BFC hinter Dresden und Magdeburg auf Rang drei. Dann setzten seine Fußballer zu ihrer unglaubliche Serie an. Am Ende des Spieljahres 1982/83 fuhr der BFC den Titel zum Beispiel mit zwölf Punkten Vorsprung ein. In dieser Saison blieb der Hauptstadtclub sogar ohne Niederlage. Spannend ging es in dieser Zeit nur selten zu in der DDR-Oberliga. 1979/80 etwa, als die Berliner erst am letzten Spieltag nach einem 1:0-Sieg gegen Dynamo Dresden Meister wurden. Libero Norbert Trieloff schoss damals in der 77. Minute das goldene Tor vor 30.000 Zuschauer im Jahn-Sportpark. „Dieser Titel gehört vielleicht zu den schönsten”, sagt Jürgen Bogs.

Geld spielte damals keine Rolle

Eine Mannschaft mit starken Fußballern und moderne Trainingsmethoden nennt er als die Hauptgründe für die Erfolgsserie. „Wir haben damals schon Dinge wie Herzfrequenz- und Laktatmessungen im Training gemacht, die zum Beispiel in der BRD-Bundesliga erst viele Jahre später kamen”, blickt er zurück. An der Sportschule Uckley vor den Toren Berlins, in der sich die BFC-Fußballer immer auf die Spiele vorbereiteten, hätten sie alle Möglichkeiten gehabt. „Geld spielte da keine Rolle”, sagt Jürgen Bogs, der zudem ein Disziplinfanatiker war: „Disziplin ist das A und O, auch heute”, sagt der Fußballlehrer, der gleich mit einer weiteren Mär aufräumen möchte – dass sich der BFC Dynamo die besten Spieler holen konnte, wann immer er wollte: „Wir haben Frank Pastor aus Halle geholt und Thomas Doll von Hansa, ja. Aber so viele, wie gern geglaubt wird, waren es nicht.” Jürgen Bogs erzählt, dass er bei Spielerwechseln auch abgeblitzt sei: „Ich hätte gern Achim Streich gehabt oder den Erfurter Carsten Sänger. Aber da war nichts zu machen. Die passen nicht rein, hieß es von der Klubleitung.”

Seine internationale Bilanz fällt ebenso passabel aus, auch wenn Titel ausblieben. Zehn Mal spielten die Berliner allein im damaligen Cup der Landesmeister (heute Champions League). In insgesamt 44 Europapokalspielen gewannen sie 18 Partien, verloren 16. „Im Cup der Landesmeister waren damals wirklich nur die Meister dabei, da konnte man auch mal in der ersten Runde schnell draußen sein. Heute spielt ja sogar der Tabellenvierte in der Champions League”, sagt Jürgen Bogs.

Nach seinem Abschied als Oberliga-Trainer arbeitete er als Cheftrainer ohne Mannschaft weiter für den BFC. Mit einem Lachen erzählt er, dass er gar nicht so recht wisse, was er da eigentlich gemacht habe. Dann kam die politische Wende, und die heile BFC-Welt geriet ins Wanken. Jürgen Bogs beschreibt diese Zeit als Grauen. Starstürmer Andreas Thom war im Januar 1990 der erste DDR-Fußballer, der in die Bundesliga nach Leverkusen wechselte. „Und plötzlich wollten alle weg”, blickt Bogs zurück. In den nächsten Monaten sollte der BFC Dynamo fast zwei komplette Mannschaften verlieren.

Ein Aderlass, den der Club nicht auffangen konnte. Die letzte DDR-Oberligasaison 1990/91, in der sich die ersten beiden Vereine für die erste Bundesliga qualifizierten, beendete der BFC, der sich da schon in FC Berlin umbenannt hatte, weil man hoffte, das Stasi-Image loszuwerden, auf Rang elf. Und war damit raus aus dem bezahlten Fußball. Jürgen Bogs war da schon wieder als Cheftrainer zurückgekehrt und musste mit dem einstigen Serienmeister den bitteren Gang in die drittklassige Oberliga-Nordost antreten. Unter seiner Regie erreichte die Mannschaft später zwar zweimal die Aufstiegsrunde, verpasste aber den Sprung in die Bundesliga.

Mit dem 1. FC Neubrandenburg wurde er Pokalsieger in MV

Verschwunden waren aber nicht nur die Erfolge, sondern auch das viele Geld, das der Club mit den Transfers seiner besten Fußballer eingenommen hatte. Der BFC musste später sogar Insolvenz anmelden. „Es waren schwierige Zeiten, in denen wir alle Fehler gemacht haben, ich auch”, sagt Jürgen Bogs. Von Dezember 1999 bis November 2001 half er noch einmal als Cheftrainer aus, dann war seine BFC-Zeit endgültig vorbei. Dass der ehemalige Erfolgstrainer nie in der Bundesliga gelandet ist, schreibt er auch seiner Unwissenheit zu. „Ich dachte, da kommen schon Angebote. Vielleicht hätte ich damals einen Berater gebraucht, den sich andere gleich genommen hatten. Vielleicht hat auch eine Rolle gespielt, dass der BFC für viele einfach der Stasiclub war”, sagt er. Dennoch: „Der BFC Dynamo wird immer mein Club sein.”

Begehrt war der Trainer Jürgen Bogs aber bei unterklassigen Clubs wie Kickers Emden, FC Schwedt, TSG Neustrelitz, Schönower SV, 1. FC Neubrandenburg, mit dem er 2014 den Landespokal in Mecklenburg-Vorpommern holte, SV Zehdenick oder Birkenwerder BC – 2018 zog sich Jürgen Bogs schließlich als Trainer zurück: „Es gibt immer mal wieder lose Anfragen. Wenn ich etwas als Trainer machen würde, dann nur noch in der näheren Umgebung.”

Jürgen Bogs lebt abwechselnd in Rostock und in Schwedt. An diesem Mittwoch feiert er seinen 75. Geburtstag. Eine große Party zum 75. wird es aber nicht geben, wegen Corona. Der ehemalige Meistertrainer sagt, dass er gesund und zufrieden sei. Jürgen Bogs hat viel erzählt an diesem kalten Tag in Schwedt. DDR-Fußball, Stasi, Trainingsmethoden, Erich Mielke, Geld, BRD, Wende, Fehler – es war eine spannende Zeitreise mit einem der erfolgreichsten Fußballtrainer in Deutschland, der nach der Wende fast in Vergessenheit geraten ist. Jürgen Bogs lacht zum Abschied und sagt: Er sei mit sich im Reinen.

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