LEICHTATHLETIK

Dreisprung zwischen den Systemen

Volker Mai hält noch heute den Junioren-Weltrekord im Dreisprung. In seiner Karriere startete der gebürtige Templiner für den SC Neubrandenburg und war schon als junger Mann ein Star in der DDR. Seit mehr als 30 Jahren lebt er in den USA.
Volker Mai und sein Trainer Heinz Schütze im Jahr 1984: Das Duo arbeitete viele Jahre beim SCN zusammen.
Volker Mai und sein Trainer Heinz Schütze im Jahr 1984: Das Duo arbeitete viele Jahre beim SCN zusammen. Jörg Ziebarth
In der DDR hatte Volker Mai seine beste Zeit als Leistungssportler.
Schon in der DDR gehörte Volker Mai, hier im März 1990, zu den besten Dreispringern. Foto: Heiko Brosin/Archiv Heiko Brosin
Volker Mai und seine Frau Vinata
Volker Mai und seine Frau Vinata privat
Gainesville ·

Im Sommer möchte Volker Mai wieder mal nach Deutschland fliegen. Seine Eltern leben in Potsdam, er hat sie eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen. Gainesville ist weit entfernt und die Sehnsucht groß. Er hofft, dass sich die Corona-Situation bis dahin soweit entspannt hat, dass er mit seiner Familie ohne Probleme ins Flugzeug steigen kann. Wegen der weltweiten Pandemie war das Reisen aus den USA über den großen Teich in den vergangenen Monaten ziemlich kompliziert.

Nun soll es in diesem Sommer klappen. Und dann wird Volker Mai einen Abstecher nach Neubrandenburg machen. Natürlich. Er wird auch seinen Trainer Heinz Schütze besuchen. Natürlich. In der Stadt am Tollensesee hinterließ der heute 54-Jährige Spuren, große Spuren, sportliche Spuren. Und Heinz Schütze hat großen Anteil daran.

Als Zwölfjähriger kam er an die KJS

Volker Mai ist einer der besten Dreispringer, den die DDR je hatte. Vielleicht sogar der Beste. Als 19-Jähriger sprang er im Trikot des SC Neubrandenburg im Juni 1985 in Erfurt auf 17,50 Meter, so weit wie kein anderer Dreispringer vor der politischen Wende in Deutschland. Diese 17,50 Meter bedeuten noch immer Junioren-Weltrekord. Mit einem Schmunzeln erzählt Mai, dass er schon ab und an mal auf die ewige Bestenliste schaue, ob der Weltrekord noch Bestand habe. Der Kubaner Jordan Diaz verfehlte vor zwei Jahren eine neue Bestmarke um einen Zentimeter.

Der gebürtige Templiner kam als Zwölfjähriger 1978 an die damalige Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Neubrandenburg. Eingewöhnungsprobleme oder Heimweh gab es nicht. „Neubrandenburg mochte ich. Es hat mir gleich gefallen”, erzählt er. Und den Verantwortlichen wurde schnell klar – das könnte einer werden. Sein erstes Meisterschaftsgold gewann er 1982 in der Jugend. Zwei Jahre später wurde Volker Mai erstmals DDR-Meister in der Elite. Im Georgij-Dimitroff-Stadion in Erfurt sprang der 18-Jährige im Juni 1984 auf 16,94 Meter. Dritter wurde damals übrigens sein SCN-Kumpel Bodo Behmer (16,60), mit dem er heute noch Kontakt pflegt. „Ich war relativ früh sehr gut”, sagt er.

Olympia blieb ihm verwehrt

Eine Saison später – der SCN-Mann war mittlerweile Dritter bei der Hallen-EM der Männer geworden (17,14) und hatte zwei Goldmedaillen bei der Junioren-EM im Weitsprung (7,99) sowie Dreisprung (16,93) geholt – gehörte der Neubrandenburger bereits zu den Stars der DDR-Leichtathletik. Dieses Besondere nahm der Sportler auch im täglichen Leben wahr: „Klar haben wir das gemerkt, in die Disko kamen wir immer ohne Probleme rein.” Volker Mai sagt, dass der Leistungssport und die Kunst auch die einzigen Möglichkeiten gewesen seien, etwas Besonderes auszumachen in der DDR: „Künstler und Sportler konnten in den Westen reisen.”

Sportlich blieb der SCN-Athlet auch in den Folgejahren in der Spur: DDR-Meister 1988, Silber bei der Hallen-EM ein Jahr später in Den Haag (Niederlande). Nur das ganz Große fehlte: Olympia. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles konnte Mai wegen des Boykotts des Ostblocks nicht starten, für die Spiele vier Jahre später in Seoul wurde er nicht nominiert. Ein Makel in seiner Biografie. „Olympia habe ich leider nicht geschafft, das ist schon ein wenig enttäuschend”, sagt er im Rückblick.

Volker Mai sprang weiter, holte bei den letzten DDR-Meisterschaften 1990 in Dresden noch einmal Bronze für den SCN (16,50). Die Wendezeit meinte es gut mit ihm: Der Neubrandenburger war weiter erfolgreich als Dreispringer, wurde 1991 erster gesamtdeutscher Hallenmeister. Und die Deutsche Einheit eröffnete ihm ungeahnte berufliche Perspektiven. Ein Dreisprung-Kollege aus Ghana hatte ihm von der Möglichkeit erzählt, in den USA studieren zu können. Mai sah die große Chance, dort mit Blick auf sein Medizinstudium Abschlüsse in Biochemie und Business zu machen. Es klappte. An der Universität in Georgia erhielt er sogar ein Stipendium und konnte weiterhin Leistungssport betreiben. Fünf Jahre wollte er damals in den Staaten bleiben, jetzt haben wir 2021 und Volker Mai lebt noch immer in den USA.

Er ist mittlerweile Professor an der Universität von Florida, arbeitet in der Krebsforschung und lebt mit seiner Frau Vinata und den zwei Kindern Varija (17) und Viktor (15) in Gainesville. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben”, sagt er. Volker Mai hat zwei Gesellschaftssysteme erlebt: Das neue System hat ihm einen gewissen Wohlstand gebracht: ein Haus, ein Boot, die Möglichkeit, überall auf dieser Welt hinzureisen. Das alte System, in dem er aufwuchs, empfand Mai aber nicht als schlechter, auch wenn er das Leben in der DDR aus der Perspektive des Privilegierten lebte. „Ich hatte früh eine kleine Wohnung, einen Trabant”, sagt er. Einfache Dinge, auf die andere Menschen viele Jahre warten mussten. Volker Mai, der früher mit der DDR-Spitzenläuferin Yvonne Mai verheiratet war, gefällt die Idee des Sozialismus noch heute: „Die Gesellschaft, die wir bauen wollten, war gut für die Menschen.”

Zweifel am Begriff Zwangsdoping

Unweigerlich ploppt während des Gesprächs das Thema Doping auf. Die Diskussionen um das Zwangsdoping, das noch immer wie eine dunkle Wolke über dem DDR-Sport schwebt, kann Volker Mai nicht nachvollziehen. Er empfindet sie als unsachlich. „Was da vor allem beim Turnen und Schwimmen mit jungen Mädchen gemacht wurde, ist schrecklich. Klar. Aber spätestens mit 17, 18 wusste doch jeder Sportler, was er nimmt”, sagt er. Alles sei vom sportmedizinischen Dienst kontrolliert worden, die Sportler seien nicht einfach so kaputt gemacht worden: „Ehemalige Sportler, die sich jetzt hinstellen und sagen, sie seien zum Doping gezwungen worden – nein, das habe ich so nie erlebt.” Volker Mai sagt – mehr als 30 Jahre später –, dass er zu seinen Ansichten stehe. Sein Vorteil sei damals gewesen, auch ohne Doping weit springen zu können: „Andere bei uns konnten das nicht.”

In seiner besten Zeit seien Weiten von 17,80 Meter und mehr durchaus im Bereich des Möglichen gewesen. Allerdings verletzte er sich 1986 am Knie, die Blessur heilte aus, Schäden blieben dennoch, vor allem psychische. „Es war immer eine Hemmschwelle da, hält das Knie oder nicht? So richtig wegbekommen haben wir das nie mehr”, sagt Volker Mai. 1998 beendete er schließlich seine Laufbahn – im Trikot des SC Neubrandenburg. Bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin verpasste er als Vierter (16,13) nur um zwölf Zentimeter eine Medaille.

In den USA sind Sportler die Helden

An seiner Uni ins Gainesville wissen die Leute, dass er früher mal ein Top-Leichtathlet gewesen ist. In den USA hat er aber auch gemerkt, welche Bedeutung Olympische Spiele haben. „Die Amis sind sportverrückt – für die Leute bist du aber nur ein richtiger Held, wenn du einmal bei Olympischen Spielen gestartet bist. Da ist ihnen auch die Platzierung egal, Hauptsache du warst dabei”, sagt Mai. „Außer du spielst Baseball, American Football oder Basketball.”

Im Mai wird Volker Mai 55, er hält noch immer sein Wettkampfgewicht aus erfolgreichen Tagen. Auch, weil er nach wie vor sportlich unterwegs ist. 2020 holte er sich in Florida den Landesmeistertitel im Tennis. In der Spielklasse über 50. Und er ist noch immer schnell. Beim Strandspaziergang mit der Familie demonstrierte Volker Mai seinem Sohn Viktor kürzlich die nicht verloren gegangene Sprintfähigkeit und forderte ihn zu einem Duell heraus. Viktor weigerte sich.

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