ASTRID KUMBERNUSS

„Für mich war die DDR perfekt”

Die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss vom SC Neubrandenburg erzielte in ihrer Karriere unzählige Erfolge, war Olympiasiegerin und dreimal Weltmeisterin. Am Mittwoch feiert sie ihren 50. Geburtstag.
Als Trainerin betreut Astrid Kumbernuss gemeinsam mit Dieter Kollark die Diskuswerferin Claudine Vita.
Als Trainerin betreut Astrid Kumbernuss gemeinsam mit Dieter Kollark die Diskuswerferin Claudine Vita. Heiko Brosin
Mit Trainer Dieter Kollark feierte Astrid Kumbernuss 1999 den WM-Titel in Sevilla.
Mit Trainer Dieter Kollark feierte Astrid Kumbernuss 1999 den WM-Titel in Sevilla. Arne_Dedert
Auf der Kugelstoßanlage im Olympischen Dorf in Elstal beende Astrid Kumbernuss am 3. September 205 ihr sportliche Laufba
Auf der Kugelstoßanlage im Olympischen Dorf in Elstal beende Astrid Kumbernuss am 3. September 205 ihr sportliche Laufbahn. Marcus Brandt
Neubrandenburg.

Sie ist die erfolgreichste Leichtathletin des SC Neubrandenburg. Astrid Kumbernuss wurde unter ihrem Trainer Dieter Kollark dreimal Weltmeisterin im Kugelstoßen, gewann bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta Gold und stellte damals eine unglaubliche Serie auf: Sie gewann 53 Kugelstoß-Wettbewerbe in Folge. 1997 wurde sie gemeinsam mit Radsportler Jan Ullrich zu Deutschlands Sportlern des Jahres gekürt. Nach ihrer Karriere blieb sie dem SCN treu, ist dort in mehreren Funktionen tätig. Astrid Kumbernuss feiert am Mittwoch ihren 50. Geburtstag. Im Gespräch mit dem Nordkurier blickt sie auf ihre Laufbahn zurück. Nordkurier-Redakteur Thomas Krause gab ihr die Stichworte:

50. Geburtstag: Ich finde das schon speziell und besonders. Da stellt sich ja die Frage, ob es jetzt kippt im Leben. Generell feiere ich meine Geburtstage nicht, weil ich sage, es ist allein mein Tag. Der 50. ist aber so ein Geburtstag, an dem ich eine Ausnahme mache und all die Leute einlade, die mein Leben begleitet haben.

Alter: Ich fühle mich überhaupt nicht wie 50. Ich habe eine achtjährige Tochter, da muss ich jung bleiben. Im Kopf bin ich noch jung, bin zu Hause oft auch albern.

Karriere: Ich hatte die geilste Karriere, die man haben kann. Sie erfüllt mich mit ganz viel Stolz. Noch heute sind mir viele Menschen so herzlich gegenüber, da kann ich nicht viel falsch gemacht haben.

Kugelstoßen: Kugelstoßen hat mein Leben geprägt, ganz klar. Angefangen hatte ich als Mehrkämpferin, bin dann zum Diskuswerfen. Weil die Konkurrenz damals in der DDR aber so groß war, hatte mein Trainer gesagt: Lass es uns doch mal mit Kugelstoßen versuchen.

Erfolge: Ja, da gab es schon Einige. Der WM-Titel 1999 in Sevilla war der schönste und emotionalste Erfolg, weil er so kurz nach der Geburt meines Sohnes Philip kam. Da hätte ich die ganze Welt umarmen können. Auch der Titel 1997 nach dem Duell mit Wita Pawlitsch wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Olympiasieg 1996: Der Olympiasieg gehört natürlich dazu, aber der Wettkampf damals war nicht gut. Ich stand unter einem enormen Druck. Die ganze Anspannung fiel erst nach vielen Tagen. Dann konnte ich den Titel genießen.

53 Siege in Folge: Am Anfang haben wir das gar nicht so wahrgenommen. Als es dann 20 Siege waren, haben wir gemerkt, da geht was. Zu der Zeit habe ich aber auch ganz viele Wettkämpfe gemacht. Diese Herausforderungen habe ich aber geliebt.

Preisgeld: Damals gab es die Grand-Prix-Serie, was heute die Diamond League ist. Ich hatte 1997 alle acht Wettkämpfe und das Finale in Fukuoka (Japan) gewonnen, es gab250 000 Dollar. Das stand natürlich auch in der Zeitung. Den Artikel haben sie sich damals beim Finanzamt ausgeschnitten, damit ich brav meine Steuern zahle.

Dieter Kollark: Er hat mich als Trainer und als Mensch natürlich sehr geprägt, auch weil wir mit Philip ein gemeinsames Kind haben. Dieter ist ein anspruchsvoller Mensch, ein schwieriger Trainer, der ganz viel fordert. Ein „sehr gut“ gab es selten von ihm, nicht mal bei meinem Olympiasieg. Aber er ist Tag und Nacht da für seine Athleten.

Trainer als Lebenspartner: Das hat Vor- und Nachteile. Die Herausforderung ist, nach Training und Wettkampf einen Cut machen zu können. Das ist beinahe unmöglich. Wir arbeiten auch heute noch zusammen und können uns aufeinander verlassen.

DDR: Ich bin ein Kind der DDR. Dort sind die Grundlagen meiner Erfolge geschaffen worden. Die DDR war perfekt für mich, ich konnte meinen Sport machen, zur Schule gehen.

BRD: Die Wende war schon eine große Umstellung. Plötzlich gab es eine andere Nationalhymne. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich wohlgefühlt habe, als bei meinem EM-Sieg 1991 in Split plötzlich die BRD-Hymne gespielt wurde. Das habe ich mich nicht. Mir war aber wichtig, dass ich meinen Sport weitermachen konnte.

Kinder- und Jugendsportschule (KJS): Ich bin mit zwölf Jahren zur KJS und hatte auch kein Heimweh. Nicht, weil mir meine Eltern nicht gefehlt haben. Nein. Ich fand es einfach schön, es war eine geile Zeit an der Sportschule. Dass man sich dadurch etwas entfremdet von seinem Elternhaus, stimmt mich heute schon etwas traurig. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt.

Doping: Wenn man aus dem DDR-System kommt, wird man unweigerlich mit Doping in Verbindung gebracht. Die Fragen kommen immer wieder, auch wenn es weniger geworden ist. Ich hatte während meiner Karriere unzählige Dopingproben abgeben müssen, habe zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht.

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Ruhm: Darauf nehme ich keinen Einfluss, andere steuern das mehr. Es gibt nach wie vor Einladungen für TV-Shows wie das Dschungelcamp, zum Promikochen oder in Quizsendungen. Ich möchte das aber alles nicht. Dass es aber immer noch Autogrammwünsche gibt, die sogar per Brief kommen, das freut mich.

Familie: Ich kann das jetzt alles anders genießen als damals mit Philip. Er hat als Kind die Zeit während meiner Laufbahn mitgemacht. Das war schon speziell. Mit Hannah und meinem Mann Henry ist das jetzt alles anders. Ich habe mich bewusst für mehr Zeit mit der Familie entschieden und genieße diese Zeit sehr.

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