DDR-LEISTUNGSSPORT

Geschichten von verlorenen Kindheiten

Ein neuer NDR-Film zum DDR-Leistungssport widmet sich den gestohlenen Kindheiten der Athleten und ihrem Missbrauch durch Zwangsdoping und Co.
Thomas Krause Thomas Krause
Die ehemaligen DDR-Spitzensportler Susann Scheller (2.v.l.) und Dörte Thümmler (2.v.r.) sind Protagonisten eines Dokumentarfilms des NDR.  Foto: Gregor Fischer
Die ehemaligen DDR-Spitzensportler Susann Scheller (2.v.l.) und Dörte Thümmler (2.v.r.) sind Protagonisten eines Dokumentarfilms des NDR. Foto: Gregor Fischer Gregor Fischer
Schwerin.

Am Ende gab es viel Beifall, aber auch betroffene Gesichter im Publikum zu sehen. Mit den Folgen des DDR-Leistungssportsystems beschäftigt sich ein neuer Dokumentarfilm des NDR-Fernsehens. In der einstündigen Produktion „Kraftakt“ geht es um vier ehemalige Weltklasse-Turnerinnen und Gymnastinnen, die heute mit den Folgen ihrer Laufbahn zu kämpfen haben.

Der Film von André Keil und Benjamin Unger wurde in Schwerin in einer gemeinsamen Veranstaltung der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, und dem Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern uraufgeführt. Justizministerin Katy Hoffmeister (CDU), die Gast der Preview war, sagte, dass die Aufarbeitung dieses Themas weiterhin wichtig sei, weil nach wie vor viele Fragen zu den Folgen des DDR-Leistungssports offen seien: „Filme wie dieser zeigen, dass auch 30 Jahre nach dem Mauerfall Puzzleteile gefunden werden, die diese Fragen beantworten.“

Die Trainerin der Mädchen hat heute Schuldgefühle

Viele Gäste bei der Uraufführung in der Landeshauptstadt berührte der Film merklich – kein Wunder: Kaputte Knochen und Gelenke sowie viele Operationen – das sind die Schäden, die Susann Scheller, Manuela Renk, Esther Niklas und Dörte Thümmler davongetragen haben. Alle vier waren Gymnastinnen und Turnerinnen auf Weltniveau. Bereits als junge Mädchen kämpften sie bei Welt- und Europameisterschaften um Medaillen. Sie erzählen von gestohlenen Kindheiten und davon, dass sie manchmal einfach nur eine Höhle bauen wollten. So, wie es viele Kinder in ihrem Alter getan hätten.

Bis heute haben sie mit den Folgen ihrer Karriere zu kämpfen. „Du bist zu fett“, ist einer der Sätze, den Manuela Renk bis heute nicht loslässt. Und Esther Nicklas erzählt in der Doku, dass es ihr immer noch schwerfalle, in eine Beziehung zu gehen: „Der größte Beziehungspartner war für mich immer der Trainer.“ Dörte Thümmler, die 1987 Weltmeisterin am Stufenbarren wurde, sagt, dass ihr der Titel heute nichts bedeute. Nichts.

In „Kraftakt“ kommt auch die damalige Nationaltrainerin Elke Stange-Schrempf zu Wort. Sie spricht davon, dass sie heute unter verstärkten Depressionen und Panikattacken leide. Sie fühle sich verantwortlich für das Leid der Mädchen, sagt Stange-Schrempf.

"Ein unwahrscheinlicher Kraftakt"

Bei der Podiumsdiskussion im Anschluss an den Film erklärte Ines Geipel, Vorsitzende des Doping-Opferhilfevereins (DOH), dass sich immer mehr Sportlerinnen beim Verein melden würden, die Jahrzehnte gebraucht haben, um über das sprechen zu können, was ihnen widerfahren ist: „Junge Frauen, die dieser unsäglichen Gewalt, dem Sadismus und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren“, sagte Geipel. Es sei klar, dass es diesen Frauen unwahrscheinlich schwer falle, diese Geschichte für sich zu sortieren, für sich überhaupt eine Sprache zu finden, was ihnen widerfahren ist: „Das ist ein unwahrscheinlicher Kraftakt“, so Geipel.

Nach der Premiere gab es auf der Internetseite des Norddeutschen Rundfunks (NDR) viele kritische Reaktionen auf den Dokumentarfilm. Die Filmautoren hätten zum Beispiel auch die Eltern der Sportlerinnen befragen sollen. sie allein hätten schließlich damals die Verantwortung für ihre Kinder gehabt, heißt es darin unter anderem.

Der Film „Kraftakt“ wird am 31. Oktober um 0.00 Uhr im NDR-Fernsehen ausgestrahlt.

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