GERD KISCHE

Hansa-Ikone trainiert einen Kreisoberligisten

Er war bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, den Olympischen Spielen, in der Bundesliga. Warum trainiert Gerd Kische inzwischen in einer der niedrigsten Ligen in MV?
Thomas Krause Thomas Krause
Gerd Kische (rechts) startete als Trainer in Jördenstorf mit einem Sieg und einer Niederlage.
Gerd Kische (rechts) startete als Trainer in Jördenstorf mit einem Sieg und einer Niederlage. Wolfgang Blanck
Gerd Kische (links) im Kreis der DDR-Nationalelf. Für die Auswahl bestritt er 63 Länderspiele und wurde Olympiasieger.
Gerd Kische (links) im Kreis der DDR-Nationalelf. Für die Auswahl bestritt er 63 Länderspiele und wurde Olympiasieger. Archiv /
Die Spieler in Jördenstorf profitieren vom großen Erfahrungsschatz von Gerd Kische (fünfter von links).
Die Spieler in Jördenstorf profitieren vom großen Erfahrungsschatz von Gerd Kische (fünfter von links). Thomas Krause
Jördenstorf.

Für einen Fußball-Trainer, der sich nicht als Trainer sieht und auch nicht so genannt werden möchte, ist die Bilanz in Ordnung. Mit einem Sieg und einer Niederlage begann Gerd Kische seine Tätigkeit als Übungsleiter beim Sportverein Jördenstorf. Zufrieden ist er nicht, weil Kische „eigentlich alle Spiele gewinnen wollte“.

Es hat für großes Aufsehen gesorgt, als der heute 67-Jährige im Dezember des Vorjahres beim Verein aus der Kreisoberliga Warnow II anheuerte. Gerd Kische ist nicht irgendwer. Kische gehört zu den schillerndsten Figuren des DDR-Fußballs. Er ist 63-facher Nationalspieler, spielte mit der Auswahl bei der Weltmeisterschaft 1974 in der BRD und gewann mit der DDR-Olympiaauswahl zwei Jahre später die Goldmedaille in Montreal.

Für den FC Hansa Rostock kickte der gebürtige Teterower, der seine Jugendzeit bei der BSG Post Neubrandenburg verbrachte, mehr als 180 Mal in der Oberliga. Er galt als der schnellste Rechtsverteidiger der Welt, rannte die 100 Meter in sagenhaften 10,7 Sekunden. Nach der Wende war Kische bei Hansa als Präsident und später auch als Manager tätig – und jetzt der neue Job in den Niederungen des deutschen Fußballs.

Fußball-Welt hat sich in Jördenstorf verändert

Gerd Kische muss darüber selbst ein wenig schmunzeln. „Es ist ein Freundschaftsdienst und auch nur für ein halbes Jahr“, sagt er. Dieser Freund heißt Jörg Marten und ist Kisches Jagd-Kumpel. Martens Sohn Marvin Uhlmann wiederum kickt selbst bei den Jördenstorfern, und eines Tages erzählt der seinem Vater, dass der Verein einen Trainer brauche. Der Rest ging dann zwar nicht ziemlich schnell, aber die ganze Angelegenheit nahm ein gutes Ende.

„Die Jungs haben mich richtig bekniet“, erzählt Kische. Irgendwann habe er dann zugesagt. „Mir haben auch viele Menschen geholfen, sich für mich eingesetzt, Zeit für mich investiert“, beschreibt der Alt-Internationale den Grund, warum er letztlich sein Okay gab. Es war an der Zeit, etwas zurückzugeben. Inzwischen sind ein paar Wochen ins Land gezogen, die Fußball-Welt unter Gerd Kische ist eine andere geworden in Jördenstorf.

In der Liga weiß man natürlich, wer da in Jördenstorf an der Seitenlinie steht. Vereinschef Gerold Pehl erzählt, dass er sehr stolz sei, dass eine Fußball-Größe wie Gerd Kische in Jördenstorf tätig ist. Es klingt, als wenn der 52-Jährige immer noch nicht glauben kann, dassKische wirklich da ist: „Der war früher mein Idol bei Hansa.“

Ex-Nationalspieler nimmt Aufgabe sehr ernst

Seit Kische das Sagen hat beim SV Jördenstorf, ticken auch die Spieler anders. Sagt jedenfalls Jörg Marten und muss lachen: „Die haben jetzt eine ganz andere Körperhaltung auf dem Platz.“ Kische mag das alles gar nicht hören: „Es macht mir wirklich Spaß, die Jungs knien sich rein. Und vielleicht können sie auch etwas lernen.“

Der Ex-Nationalspieler nimmt seine Aufgabe in Jördenstorf durchaus ernst, lässt einen Besuch als VIP bei einem Punktspiel des FC Hansa sausen, um sich dafür eine Partie des SV Traktor Hohen-Sprenz anzuschauen. Hohen-Sprenz ist ein Liga-Kontrahent der Jördenstorfer. „Das gehört eben auch dazu“, sagt der 67-Jährige.

Als Trainer sieht er sich dennoch nicht. „Das war nie mein Ding und wird es auch nicht werden. Ich traue mir zwar zu, zu erkennen, ob jemand kicken kann, aber für den Trainerjob fehlt mir schlicht die Geduld“, erzählt er. Das haben auch schon die Jördenstorfer Kreisoberliga-Fußballer zu spüren gekommen. Kische „donnert“ schon mal einen Spieler zusammen, wenn der sich nicht an die Anweisungen hält.

Erstes Heimspiel gegen Tabellen-Nachbar

„Ich weiß natürlich auch, dass die Jungs das alles in ihrer Freizeit machen und den ganzen Tag arbeiten müssen“, sagt er. Kische ist eben Kische. Nach zwei Auswärtspartien in Folge (3:2 beim SV Pastow II, 2:3 in Rövershagen) steht Gerd Kische am Sonntag (Anstoß 14 Uhr) vor seinem Heimdebüt als Übungsleiter. Gegner ist der Tabellen-Nachbar Güstrower SC III. Mit einem Sieg könnte Jördenstorf auf Platz sechs klettern. „Wir wollen jedes Spiel gewinnen, diesen Anspruch musst du als Fußballer einfach haben“, sagt er.

Im Sommer soll aber definitiv Schluss sein mit dem Trainer-Job in Jördenstorf. „Ich habe so viel zu tun, das geht nicht anders. Auch wenn es hier Spaß macht“, meint Kische.

Keine Rückkehr zu Hansa Rostock

Dann wird er auch wieder öfter beim FC Hansa Rostock auf der Ehrentribüne sitzen. Eine Rückkehr zu „seinem“ Club, in welcher Funktion auch immer, kann er sich aber nicht vorstellen.

Gerd Kische ist in dem Punkt wie früher – immer gerade raus mit seiner Meinung: „Hansa wird immer mein Verein sein. Aber ich kann nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die nicht mal wissen, dass der Fußball rund ist.“

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