DOH-Hauptversammlung
Ines Geipels Abgang voller Bitterkeit

Ines Geipel , die Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, und Michael Lehner, designierter Vorsitzender des Vereins
Ines Geipel , die Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, und Michael Lehner, designierter Vorsitzender des Vereins
Gregor Fischer

Die Ex-Leichtathletin nutzte ihren letzten Auftritt als Vorsitzende im Doping-Opfer-Hilfeverein, um sich noch einmal gegen alle Vorwürfe zu wehren. Ihr Nachfolger sieht es nun als seine Aufgabe an, den Streit zur Ruhe bringen.

Bei ihrem letzten großen Auftritt als Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH) zeigte sich Ines Geipel am Donnerstag vor allem kämpferisch. „Wir waren schon einmal weiter, liebe Leute,“ sagte Geipel nach der Mitgliederversammlung in Berlin, bei der der Sportrechtler Michael Lehner als ihr Nachfolger an die DOH-Spitze gewählt wurde. „Auf einmal sind Betroffene nun Trittbrettfahrer. Das ist ein Rückfall von Aufklärung in Mythologie. Wie kann es sein, dass Opfer des Staatsdopings kriminalisiert werden“, empörte sich Geipel, die den Verein fünf Jahre als Vorsitzende leitete und dabei auch einige Erfolge für sich verbuchen konnte.

Die Arbeit an der Vereinsspitze habe sie „sehr gern“ gemacht, sie hätte aber „ein paar unwürdige letzte Wochen“ miterlebt. Dadurch fühle sie sich wieder an die Anfangstage des Unterstützervereins erinnert, als die Ausmaße des DDR-Zwangsdopings noch weitgehend unbekannt gewesen seien. Geipel war zu DDR-Zeiten Leichtathletin und ist selbst anerkanntes Opfer des staatlichen Doping-Systems.

Ihre Vorwürfe richteten sich insbesondere an den Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke und seine Mitstreiter. Der Heidelberger Molekularbiologe hatte zusammen mit Gerhard Treutlein, Co-Autor des Buches „Doping im Spitzensport“, sowie Ex-Leichtathletin Claudia Lepping und dem Skilanglauftrainer Henner Misersky einen Brief an die Mitglieder des Sportausschusses im Deutschen Bundestag geschickt und eine Reform des Dopingopfer-Hilfegesetzes gefordert. Der Bund hatte kürzlich den Topf für Entschädigungszahlungen auf 13,65 Millionen Euro erhöht. Anerkannte Opfer des DDR-Staatsdopings können daraus einmalig 10.500 Euro Entschädigung erhalten.

Die Gruppe um Franke warnt, dass Anträge von Geschädigten nicht gründlich geprüft und somit Trittbrettfahrern der Zugang zur Einmalzahlung für durch das DDR-Dopingsystem betroffene Ex-Sportler verschafft worden sei. Geipel wies dies am Donnerstag abermals entschieden zurück. „Wenn es Zweifel bei den Prüfungen gibt, dann muss man denen nachgehen. Wir sind aber der falsche Ansprechpartner des Briefes. Die DOH hat mit Entschädigungsanträgen nichts zu tun. Wir prüfen nicht und zahlen nicht aus.“ Letztlich entscheide das Bundesverwaltungsamt über eine Auszahlung.

Neuer DOH-Vorsitzender will die Wogen glätten

Eva-Maria Otte, Mitarbeiterin der DOH-Beratungsstelle, nannte die vier Absender des offenen Briefes am Donnerstag „eine Hand voll Leute, die keinen Schimmer haben“. Neue Erkenntnisse der Wissenschaft würden sie nicht anerkennen. Die Kritiker hätten sich nur wichtig machen wollen, aber in Wahrheit aus einer persönlichen Gekränktheit heraus gehandelt, spekulierte Otte. „Einige Journalisten“ hätten dieses Problem, das keines sei, danach aufgebauscht – sagte sie und kritisierte damit indirekt auch den Nordkurier, der die Debatte um Opferzahlen und Auszahlungsmodalitäten als erstes Medium öffentlich gemacht hatte. Auch Otte verlässt wie Geipel zum Jahresende den Vorstand der DOH, sie hatte zwei Jahre in der Beratungsstelle gearbeitet.

Dort würden sich fast täglich neue Opfer melden. Jüngst habe etwa eine Frau ihre Geschichte erzählt, so Geipel, die nicht nur habe Pillen schlucken müssen, sondern als Sechsjährige beim Wasserspringen vom Trainer mit einem Seil gefesselt worden sei, um so ihre Ängste zu überwinden. Auch Sadismus und Gewalt hätten im DDR-Sportsystem eine große Rolle gespielt. „Wir stehen ganz am Anfang,“ so Geipel. Das wahre „Schadensgesicht des DDR-Sports“ sei noch nicht enthüllt, die genaue Zahl der Opfer noch immer unbekannt.

Ganz am Anfang steht nun Michael Lehner. Der 64-Jährige kündigte am Donnerstag an, als neuer Vorsitzender die „Wogen glätten“ zu wollen. Anders als Geipel und Otte bemühte er sich um einen deutlich moderateren Auftritt: „Ich will nicht nachtreten.“ Anders als seine Vorgängerin räumte er am Donnerstag sogar, wenn auch ganz allgemein gehalten, ein: „Trittbrettfahrer kann es immer geben.“ Dem DOH seien aber keine bekannt. Er sei betrübt, dass dieser Vorwurf so pauschal und trotzdem öffentlich geäußert wurde. Sein Angebot sei es nun, mit den Kritikern an einen Tisch zu kommen. Er wolle den Streit in Ruhe und vor allem nicht an der Öffentlichkeit zu einem Ende zu bringen.

Tod eines Doping-Experten überschattet den Tag

Die DOH habe in den vergangenen fast 20 Jahren großartige Arbeit geleistet und konsequent die Kehrseite des DDR-Sports ausgeleuchtet, so Lehner. „Und dabei werden wir uns auch weiterhin nicht irritieren lassen.“

Bei der Versammlung wurde zudem über eine Kooperation mit der Sportler-Vereinigung Athleten Deutschland diskutiert. „Wir wollen uns mit den Athleten zusammenschließen und schauen, wo wir da unseren Platz einnehmen können“, sagte Lehner.

Überschattet wurde die Mitgliederversammlung von der Nachricht des Todes des Greifswalder Psychologie-Professors Harald Freyberger. Er setzte sich gemeinsam mit dem DOH für die Anerkennung einer zweiten Opfer-Generation ein, was ihn ebenfalls in den Fokus der Kritik Werner Frankes rückte. Geipel würdigte ihn als „wichtigen Stimmgeber für unsere Arbeit“, der „hochgradig profund“ gewesen sei und die Arbeit der DOH in den vergangenen Jahren geprägt hätte. Freyberger sei in der Nacht zu Donnerstag völlig überraschend verstorben, hieß es.