LEICHTATHLETIK

Kugelstoß-Hoffnung sagt tschüss

Patrick Müller gehörte zu den größten Leichtathletik-Talenten in Deutschland. In der U18 hält der Ex-Neubrandenburger noch immer den nationalen Rekord. Doch jetzt ist sein sportlicher Weg beendet.
Bei den Deutschen Meisterschaften 2018 in Nürnberg holte sich Patrick Müller mit 19,49 Metern die Silbermedaille im
Bei den Deutschen Meisterschaften 2018 in Nürnberg holte sich Patrick Müller mit 19,49 Metern die Silbermedaille im Kugelstoßen. Sven Hoppe
Neubrandenburg.

Im August 2019 hatte Patrick Müller für eine riesengroße Überraschung gesorgt, als der Kugelstoßer seine Leichtathletik-Karriere plötzlich für beendet erklärte. Wenig später war klar, warum: Der ehemalige SCN-Mann wollte seine sportliche Laufbahn als Bobpilot fortsetzen. Erste Anschub-Tests im thüringischen Oberhof verliefen damals verheißungsvoll; Müller hoffte auf einen Platz im deutschen Bundeskader.

Nun hat der 24-Jährige auch seine zweite Karriere beendet und endgültig einen Schlussstrich unter das Kapitel Leistungssport gezogen. Und dieses Mal hatte er keine Wahl. Ein Bandscheibenvorfall lässt Sport auf hohem Niveau nicht mehr zu. „Diese Verletzung ist an sich nicht so schlimm, sie gibt es häufiger. Aber für den Leistungssport ist das natürlich suboptimal. Und Bobfahren ist nicht gerade Bandscheiben-freundlich. Ich hatte zuletzt schon Ausfallerscheinungen im Bein, das war krass”, erzählt er. Der angehende Bobsportler zog die Reißleine. Ins Bodenlose fällt Müller aber nicht. Er arbeitet bei der Einsatzpolizei, seine berufliche Existenz ist zumindest gesichert.

Was bleibt: Mit Patrick Müller geht der Leichtathletik eines der größten Talente in Deutschland verloren. 2008 kam er aus Grimmen zum SC Neubrandenburg, und schnell wurde klar – das könnte Einer werden. Anfangs gehörte er zur Trainingsgruppe von Torsten Schmidt, später wechselte er zu Trainer Gerald Bergmann. Fünf Jahre nach seinem Start beim SCN feierte das Kugelstoß-Talent seinen größten Erfolg. Im Juli 2013 wurde der junge Mann im ukrainischen Donezk mit 22,02 Metern U18-Weltmeister. Weiter als Müller hat seitdem kein anderer Deutscher mehr in der U18 die fünf Kilogramm schwere Kugel gewuchtet. Müller ist stolz, noch immer diesen deutschen Rekord zu halten: „Schon als kleiner Junge hatte ich das Ziel, der Beste sein zu wollen. Für mich war Donezk der schönste Erfolg.”

In Nürnberg gewann der SCN-Stoßer Silber

Im Männerbereich mit der 7-kg-Kugel lief es aber nicht mehr so glatt, der Karriereweg wurde steiniger. Auch, weil er mit seinem Trainer von der Angleit- auf die Drehstoßtechnik umstellte. Zwar stellten sich in der Elite Erfolge ein – bei der Deutschen Meisterschaft 2018 in Nürnberg gewann er Silber für den SCN –, doch die Weiten fehlten. Nur einmal, 2018 bei einem Hallenmeetingim Neubrandenburger Jahnsportforum, knackte Patrick Müller die 20-Meter-Marke.

2019 wechselte er zum SC DHfK Leipzig, zum Verein von Ex-Weltmeister David Storl, um neue Reize zu setzen. Die Entwicklung stockte aber weiter. „Wir haben damals alles probiert, in Sachen Kraft und Schnelligkeit. Aber wenn die Konkurrenz beim Bankdrücken mal eben 80 kg mehr drückt als du, dann weißt du, es wird schwer. Am Ende ging es einfach nicht weiter”, sagt er. Ralf Bartels, Kugelstoß-Legende vom SCN, habe mal zu ihm gesagt: „Stoße du erst einmal mit der Männerkugel, dann sehen wir weiter”. Das sei eine alte Weisheit unter Kugelstoßern, „und da ist was dran”, sagt Patrick Müller.

Vielleicht sei der Wechsel vom Kugelstoßen zum Bob im Nachgang die falsche Entscheidung gewesen: „Ob es wirklich so ist, kann man nicht sagen”, meint Müller. Die Zeit als Leistungssportler möchte der 24-Jährige dennoch keine Minute missen: „Ich kann nur jedem raten, es als Sportler zu versuchen. Es ist ein Privileg, Sportler zu sein. Und das merkst du, wenn du einem ganz normalen Beruf nachgehst. Das ist etwas ganz anderes”, sagt der Ex-Neubrandenburger. Beim Sportclub habe er eine sehr schöne Zeit erlebt. „Wir waren an den tollsten Orten der Welt im Trainingslager und mit Merten Howe, Henning und Clemens Prüfer damals eine coole Trainingsgruppe beim SCN”, blickt der gebürtige Demminer zurück. Mit den Prüfer-Brüdern verbinde ihn noch immer eine enge Freundschaft.

Ein Facharzt riet ihm, den Leistungssport aufzugeben

Gerald Bergmann, sein Ex-Trainer am Tollensesee, bedauert die Entscheidung: „Patrick war eines der größten Talente und sehr veranlagt.” Vielleicht seien bei der Umstellung auf die Drehstoßtechnik aber alle ein wenig zu ungeduldig gewesen. „Dass er jetzt ganz aufhört mit dem Leistungssport, ist schade”, sagt Bergmann.

Patrick Müller will sich nun erst einmal auf seine berufliche Laufbahn konzentrieren, bei der Polizei hat er da einige Möglichkeiten. Mit seiner Freundin Miriam Butkereit, die im Vorjahr bei der Judo-Europameisterschaft in Prag Fünfte wurde, lebt er in Sankt Augustin bei Köln und ist zufrieden. Müller erzählt, dass er sich auch an der Bandscheibe hätte operieren lassen können: „Aber niemand kann dir die Garantie geben, dass es dann besser wird. Ein Facharzt hat schließlich geraten, aufzuhören, weil man nicht sagen könne, wie sich das Ganze auf mein späteres Leben auswirken wird”, sagt Patrick Müller. Die Gesundheit war ihm am Ende wichtiger.

Der Junioren-Weltmeister von 2013 hat sich inzwischen ein Rennrad gekauft, dazu läuft und schwimmt er. Patrick Müller ist bereit für seine neues Leben – als Hobbysportler.

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