LEICHTATHLETIK-EM

SCN-Athletin könnte Neubrandenburgs großer Wurf werden

Bei der Leichtathletik-EM im Berliner Olympiastadion wird auch Claudine Vita vom SC Neubrandenburg an den Start gehen. Für die junge Frau ist es der vorläufige Höhepunkt in ihrer Karriere.
Thomas Krause Thomas Krause
Im Trainingslager in Kienbaum kann Diskuswerferin Claudine Vita auch mal die Seele baumeln lassen.
Im Trainingslager in Kienbaum kann Diskuswerferin Claudine Vita auch mal die Seele baumeln lassen. Michael Kappeler
Trainer Dieter Kollark hat Claudine Vita einst entdeckt.
Trainer Dieter Kollark hat Claudine Vita einst entdeckt. Thomas Krause
Neubrandenburg.

Claudine Vita kann sich noch gut daran erinnern. Sie war zwölf Jahre jung und gemeinsam mit ihren Eltern im Berliner Olympiastadion. Dort kämpften die Leichtathleten um die Weltmeistertitel 2009. Die kleine Claudine drückte vor allem einem die Daumen – Diskuswurf-Star Robert Harting. „Den fand ich sehr cool“, erzählt sie. Harting gewann Gold, das Olympiastadion tobte, auch Familie Vita war voller Begeisterung. Nicht im Traum, sagt Claudine Vita, hätte sie sich damals vorstellen können, selbst einmal in diesem gewaltigen Stadion als Wettkämpferin zu stehen.

Leichtathletik-EM startet

Neun Jahre später ist dieser Traum Wirklichkeit geworden. Am Montag beginnen in Berlin die Leichtathletik-Europameisterschaften und Vita ist eine von 126 deutschen Athleten, die im Olympiastadion an den Start gehen werden. Kurz vorher sitzt die 21-Jährige vom SC Neubrandenburg, die dort von Dieter Kollark und Astrid Kumbernuss trainiert wird, im Bundesleistungszentrum Kienbaum, wo das DLV-Team die letzten Tage bis zum EM-Start verbringt, und wirkt so, als könne sie das alles immer noch nicht so richtig glauben. „Diese Heim-EM bedeutet mir sehr viel. Dass ich dabei sein kann, ist super“, sagt sie. Die EM habe sie seit dem vergangenen Jahr fest im Visier gehabt.

2017 verpasste Vita die Weltmeisterschaft in London nur knapp. Am Ende hatten Nadine Müller, Julia Harting und Anna Rüh die Nase vorn. „Seitdem wollte ich zur EM nach Berlin, alles andere wäre eine Enttäuschung gewesen“, gibt sie sich selbstbewusst.

Eine Medaille für die SCN-Athletin

Am Donnerstag geht Vita sogar als Zweite der europäischen Bestenliste 2018 in die Qualifikation. Auf 65,15 Meter warf sie den Diskus bei den Halleschen Werfertagen. Vor ihr steht nur Weltmeisterin Sandra Perkovic aus Kroatien, die dieses Jahr bereits eine 71,38 zu Buche stehen hat. „Perkovic ist eine andere Liga“, sagt Vita. Aber dahinter ist alles möglich – auch eine Medaille für die SCN-Athletin.

Edelmetall haben ihre deutschen Kontrahentinnen Shanice Craft und Nadine Müller jedoch ebenso im Blick. „Wenn ich um eine Medaille mitkämpfen will, muss ich eine von ihnen schlagen. Ich will da auch gar nicht groß drumherum reden. Ich möchte aufs Podium“, sagt Vita.

Jetzt wird es ernst

Nach dem famosen Auftritt in Halle, mit dem sie bereits die Fahrkarte für Berlin sicher hatte, war sie zuletzt aber in ein kleines Loch gefallen. Beim Diamond League-Meeting in Rom, ihrem ersten großen internationalen Wettkampf, wurde Vita nur Letzte, bei den Deutschen Meisterschaften verpasste sie als Vierte um zwei Zentimeter eine Medaille. „Ich wollte Gold, klar. Für die anderen ging es aber noch um die EM-Qualifikation. Mir hat vielleicht etwas die Spannung, das Adrenalin gefehlt“, sagt sie. Abgehakt.

Spätestens am Donnerstag, wenn es ab 9.30 Uhr um die Qualifikation für das Finale geht, wird das alles wieder da sein. „Ich kann es kaum erwarten“, sagt die SCN-Sportlerin, betont aber zugleich, dass man erst einmal diese Qualifikation überstehen müsse: „Das zu schaffen, ist nicht selbstverständlich. Da kann alles passieren.“

Kleiner Fan-Club in Berlin

Claudine Vita weiß, ein wenig Demut kann nie schaden. In ihrem Umfeld gehen aber alle fest davon aus, dass die 21-Jährige am 11. August im Finale stehen wird.

In Gedanken werden in diesen Tagen viele Menschen bei ihr sein, ihr die Daumen drücken. Auch in der Qualifikation am Donnerstag dürfte die Unterstützung groß sein. Angekündigt haben sich bereits viele Freunde, Bekannte, Trainer und natürlich die Familie, die in Berlin lebt. „Es wird ein kleiner Fan-Club sein“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Ihre Mutter, ihr Vater sowie ihre vier Geschwister werden wahrscheinlich aufgeregter sein als sie selbst. Aber sie werden vor allem auch eines sein – stolz.

Aufgewachsen im Flüchtlingsheim

Denn die Geschichte der Familie Vita ist eine außergewöhnliche, eine mit Happy End. Eine Geschichte, die zeigt, dass Flüchtlinge durchaus integriert werden können. Ende der 1980er-Jahre floh die Familie wegen des Bürgerkrieges aus Angola nach Deutschland, landete schließlich in Fürstenwalde. „Wir haben dort viele Jahre im Flüchtlingsheim gelebt“, erzählt Claudine Vita, die 1997 im nahen Frankfurt/Oder das Licht der Welt erblickt hat, weil es dort eine Geburtsklinik gab.

Das Thema Flüchtlinge habe sie angesichts der Diskussionen gerade in den vergangenen Monaten wieder beschäftigt. „So etwas lässt mich nicht kalt. Klar denkt man da über den Weg der eigenen Familie nach. Uns hat das alles immer motiviert“, sagt Vita. Und sie freue sich, dass es alle irgendwie geschafft haben in Deutschland. „Meine vier Geschwister haben hier studiert“, sagt die Sportlerin, die selbst ein Studium an der Hochschule Neubrandenburg aufgenommen hat.

Als Kind spielte Claudine Fußball

In Fürstenwalde probierte sich die kleine Claudine auch sportlich das erste Mal aus, anfangs spielte sie sogar Fußball. „Das hat Spaß gemacht. Aber es war mir nachher zu sehr jungenlastig“, erzählt sie. So landete sie bei den Leichtathleten der SG Gaselan Fürstenwalde, wo Joachim Weihrich ihr erster Trainer war. Und blieb. Zu Weihrich pflege sie heute noch ein gutes Verhältnis.

Dass sie ihre Laufbahn beim SC Neubrandenburg fortsetzte, ist Dieter Kollark zu verdanken. Als sie mit ihrem Fürstenwalder Verein einmal in einem Trainingslager in Kienbaum war, traf sie erstmals auf Kollark. Claudine Vita kann sich noch gut an die Begegnung mit der Trainer-Ikone erinnern: „Er bat mich, einfach mal einen Diskus in die Hand zu nehmen. Das war es schon.“

Trainer von Astrid Kumbernuss und Franka Dietzsch

Es war der Anfang einer weiteren Erfolgsgeschichte des 73-Jährigen, der schon Astrid Kumbernuss und Franka Dietzsch zu Weltstars geformt hatte. Kollark betreut Vita seit gut sechs Jahren. „Er hat eine unglaubliche Erfahrung, sieht alles, vor allem Dinge im technischen Bereich“, sagt seine Athletin.

Claudine Vita ist auf bestem Weg, eines der neuen Gesichter der deutschen Leichtathletik zu werden. Sie könnte der kommende Star beim SC Neubrandenburg werden. Eine EM-Medaille in Berlin für die erst 21-jährige Diskuswerferin – es wäre wohl auch für den wegen Stasi-und Dopingvorwürfen bis heute umstrittenen Kollark ein riesiger Erfolg.

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