FUßBALL-GESCHICHTE

Traum-Karriere ohne Krönung

Rainer Ernst gehört zu den erfolgreichsten Spielern der deutsch-deutschen Fußball-Geschichte. Der Neustrelitzer wurde elfmal Meister und war Nationalspieler.
Rainer Ernst wird vom Dresdner Hans-Uwe Pilz gestoppt: Die Spiele zwischen dem BFC Dynamo und Dynamo Dresden gehörten zu
Rainer Ernst wird vom Dresdner Hans-Uwe Pilz gestoppt: Die Spiele zwischen dem BFC Dynamo und Dynamo Dresden gehörten zu den spannendsten Duellen in der Oberliga-Geschichte. Foto (2): Imago imago sportfotodienst
Mit dem 1. FC Kaiserslautern wurde der heute 59-Jährige in seiner ersten Saison Deutscher Meister. Glücklich wurde e
Mit dem 1. FC Kaiserslautern wurde der heute 59-Jährige in seiner ersten Saison Deutscher Meister. Glücklich wurde er am „Betze“ aber nicht. Archiv
Rainer Ernst lebt und arbeitet in Neustrelitz.
Rainer Ernst lebt und arbeitet in Neustrelitz. Thomas Krause
Neustrelitz ·

Er legte eine der beeindruckendsten Karrieren in der deutsch-deutschen Fußball-Geschichte hin, doch die Krönung blieb Rainer Ernst verwehrt. „Ich hätte gern eine EM oder WM gespielt. Dass wir das nicht geschafft haben, gehört für mich zu den großen Niederlagen meiner Laufbahn”, sagt er.

Niederlagen hat Rainer Ernst einige hinnehmen müssen, doch die Siege und die Erfolge überwiegen. Mit dem BFC Dynamo holte der blonde Mittelfeldspieler zehnmal die DDR-Meisterschaft und zweimal den FDGB-Pokal. Dazu war er zweimal Torschützenkönig der Oberliga. Für die DDR-Auswahl bestritt Ernst 56 Länderspiele, traf 21 Mal. Meister wurde er auch in seiner ersten Bundesligasaison 1990/91 – mit dem 1. FC Kaiserslautern. Ernst kickte später in Frankreich und in der Schweiz, stieg mit Bordeaux in die 1. französische Liga auf. Empfindet er Stolz, wenn er auf seine Karriere zurückblickt? „Stolz ist vielleicht das falsche Wort. Es ist schön, was ich erreicht habe”, sagt Rainer Ernst.

Mit sieben fing er bei Empor Neustrelitz mit dem Kicken an, und weil er das ganz passabel konnte, wurde die SG Dynamo – die Talentschmiede schlechthin in der Stadt – auf ihn aufmerksam. „Ich kann mich gut daran erinnern, Training war immer in der Woldegker Straße”, erzählt er. Rainer Ernst wurde immer besser, so gut, dass er schließlich 1975 zum BFC Dynamo delegiert wurde. „Ich wäre damals lieber zum FC Hansa gegangen, aber das ging nicht, weil der BFC auf allen Dynamo-Vereinen im Norden die Hand drauf hatte. Du konntest nur zum BFC delegiert werden”, erzählt er.

In Berlin machte Rainer Ernst schnell Karriere: Beim 10:3-Sieg des BFC im Juni 1979 bei Chemie Böhlen gab er als 17-Jähriger sein Debüt in der DDR-Oberliga und wurde gleich Meister mit dem Hauptstadtklub. Zwei Jahre später feierte er sein erstes Länderspiel – 5:1 in der WM-Qualifikation gegen Malta.

Die Zeit in Berlin war zweifellos die prägendste im Leben des Rainer Ernst. Zehnmal in Serie wurde der BFC DDR-Meister und immer mehr zum meistgehassten Club im Land. „Anfangs war es gar nicht so doll. Aber um so mehr Titel wir geholt hatten, umso größer wurde dieser Hass”, erzählt Rainer Ernst. BFC-Erfolge wurden vorrangig an Stasi-Boss Erich Mielke und falschen Schiedsrichterentscheidungen festgemacht. „Klar gab es da manchmal Entscheidungen, über die wir uns gewundert haben. Aber wir hatten damals auch eine richtig gute Mannschaft”, sagt er und nennt Spieler wie Andreas Thom oder Thomas Doll.

Bei Länderspielen der DDR war es besonders schlimm

Auch bei Länderspielen der DDR bekamen die Nationalspieler vom BFC die Abneigung der Fußball-Fans zu spüren. „In der Nationalmannschaft ständig vom eigenen Publikum ausgepfiffen zu werden, da brauchtest du schon ein dickes Fell. Es gehört zu den schlimmen Dingen in meiner Karriere und war schon sehr traurig”, sagt Rainer Ernst. Spieler aus den anderen DDR-Klubs hätten bei Länderspielen oft versucht, die BFC-Fußballer zu schützen, sie zum Beispiel beim Einlaufen ins Stadion abzulenken. Ohne Erfolg. „Wenn in Leipzig 70 000 Fans gegen dich pfeifen, dann hörst du das natürlich trotzdem”, so Ernst.

Nur einmal, 1985 beim 2:0 der DDR im WM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich in Leipzig, sei der Funke zwischen Fans und Kickern richtig übergesprungen. Auch die BFCler gehörten plötzlich dazu. Rainer Ernst und der Leipziger Ronald Kreer hatten damals den Erfolg gegen den Europameister von 84 herausgeschossen.

Die politische Wende eröffnete auch den BFC-Fußballern ungeahnte Möglichkeiten. Andreas Thom wechselte im Januar 1990 als erster DDR-Fußballer in den Westen zu Bayer 04 Leverkusen. Für Rainer Ernst lag in jenem Winter ebenfalls ein unterschriftsreifer Vertrag bei Borussia Dortmund bereit.

Doch dann gab Ernst der Bild-Zeitung ein Interview, in dem er erzählte, dass er alle seine Tore auf Video habe, bei manchen Elfmetern für den BFC aber schon schmunzeln müsse. „Unser damaliger Clubchef war außer sich, meinte, ich ziehe mit solchen Aussagen alle BFC-Erfolge in Zweifel und verweigerte den Wechsel nach Dortmund”, erzählt Ernst. Im Sommer wechselte er dann doch in die Bundesliga zum 1. FC Kaiserslautern. Trainer Karl-Heinz Feldkamp wollte den groß gewachsenen Mittelfeldspieler unbedingt haben. Mit den „Roten Teufeln” wurde Ernst gleich Meister, richtig glücklich wurde er aber nicht. „Es war schön, mit Stürmern wie Stefan Kuntz oder Bruno Labbadia zusammenzuspielen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass es dort nicht mein Fußball ist”, blickt er auf seine Zeit am Betzenberg zurück – zu viel Kampf, wenig Fußball.

Da kam das Angebot aus Frankreich gerade recht: Gernot Rohr, Trainer bei Girondins Bordeaux, wollte ihn, und Rainer Ernst kam. Mit Girondins, in dessen Reihen unter anderem der spätere Welt- und Europameister Bixente Lizarazu spielte, stieg er in die 1. Liga auf. In Bordeaux bekam Ernst dann aber auch zu spüren, welche Macht Vereinspatrone haben. Der Mittelfeldspieler wurde trotz laufenden Vertrages an den AS Cannes verkauft. „Damals gab es nur zwei Ausländer im Kader und unser Präsident, ein Unternehmer, hatte drei Brasilianer verpflichtet”, erzählt er. Ernst wollte aber nicht weg aus dem schönen Bordeaux.

In Salmrohr ließ Ernst seine Karriere ausklingen

Sein Berater riet ihm, sich Cannes – Urlaubsort an der französischen Riviera – wenigstens einmal anzuschauen. Ernst unterschrieb schließlich beim AS und bereute es nicht. Die Zeit in Frankreich bezeichnet er heute insgesamt als besonders schön. „Dort hat man gelernt, das Leben zu genießen”, erzählt Ernst, der auf allen seinen Stationen von seiner Frau Claudia begleitet worden ist.

Beim damaligen Regionalligisten FSV Salmrohr ließ Rainer Ernst 1997 seine Fußball-Karriere schließlich ausklingen. Seit ein paar Jahren lebt er wieder in seiner Heimatstadt Neustrelitz, betreibt dort mit seiner Frau einen Großhandel mit Sport- und Modeartikeln. Die Firma agiert europaweit, Ernst ist viel unterwegs. Zeit für Freizeitaktivitäten bleibt dem ehemaligen Fußballstar daher wenig.

Wenn es passt, schnürt Rainer Ernst die Laufschuhe, spielt Golf oder geht ins Fitnessstudio. Aktiv ist er auch bei den sogenannten GoFus – den Golf spielenden Fußballern. Dort sind mehr als 500 ehemalige und aktive Fußballprofis vereint, die für gute Zwecke die Golfschläger schwingen. Engen Kontakt hält er auch noch zu den einstigen BFC-Mitspielern Andreas Thom und Thomas Doll. „Wir drei waren damals schon eine gute Combo. Andreas und Thomas waren richtige Raketen”, erzählt Rainer Ernst und fügt hinzu: „Für mich war Andreas sogar der beste Oberligaspieler überhaupt, weil er einfach alles hatte.”

Für den Nordkurier wird Rainer Ernst während der Fußball-Europameisterschaft als Experte tätig sein.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neustrelitz

zur Homepage