DDR-MARATHON-LEGENDE

Waldemar Cierpinski – wie sein größter Triumph ihn bis heute prägt

Er ist einer der größten Sportler aller Zeiten. Waldemar Cierpinski wurde für die DDR zweimal Olympiasieger im Marathon. Sein zweiter Olympiasieg in Moskau jährt sich in diesem Sommer zum 40. Mal.
Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal war Waldemar Cierpinski der große Außenseiter und gewann den Marathon
Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal war Waldemar Cierpinski der große Außenseiter und gewann den Marathon. Roland Witschel
Im Regen von Montreal musste Top-Favorit Frank Shorter (vorn) eine überraschende Niederlage gegen den DDR-Läufer Wal
Im Regen von Montreal musste Top-Favorit Frank Shorter (vorn) eine überraschende Niederlage gegen den DDR-Läufer Waldemar Cierpinski (rechts) einstecken. Foto: IOPP
Seine beiden olympischen Goldmedaillen von Montreal 1976 und Moskau 1980 zeigt Waldemar Cierpinski gern seinen Besuchern.
Seine beiden olympischen Goldmedaillen von Montreal 1976 und Moskau 1980 zeigt Waldemar Cierpinski gern seinen Besuchern. Thomas Krause
Halle.

Es hat ein paar Wochen gedauert. Erst fünf Kilometer, dann zehn. Inzwischen schafft er auch wieder den Knochenberg, eine 13 Kilometer lange Runde im Harz. Sehr bergig, sehr anspruchsvoll. Man mag diese Geschichte kaum glauben, und Waldemar Cierpinski muss selbst darüber lachen, als er sie erzählt: „Ja, ich musste wirklich das Laufen erst wieder lernen.“

Dabei ist Waldemar Cierpinski der Inbegriff des Laufens. Des schönen Laufens. Des erfolgreichen Laufens. Der Hallenser gewann zweimal Olympia-Gold im Marathon – 1976 in Montreal und vier Jahre später in Moskau. Er ist eine Legende. Zweimal Olympiasieger über die 42,2 Kilometer, das ist in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Olympischen Spiele bisher nur zwei Läufern gelungen: Abebe Bikila aus Äthiopien, der Barfußläufer, der 1960 und 1964 Gold gewann, und Waldemar Cierpinski.

Es ist schön an diesem Tag in Halle/Saale, und Waldemar Cierpinski hat seine zwei Goldmedaillen mitgebracht zum Termin. „Nehmen Sie sie ruhig in die Hand, das haben schon Tausende getan“, sagt er. Das Edelmetall ist schwer und fühlt sich gut an in der Hand. Welche Medaille ist ihm lieber? Moskau oder Montreal? Es gebe da keinen großen Unterschied, sagt Cierpinski, aber Moskau sei schon etwas Besonderes gewesen: „Moskau war schwerer. Vier Jahre zuvor in Montreal war ich Außenseiter, jetzt der Favorit. Und ich wollte unbedingt gewinnen.“

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Cierpinskis Leistungen waren außergewöhnlich

In Moskau war aber noch etwas. Etwas, was später ein Teil seiner Biografie werden sollte. Denn sein Triumphlauf in der Hauptstadt der damaligen UdSSR steigerte Cierpinskis Popularität ins Unermessliche. Diese Popularität hält an – auch heute. Verantwortlich dafür war ein gewisser Heinz-Florian Oertel, damals Kommentator für das DDR-Fernsehen. Als Cierpinski im Olympiastadion von Moskau auf der Zielgeraden war, schrie Oertel diese Sätze ins Mikrofon: „Liebe Zuschauer zu Hause, das ist ein einmaliger Triumph. Liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut, nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar. Waldemar ist da!“ Drei Sätze für die Ewigkeit.

Damals habe er das nicht so gut gefunden, mittlerweile könne er damit aber ganz gut leben, es gehöre ja auch dazu, sagt Waldemar Cierpinski mit einem Schmunzeln. Heinz-Florian Oertel hat später einmal erzählt, dass solche Fernsehreportagen, solche Sätze ohne die Leistungen der Sportler nie möglich gewesen wären. Cierpinskis Leistungen waren außergewöhnlich, seine Karriere geprägt von Ehrgeiz und Fleiß. In den vier Jahren vor Montreal rannte er 75.000 Kilometer im Training, im Zyklus vor den Spielen in Moskau noch einmal 20.000 mehr. Bis zu vier Mal am Tag trainierte der Ausnahmeläufer. „Wenn ich abends nach Hause kam, war ich oft so kaputt, dass ich die Treppen hoch zu unserer Wohnung ohne Pause nicht geschafft habe“, erzählt er. Die Familie lebte zu der Zeit in einer Zweiraumwohnung in Halle, fünfte Etage. Sein Training war aber damals schon fortschrittlich, denn er spulte nicht nur seine Kilometer ab, sondern absolvierte auch viel Athletiktraining. „Für einen Marathonläufer war ich fast ein Bodybuilder“, sagt er.

Am 1. August 1980, zwei Tage vor seinem 30. Geburtstag, lief dann in Moskau zunächst nicht alles nach Plan. Es war ein Freitag und es war ein heißer Tag. Wie in Montreal wollte der Hallenser erst einmal mitlaufen im Feld, die Kontrolle behalten. „Aber das Feld zerbröckelte schon bei Kilometer fünf, bei der Hälfte der Distanz gelang dem Mexikaner Rodolfo Gomez ein Ausreißversuch“, erinnert sich Cierpinski. Zeitweise lag Gomez 40 Sekunden vor den Verfolgern. Der Plan des DDR-Stars, bei Kilometer 35 selbst dem Feld davonzuspurten, schien zu scheitern. Doch sieben Kilometer vor dem Ziel war Gomez gestellt, aber dann startete der Holländer Gerard Nijboer die nächste Tempoattacke. „Es war genau an der Stelle, an der ich die Entscheidung erzwingen wollte“, erzählt Cierpinski. Vier Jahre hatte er im Training geübt, die Kilometer 35 bis 40 in 15 Minuten zu rennen. Und nun, an diesem Freitag in Moskau, zog plötzlich dieser Holländer bei Kilometer 35 los. „Ich habe kurz überlegt, was ich jetzt tun sollte, bin dann hinterher und nur noch gelaufen.“ Und wie. Waldemar Cierpinski rannte zu seinem zweiten Olympia-Gold: In 2:11,03 Stunden überquerte er den Zielstrich, Nijboer folgte 17 Sekunden später. Und oben, auf der Pressetribüne, flippte Heinz-Florian Oertel aus.

Dabei stand die Karriere des Waldemar Cierpinski schon vor dem vorzeitigen Ende. 1972 verpasste der damals 22-Jährige zunächst die Norm für die Olympischen Spiele in München im 3000-Meter-Hindernislauf um zwei Sekunden. Er bekam eine weitere Chance auf einer anderen Strecke. Bei einem internen Ausscheidungsrennen über 5000 Meter lief Cierpinski in 13:38 zwar eine gute Zeit, die DDR-Oberen nahmen ihn dennoch nicht mit. „Dieses Rennen lief nicht sauber ab, ich fand das unmoralisch und wollte aufhören“, blickt er zurück.

Für die Familie hatte Cierpinski nur beim Frühstück Zeit

Zu Hause in seiner Plattenbauwohnung in Halle setzte sich Waldemar Cierpinski mit seiner Frau zusammen. „Bei einer Flasche Rotwein haben wir uns darüber unterhalten, wie es weitergehen soll. Und dabei kam schnell die Idee, warum nicht Marathon“, erzählt er. Was folgten, waren intensive vier Jahre. Weil Cierpinski nicht mehr 1-A-Kaderathlet der DDR war und deshalb unter anderem keine Höhentrainingslager absolvieren konnte, trainierte er viel auf eigene Faust. 1976 rutschte der Hallenser schließlich wieder in den Kader. „Es war eine sehr harte Zeit, an manchen Tagen blieb für die Familie nur eine Stunde Zeit und das war beim Frühstück“, sagt er. Ansonsten gab es nur eins – Training, Training, Training.

Doch die Mühen zahlten sich aus. Zwar musste Cierpinski neun Wochen vor Montreal noch einmal einen Marathon laufen, weil sich die DTSB-Bosse nicht sicher waren, ob er der Richtige sei für Olympia. Doch dann, an diesem 31. Juli 1976 in Montreal, waren all die Schmerzen und Leiden vergessen. Als krasser Außenseiter bezwang Waldemar Cierpinski den großen Favoriten Frank Shorter. Der US-Amerikaner hatte seit seinem Olympiasieg in München vier Jahre zuvor kein Rennen verloren, doch der bis dahin unbekannte DDR-Läufer klaute ihm die sicher geglaubte Goldmedaille. Es war auch ein Triumph von Ost gegen West. „In Montreal war es manchmal schwierig zu verstehen, wie negativ die westliche Presse über uns berichtete“, sagt er.

Nach Montreal wollte Waldemar Cierpinski aufhören mit dem Marathonlaufen. „Ich hatte das Größte im Sport erreicht, mehr ging nicht.“ Doch in der Heimat brachen alle Dämme, der Marathonläufer war plötzlich ein Star in der DDR. Der Hallenser bekam körbeweise Fanpost nach Hause, aus aller Welt. „Ich habe eineinhalb Jahre gebraucht, um die vielen Briefe zu lesen. Die meisten habe ich auch beantwortet“, erzählt er. Diese Briefe hätten ihn schließlich motiviert, doch weiterzumachen.

Vor den Spielen in Los Angeles erhöhte Cierpinski sein Pensum

Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles wollte Cierpinski Geschichte schreiben – dreimal Marathon-Gold in Folge. Er erhöhte noch einmal sein Trainingspensum, ordnete alles dem Ziel L.A. unter. „Ich glaube, meine Chancen standen gar nicht schlecht“, sagt Cierpinski. Doch die Politik spielte nicht mit. Als Reaktion auf den Boykott der USA bei den Spielen in Moskau blieb die UDSSR nun Los Angeles fern. Bis auf Rumänien schlossen sich alle Ostblockstaaten dem Boykott an, auch Kuba. „Wir haben das im Frühjahr 84‘ kommen sehen“, sagt der Marathonläufer.

Cierpinski erinnert sich an ein Trainingslager in Mexiko: „Da hat man schon gemerkt, wie Stimmung gegen den Osten gemacht wurde. Und wir als Marathonläufer haben uns gefragt, ob denn die Sicherheit gegeben wäre, wenn wir durch die Straßen von Los Angeles laufen.“ In Mexiko saß Waldemar Cierpinski eines Abends mit dem Geher-Olympiasieger von Moskau, Hartwig Gauder (Gauder starb am 22. April 2020, Anm. d. Red.), auf dem Rasen des Olympiastadions. „Wir hatten uns ein Six Pack Bier mitgenommen und geplaudert. Hartwig war voller Leidenschaft, dass wir nach L.A. fahren. Ich hatte wenig Hoffnung“, sagt Cierpinski. Der Hallenser sollte recht behalten.

Die DDR-Oberen organisierten daraufhin in dem Sommer Ersatzspiele, die Marathonläufer sollten ihren Besten auf einem Rundkurs in Berlin-Grünau küren und dafür sogar die gleichen Prämien bekommen, die für einen Olympiasieg in Los Angeles vorgesehen waren. „Als das damals in Kienbaum verkündet worden ist, habe ich sofort gesagt. Tut mir leid, dafür kann ich mich nicht motivieren“, erzählt er. Vom mächtigen DTSB-Boss Manfred Ewald gab es dafür später noch einen Rüffel. Cierpinski blieb bei seiner Entscheidung. Ein Jahr später beendete er dort, wo er 1974 seinen ersten Marathon gerannt war (2:20,28), schließlich seine Karriere. In 2:19,52 Stunden lief er in Kosice auf den fünften Platz: „In Kosice aufzuhören, war mir sehr wichtig. Ich habe damals jeden Kilometer genossen.“

Corona-Pandemie macht der Familie arg zu schaffen

Nach der politischen Wende im Herbst 1989 machte sich Waldemar Cierpinski in Halle/Saale mit einem Sportgeschäft selbstständig, die Familie besaß zwischenzeitlich mehrere Filialen in Sachsen-Anhalt. Mittlerweile gibt es nur noch ein Geschäft im Zentrum von Halle mit fünf Angestellten, Geschäftsführer ist Cierpinskis Sohn Falk. Die Corona-Pandemie machte auch der Familie arg zu schaffen. Aber die Popularität des zweifachen Marathon-Olympiasiegers half in der Krise. „Natürlich haben wir davon profitiert. Viele Leute sind stolz, bei mir Laufschuhe zu kaufen. Und das macht uns natürlich auch stolz“, erzählt er.

Dass Waldemar Cierpinski selbst wieder seine Laufschuhe anzieht, hat auch etwas mit dem Coronavirus zu tun. Weil in Sachsen-Anhalt wegen der Pandemie alle Sporthallen- und -plätze wochenlang geschlossen waren, suchte der leidenschaftliche Hobbyfußballer nach Alternativen. Nun macht er wieder das, was sein ganzes Leben geprägt hat. Waldemar Cierpinski läuft. Der Knochenberg kann kommen.

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