ERFOLGSHUNGER

Das macht WM-Finalisten stark – und Deutschland schwach

Unabhängig vom Ausgang des Finals zwischen Frankreich und Kroatien – die Fußball-WM hat Trends aufgezeigt. Wohin entwickelt sich aktuell der Fußball? Und wo steht Deutschland?
Andreas Becker Andreas Becker
Einer der besten Spieler bei der WM in Russland: der Kroate Luca Modric. 
Einer der besten Spieler bei der WM in Russland: der Kroate Luca Modric. Damir Senèar
Moskau.

Kalkweiß im Gesicht. Tiefe Ringe unter den Augen. Eingefallene Wangen. Schweißüberströmt. Der Mann hatte über 39 Grad Fieber. Grippe. Statt aber im Bett zu liegen, stand Ivan Rakitic auf dem Rasen. Im Halbfinale gegen England. 120 Minuten plus Nachspielzeit. Am Ende trug er die Kapitänsbinde für den erschöpft ausgewechselten Luka Modric. Trotz Krankheit war Rakitic kein Weg zu weit, kein Zweikampf zu hart – der Weltstar vom FC Barcelona kämpfte für sein Team. Für den Titel. Bis zum Umfallen. Ohne Allüren, ohne Extrawürste. Ein Indianer im Stamm der Kroaten.

Um es mit Ex-Bundestrainer Berti Vogts auszudrücken: Die Mannschaft ist der Star. Klingt abgedroschen, ist aber aktueller denn je. Und ein Trend dieser WM: Der Teamspirit muss stimmen, Egoismen vergessen, der Erfolg der Mannschaft in den Mittelpunkt gestellt werden. Dazu die absolute Gier auf den Erfolg, der bedingungslose Wille, Widerstände und Unwägbarkeiten zu überwinden. Über die Schmerzgrenze hinaus. Das macht Siegertypen aus.

Schlaftabletten hier, Dauerläufer dort

Davon haben die Kroaten neben Rakitic auch den bereits erwähnten Luka Modric. Ein Dauerläufer, ein Dauergrätscher, ein Stratege – offensiv und defensiv stark. Leichtfüßig und schnell. Das Gegenteil des Rumpelfußballers Khedira. Der eine hat seit zwei Wochen Urlaub, der andere steht im WM-Finale. Das ist ein Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Fußballern.

Ein anderes Kriterium, das aktuell gute von schlechten Kickern trennt: der Faktor Schnelligkeit. Beispiel Belgien: Im Achtelfinale gegen Japan fuhren De Bruyne, Lukaku, Hazard und Co. in der 94. Minute einen perfekten Konter. Sechs Spieler legten einen Vollsprint über das gesamte Spielfeld hin – inklusive bestens getimter Laufwege. Belohnung für den Hochgeschwindigkeitsfußball: das Siegtor – eine Runde weiter. Nichts mit langatmigen, einschläfernden Ballstafetten ohne jeden Raumgewinn. Spiele mit deutscher und spanischer Beteiligung hatten die Wirkung von Schlaftabletten. Schnelle Umschaltbewegung von Defensive auf Offensive und umgekehrt – ein wichtiger Baustein des Erfolgs bei der WM 2018. Vielleicht heißt genau deswegen der Weltmeister auch Frankreich – Mbappé, Griezmann, Kanté und Kollegen lassen grüßen.

Sponsoren-Termine sind wichtiger als Training

Apropos Frankreich: Ecke Griezmann, Kopfball Umtiti, Sieg im Halbfinale. Durch ein Standardtor. Oder die Engländer: Neun von zwölf Toren machte die Southgate-Truppe nach ruhenden Bällen. Vermeintlich einfache Tore, die aber intensives und zeitraubendes Training erfordern. Harte, handwerkliche Arbeit. Solche Trainingseinheiten beißen sich natürlich mit Werbeaufnahmen – Beispiel Bierhoff, Löw und Konsorten. Bei denen fiel schon mal die ein oder andere Trainingseinheit aus – weil Mercedes und andere zahlungskräftige Sponsoren zum Shooting baten. Und dann war da ja noch die Unruhe um Mesut Özil, zu der der DFB erst lange nach dem Ausscheiden bei der WM Stellung nahm – und ganz offensichtlich einen Buhmann für das Scheitern suchte.

Und noch ein Trend spielte sich in den Vordergrund: die taktische Disziplin, besonders beim Verteidigen. Ordnung auf dem Platz – das haben auch die vermeintlich Kleinen im Weltfußball verinnerlicht. So fällt es selbst exzellenten Individualisten wie Messi und Neymar zunehmend schwer, sich gegen dicht gestaffelte Defensivreihen zu dribbeln. Um diese Bollwerke zu knacken, hilft am Ende der oben genannte Erfolgsmix: Schnelligkeit, Standards, Teamspirit und Wille.

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