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Streng wie bei den Soldaten

Menschenskinder, ist der streng: Mit dem Rohrstock präsentiert Lehrer Franz Neugebauer im Dresdner Schulmuseum ein Klassenzimmer, wie es vor 120 Jahren aussah. [KT_CREDIT] FOTO: Matthias Hiekel

„Agnes! Steh gerade und zappel nicht so herum.“ Die Stimme klingt streng. Sie gehört einem Lehrer, der ärgerlich mit seinem Stock auf den Tisch ...

„Agnes! Steh gerade und zappel nicht so herum.“ Die Stimme klingt streng. Sie gehört einem Lehrer, der ärgerlich mit seinem Stock auf den Tisch schlägt. Die zehnjährige Agnes duckt sich. Sie sieht eingeschüchtert aus. Kein Wunder. In diesem Klassenzimmer herrschen knallharte Regeln. Die Schüler müssen ihre Hände gefaltet auf den Tisch legen. Wer eine
Frage beantworten soll, muss aufstehen. Insgesamt gilt: Niemand darf irgendetwas ohne die Erlaubnis des
Lehrers tun.
Das Ganze ist allerdings nicht echt! Es ist ein Rollenspiel. Agnes heißt eigentlich Camila. Sie ist mit ihrer Klasse zu Besuch im Hamburger Schulmuseum. Hier kann man ausprobieren, wie es vor rund 120 Jahren in vielen Schulen zuging. Der Lehrer heißt Peter Barske und arbeitet im Museum.
Im Rollenspiel vermittelt er den Kindern als Lehrer der alten Schule Respekt und Gehorsam. Die Schüler dürfen nicht einfach mit „Ja“ antworten. Es muss heißen: „Jawohl, Herr Lehrer.“ Wer sich anpasst, bekommt Lob. Wer gegen Regeln verstößt, wird bestraft. Später sagt Peter
Barske: „Das Allerwichtigste war früher, dass die Schüler lernten zu gehorchen.“ So sollten sie darauf vorbereitet werden, als Erwachsene nicht aufzumucken. Denn damals war in Deutschland vieles anders. In den Jahren 1871 bis 1918 herrschte ein Kaiser. Er hatte sehr viel Macht. Die einfachen Menschen dagegen durften kaum mitbestimmen.
Die Leute sollten den Kaiser bewundern und tun, was man ihnen sagte. Menschen mit einer eigenen Meinung und Mut zum Widerstand wären unbequem gewesen. Das hatte auch damit zu tun, dass das Militär eine wichtige Rolle spielte, sagt Peter Barske. Aus vielen Schülern sollten Soldaten werden. Und gerade die sollten Befehle befolgen. Nicht alle Lehrer waren gleich streng. Aber der Gehorsam wurde oft richtig eingeprügelt.
Die Schüler spielen das im Museum nach: Erna hat den Lehrer nicht auf der Straße gegrüßt. Zur Strafe bekommt sie Schläge mit dem Rohrstock. Die neunjährige Emily spielt Erna. Hinterher sagt sie: „Zuerst hatte ich Angst, dass er wirklich doll zuschlägt. Das war ja nicht so. Aber jetzt weiß ich, wie das war, wenn meine Ururoma als Kind Quatsch gemacht hat.“ Der zehnjährige Marlon ist sich sicher: „Schlagen geht echt zu weit.“