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Technik kann Schnellschreiber nicht ersetzen

Monika Mahlke schreibt schneller, als andere sprechen. Die Ostdeutsche Meisterin in Stenografie fährt demnächst zur Weltmeisterschaft der Schnellschreiber nach Belgien.  FOTO: Jens Büttner

VonIris LeitholdDen Ruf „Fräulein, zum Diktat bitte!“ gibt es in deutschen Büros nicht mehr. Kaum jemand beherrscht noch Stenografie. Eine der wenigen ...

VonIris Leithold

Den Ruf „Fräulein, zum Diktat bitte!“ gibt es in deutschen Büros nicht mehr. Kaum jemand beherrscht noch Stenografie. Eine der wenigen ist Monika Mahlke aus Grevesmühlen. Die Ostdeutsche Mannschafts- meisterin fährt demnächst zur Weltmeisterschaft.

Grevesmühlen.Monika Mahlke spricht schnell und sie schreibt schnell, viel schneller als die meisten anderen Menschen. 300 Silben in der Minute – das Doppelte der normalen Sprechgeschwindigkeit – und mehr zu notieren, ist für die 56-Jährige aus Grevesmühlen (Nordwestmecklenburg) kein Problem. Mahlke beherrscht als eine von nur noch wenigen tausend Menschen in Deutschland Stenografie.
Und sie hat sportlichen Ehrgeiz. „Manchmal erwische ich mich beim Zeitunglesen dabei, dass ich die Wörter in stenografische Kürzel übersetze“, sagt sie. Sie bereitet sich gerade auf die Weltmeisterschaft vor, die demnächst in Belgien stattfindet. Früher gehörte Steno zu vielen Berufsausbildungen, von der Bürokauffrau bis zum Journalisten. Seit dem Einzug des Diktiergeräts jedoch gilt das Schnellschreiben als entbehrliche Kunst. Hannelore Schindelasch, Vorsitzende des Deutschen Stenografenbundes, kann das nicht verstehen. „Wer Kurzschrift kann, spart enorm viel Zeit“, sagt die 64-Jährige. Sitzungsprotokolle schreiben, den Inhalt von Telefonaten festhalten oder Vorlesungen an der Uni mitnotieren – all das gehe mit der Kurzschrift wunderbar. „Man schreibt damit dreimal schneller als mit der herkömmlichen Langschrift.“
Auch Schindelasch spricht auffallend schnell. Sie sagt: „Man muss schnell denken, um schnell schreiben zu können.“ Wer überdurchschnittlich stenografiert, könne damit auch heute gutes Geld verdienen, sagt Schindelasch. Zum Beispiel als Parlamentsstenograf in einem der deutschen Landtage oder im Bundestag. Sie protokollieren die Debatten einschließlich aller Zwischenrufe und nonverbalen Äußerungen wie „Heiterkeit“ oder „Lachen“. Andere arbeiten als freiberufliche Verhandlungsstenografen. Sie werden zum Beispiel für Hauptversammlungen großer Aktiengesellschaften gebucht.
„Die Aktionäre stellen bei den Hauptversammlungen viele Fragen, manchmal 70 am Stück. Die kann sich keiner auf dem Podium alle merken“, erzählt Axel Weber vom Fotodienstleister Cewe AG im niedersächsischen Oldenburg. „Die Stenografen schreiben die Fragen am Computer mit, der die Zeichen in Langschrift übersetzt und an die Experten der Firma hinter den Kulissen weiterleitet. Die machen dann Antwortvorschläge und reichen sie aufs Podium.“ Und schon kann der Vorstand kompetent antworten.
Manchmal ist Monika Mahlke ein bisschen traurig, dass sie nach der Wende 1989 nicht ein Leben als freie Stenografin gewählt hat. Doch damals entschied sich die Mecklenburgerin, einst Mitglied der DDR-Steno-Nationalmannschaft, für einen sicheren Job im öffentlichen Dienst. Mahlke könnte auf dem freien Markt gut mithalten: Bei den Ostdeutschen Meisterschaften im April schaffte sie 375 Silben in der Minute. „Das war persönlicher Rekord“, sagt sie stolz. Der amtierende Deutsche Meister Manfred Kehrer (76) packt noch 100 Silben mehr.
Für die WM trainiert Mahlke, indem sie Radio- und Fernsehnachrichten mitstenografiert. In ihrem Job als
Persönliche Referentin der Landrätin von Nordwestmecklenburg hat sie zudem täglich Gelegenheit zum Üben. „Meine Chefin diktiert mir gerne etwas, es geht einfach schneller als auf Band zu sprechen und es dann abtippen zu lassen.“