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„Beruflich grenzt das an Selbstmord“

Familie mit großem Hund und kleinem Sohn: Alex, Melanie, Emilio und Vierbeiner Sam wohnen im Bahnhof.

Im Wohnzimmer stapeln sich Umzugskartons, vor den Fenstern treiben die Bäume endlich Knospen. Der Frühling ist keine schlechte Zeit für einen Neuanfang an ...

Im Wohnzimmer stapeln sich Umzugskartons, vor den Fenstern treiben die Bäume endlich Knospen. Der Frühling ist keine schlechte Zeit für einen Neuanfang an einem anderen Ort. Melanie, Alex und Emilio haben sich nach langem Hin und Her für ein Leben in Lychen entschieden. „Wir sind ja nicht ganz fremd hier“, sagt Melanie. Schon seit Jahren kommt die Familie regelmäßig in die Flößerstadt. „Wir haben vor acht Jahren den ehemaligen Bahnhof gekauft und ihn langsam zu einer Ferienunterkunft ausgebaut.“ Damals lebten Melanie und Alex noch im Rheinland. Sie wollten ihrem Bahnhof näher sein und zogen zunächst nach Berlin. „Damals hätten wir nie daran gedacht, hierher zu ziehen“, sind sich beide einig. Melanie ist Anwältin und Alex Biologe. Beide sind in der Hauptstadt angestellt. „Seit Emilio geboren wurde, denken wir anders“, sagt Alex. „Wir kommen beide aus ländlichen Regionen. Zu sehen, wie eingeengt die Kinder in Berlin sind, war schwer für uns. Hier hat er es viel besser.“ Emilio und sein Freund schieben ihre Autos die Rampe zum alten Stellwerk hoch und runter. Ihr vergnügtes Kreischen hallt durch den Wald. „Beruflich grenzt das fast an Selbstmord“, sagt Alex schmunzelnd. „Man kann bestimmte qualifizierte Jobs einfach nicht in Teilzeit verrichten und Arbeit gibt es hauptsächlich in Berlin. Die Pendelei nimmt sehr viel Zeit in Anspruch“. Melanie und Alex arbeiten beide in sehr fordernden Jobs – der Umzug war nur möglich, weil ihre jeweiligen Arbeitgeber eingewilligt haben, dass sie einen Teil der Arbeit zu Hause verrichten. „Und ich werde weniger Stunden arbeiten als Alex. Für Emilio wollen wir ja auch noch Zeit haben“, erklärt Melanie. Durch den Garten galoppiert Sam, der Familienhund. „Wir haben einen kleinen Sohn und einen großen Hund“, sagt Melanie lachend, „und für beide ist es hier viel angenehmer.“ Alex beugt sich zu einem Beet und betrachtet den Lavendel. „Ich glaube, der hat die Kälte überlebt“, sagt er zu seiner Frau. Die Familie wäre schon vor einem Jahr hergezogen, aber die Streckensperrung der Bahnlinie Berlin-Rostock vereitelte ihre Pläne. Trotz der Arbeitssituation und trotz der eingeschränkten Mobilität hat sich die Familie nun für Lychen entschieden. „Ich freu mich richtig darauf, hier anzukommen. Die Lebensqualität wird eine ganz andere sein“, sagt Melanie.

Über die Mobilität können Holger und Josie ein Lied singen. Sie sind vor eineinhalb Jahren nach Lychen gezogen. Holger arbeitet als Orchesterpädagoge in Prenzlau: „Der öffentliche Nahverkehr ist wirklich grenzwertig. Die Region ist extrem weitläufig und man ist überall besser an Berlin angebunden als an die Orte im eigenen Landkreis.“ Holger verbringt viel Zeit an Bushaltestellen oder durchkreuzt den Landkreis per Anhalter. Josie ist studierte Schauspielerin. „Das besondere ist, dass es hier noch wirklich Marktlücken gibt. Man findet sie leicht – aber ob sie gefüllt werden möchten, kann man nicht wissen“, erklärt sie. In Berlin war sie zuletzt bei einem Kindertheater beschäftigt und als Englisch-Lehrerin in Kindergärten angestellt. Diese Arbeit übt sie nun selbstständig in der Uckermark aus. „Besser hätte es für mich nicht laufen können. Der Bedarf war da, und ich habe innerhalb von zwei Monaten fast mehr Schüler gehabt, als ich alleine unterrichten konnte.“ Holger und Josie sind sich einig, dass viele ihrer Vorurteile nicht bestätigt worden sind. „Das Publikum ist sehr aufgeschlossen. Und die Schulen, mit denen ich zu tun habe, sind sehr engagiert“, sagt Holger. Alles in allem hat die Patchwork-Familie hier das gefunden, was sie erwartet hatte – im positiven wie im negativen Sinne. „Wir bleiben hier“, sagt Josie lachend. „Ich hoffe nur, mein Auto geht jetzt nicht kaputt.“

Friederike und Cantemir wohnen nicht in Lychen – aber sie haben sich trotzdem in die kleine Stadt verliebt. Ein viertägiger Urlaub war genug, um die beiden von diesem Landstrich zu überzeugen. Sie mieteten sich eine kleine Wohnung am Stadtsee und verbrachten fast den ganzen Sommer dort. „Lychen ist wunderschön und doch eben nicht perfekt. Das macht für uns den Reiz aus. Es ist nicht so kommerziell orientiert und wirkt immer ein bisschen verwunschen und verschlafen. Außerdem sind die Leute auffällig nett und entspannt. Man kommt schnell ins Gespräch“, erzählt Friederike. Für das Pärchen ist Lychen die perfekte Ergänzung zu seinem Leben in Berlin. „Wir lieben es, unsere selbst angebauten Zucchini zu ernten und morgens am See zu frühstücken. Für uns ist es ein kleines Paradies!“ Friederike ist Tanzpädagogin und „Öffentlichkeitsarbeiterin“ an zwei Kindertheatern, Cantemir stammt aus Rumänien, hat in Berlin Kommunikationsdesign studiert und sein eigenes Brillen-Label gegründet. Ganz nach Lychen zu ziehen, sieht das Pärchen bislang nur als entfernte Möglichkeit, die es aber nicht ausschließen will. „Manchmal träume ich davon, hier ein kleines Theater zu eröffnen. Aber davon, das wirklich in die Tat umzusetzen, bin ich noch weit entfernt. Im August bekommen wir erst mal unser erstes Kind und werden Lychen dann zu dritt genießen“, sagt Friederike. Erstmal weiter im Urlaub.

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