INSOLVENZ

Bürgermeister lässt Wirtshaus versiegeln

Finanzielle Sorgen drücken Helge Leopold vom „Wirtshaus zur Klostermühle” in Boitzenburg. Er musste Insolvenz beantragen. Doch die Abwicklung seines Geschäftes endet in einem Chaos.
Ines Markgraf Ines Markgraf
Helge Leopold muss das Siegel an der Tür akzeptieren. Wenn er es entfernt, droht ihm eine Gefängnisstrafe.
Helge Leopold muss das Siegel an der Tür akzeptieren. Wenn er es entfernt, droht ihm eine Gefängnisstrafe. Ines Markgraf
Das Siegel wurde von einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes angebracht.
Das Siegel wurde von einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes angebracht. Ines Markgraf
Boitzenburg.

Dass Polizeibeamte vor das „Wirtshaus zur Klostermühle” fahren und ihn festnehmen wollen, damit hätte Helge Leopold nie im Leben gerechnet. Doch das, was sich wie ein Krimi anhört, ist tatsächlich am Donnerstag der vergangenen Woche in Boitzenburg geschehen.

Der polizeiliche Einsatz, bestellt von der Gemeinde Boitzenburger Land, hat eine lange Vorgeschichte. Fazit ist: Der Gastronom hat Schulden in Höhe von 100.000 Euro, davon mehr als 10.000 Euro bei der Gemeinde. Nachdem er drei Pachtmieten nicht zahlen konnte, fand ein Gespräch statt. Man habe sich auf die Beendigung des Vertrages, der noch bis zum Dezember 2022 gelaufen wäre, geeinigt. Bis Ende Oktober hätte der Gastronom das Wirtshaus noch führen dürfen. Zum Jahresende sollte er die Räumlichkeiten, inklusive Wohnung, übergeben.

Fristlose Kündigung – drei Tage Zeit bis zum Auszug

Doch es kam anders. Bereits einen Tag später, am Vormittag des 5. Oktober, übergab Frank Skomrock, Mitarbeiter des Ordnungsamtes, ein Schreiben mit der fristlosen Kündigung. „Ich sollte bis zum 8. Oktober alles leerräumen.” Leopold ging am 8. Oktober in Widerspruch. Die Gemeinde gewährte eine Fristverlängerung. „Bis 12. Oktober hätte ich die Lebensmittel beräumen und die Wohnung am 5. November übergeben sollen.”

Plötzlich stand die Polizei vor der Tür

Am 10. Oktober wurde durch das Ordnungsamt die Tür verriegelt. Mit ziemlich viel Wut im Bauch riss der Gastronom das Siegel wieder ab. „Ich erwartete einen Bus mit 40 Ausflüglern zum Mittagessen.” Und auch am nächsten Tag beschädigte er das Siegel. „Plötzlich stand die Polizei vor der Tür”, so Leopold. „Die Beamten wiesen meine Mitarbeiter an, die Küche unverzüglich zu verlassen.”

Sie verwarnten den rebellischen Wirt und drohten mit Gewahrsam. „Das Entfernen eines Siegels ist eine Straftat und kann mit Freiheitsentzug von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe geahndet werden”, erklärte Dienstgruppenleiter Holger Bade auf Nachfrage des Uckermark Kurier.

„In Haft wollte ich natürlich nicht”, gesteht Helge Leopold und musste zusehen, wie die Eingangstür zum Wirtshaus wiederholt mit einem Siegel verschlossen wurde.

Bürgermeister will den finanziellen Schaden für die Gemeinde begrenzen

„Wir waren im Zugzwang”, rechtfertigt sich Bürgermeister Frank Zimmermann (parteilos). Seine Aufgabe sei es, Schaden von der Gemeinde abzuwenden. „Die Schulden werden immer größer.” Auch das Versprechen von Helge Leopold am 4. Oktober, die ausstehende Pacht von 2400 Euro am 8. Oktober zahlen zu wollen, konnte er nicht annehmen. „Der Insolvenzverwalter hat die Hand auf das Geld und entscheidet, wohin es geht.”

Ortsvorsteherin ist enttäuscht über das Vorgehen der Gemeinde

Ortsbürgermeisterin Monika Lange-Gohlke setzt sich für den Gastronomen ein. Am Montag soll ein weiteres Gespräch zwischen Ortsbeirat und Bürgermeister stattfinden. Ihr Ziel: Helge Leopold soll sein Geschäft in Würde abschließen können. Sollte das Gespräch kein Erfolg haben, dann steht Helge Leopold ohne Arbeit und Wohnung da. „Ich werde wohl zum Arbeitsamt gehen müssen, denn Rente beziehe ich erst ab Februar 2023.”

Die Gemeinde möchte den Wirt schnellstmöglichst aus dem Haus haben, um die Immobilie wieder verpachten zu können. „Es wird eine Ausschreibung geben, und es wird eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit dem Thema beschäftigt”, erklärt Frank Zimmermann. Er kündigte eine „politische Entscheidung” über die Vergabe des Pachtvertrages an.

 

 

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Kommentare (3)

Sowas macht man nur mit Deutschen. Einem Chinarestaurant Inhaber oder einem Dönerstandbetreiber wär das so nicht passiert. Dem hätte man finanzielle Unterstützung zugesagt. Garantiert.

Eigentlich müssten auch NK-Redakteure wissen, wie deutsches Vertragsrecht tickt. Eine Kommune wickelt einen Vertrag vorzeitig nicht mündlich ab. Am Anfang des Artikels steht was von mündlich bis Ende Oktober. Fast am Ende des Artikels kommt heraus, dass der Wirt gar nichts entscheiden zu hat, weil schon länger ein Insolvenzverwalter beauftragt ist.

Es wird schwer sein nochmal einen Idealisten zu finden der 22 Jahre lang mit seiner Pacht die zwangsverwaltete Selbstverwaltung die hier im Boitzenburger Land genau so überflüssig ist wie ein Kropf zu finanzieren. Abgesehen davon wundert es einen schon, dass sich ein Kunsthandwerkerobjekt in Thomsdorf seit Jahrzehnten einer DUMPING PACHT erfreuen darf und obendrein noch langjährig mit vom Arbeitsamt bezahlten Arbeitskräften ausstaffiert wurde, Parallelen zu Schloss Boitzenburg mit seinen schummel Schlossherren unverkennbar. Aber der Weitsicht unseres Ideenresistenten Bürgermeisters , Zimmermann sind keine Grenzen gesetzt. Er fördert diesen Kunsthandwerkermarkt mit 92.000 Euro aus EU Mitteln wobei sich sein Interesse z.B. für unsere Badestege in Grenzen hält bzw. er lieber Gemeindegeld für den Abriss dieser aufwendet als für die Restaurierung. In diesem sinne machts gut Nachbarn