Stolpersteine gegen das Vergessen

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Jüdin stellt Ehre ihres Lychener Großonkels wieder her

Vor Hilde Singers Geburtshaus in Berlin wurden am Freitag Stolpersteine verlegt, die an ihre Eltern Alice und Siegfried Tradelius erinnern. Alice war die Nichte des Lychener Ehrenbürgers Siegmund Cohrs. Foto: Martina Schrey  
Vor Hilde Singers Geburtshaus in Berlin wurden am Freitag Stolpersteine verlegt, die an ihre Eltern Alice und Siegfried Tradelius erinnern. Alice war die Nichte des Lychener Ehrenbürgers Siegmund Cohrs.
Martina Schrey

Hilde Singer hatte darum gekämpft, die Ehre ihres Großonkels Siegmund Cohrs in Lychen wieder herzustellen. Wenige Wochen nach ihrem Tod wurde jetzt in Berlin an ihre Eltern erinnert.

So vieles war im vergangenen Jahr im Leben von Hilde Singer passiert. Der 102 Jahre alten Jüdin, die vor fast 80 Jahren vor den Nazis aus Deutschland geflohen war und seit 1940 in New York lebte. Sie lernte bei einer Lesung die deutsche Journalistin Daniela Reinsch kennen. Und machte sich mit ihrer Hilfe auf die Suche nach den Spuren ihrer Familie und damit ihrer eigenen Geschichte.

Die sie auch in die Uckermark führte. Zu Kommerzienrat Siegmund Cohrs, geborener Salomon Cohn, der ihr Großonkel war. Bei den Recherchen erfuhr sie, dass „Onkel Siegmund“ und seine Frau, die Hilde als „Tante Mieze“ kannte, Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem im Heilstättenverein in Hohenlychen aktiv waren. Sie erfuhr auch, dass der Begründer des Cohrsstifts an seiner Wirkungsstätte beigesetzt, dass 1938 sein Grab geschändet und er von der Ehrenbürgerliste des Ortes gestrichen wurde.

Mutter soll sich im Gefängnis das Leben genommen haben

Als die Jüdin 1935 erst nach Schweden und schließlich nach Amerika floh, ließ sie ihre Eltern in Berlin zurück. Alice – die Nichte von Siegmund Cohrs – und Siegfried Tradelius glaubten nicht, dass ihnen Gefahr von den Nazis droht, sie hatten ein Geschäft und viele Freunde. Doch 1938 zeigte ein Dienstmädchen sie an, sie kamen ins Polizeigefängnis. Dort soll sich Hildes Mutter im Alter von 51 Jahren das Leben genommen haben. Ihr Vater Siegfried Tradelius entkam nach Schweden und starb dort 1943.

Von der Berliner Radiojournalistin Martina Schrey und deren Tochter hörte Hilde Singer im letzten Sommer das erste Mal von Stolpersteinen, die als Erinnerung an jüdische Mitbürger vor deren Häusern verlegt werden. „Seitdem kommt Hilde jede Woche auf diese Stolpersteine zurück“, schrieb Daniela Reinsch. Sie wollte einen Stein für ihre Mutter, „die als einzige aus der großen Familie in Berlin geblieben ist“. Vor der Jenaer Straße 21 in Berlin, wo sie zuletzt gewohnt hatten.

Ihr Wunsch ist in Erfüllung gegangen: Vor wenigen Tagen wurden dort für ihre Eltern Stolpersteine verlegt. Hilde selbst hat es nicht mehr erlebt, sie ist am 19. Februar im Alter von 102 Jahren gestorben. Aber ihr Sohn Ken war aus New York gekommen und stand zum ersten Mal vor dem Elternhaus seiner Mutter. Gemeinsam mit Deutschen, die ihm und seiner Familie geholfen haben, Jahrzehnte nach dem Holocaust ein Stück ihrer Geschichte aus dem Vergessen zu holen.