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Nur eine Kette, ein Adressbuch und Fotos erinnern an ihre Familie

Templiner Christenlehrekinder und Katechtin Kerstin Blümel waren mit der Jüdin Margot Friedländer (Mitte) im Gespräch.

„Ist das alles wirklich passiert?“ Die zwölf Sechstklässler aus der Christenlehregruppe von Katechetin Kerstin Blümel konnten sich nicht vorstellen, ...

„Ist das alles wirklich passiert?“ Die zwölf Sechstklässler aus der Christenlehregruppe von Katechetin Kerstin Blümel konnten sich nicht vorstellen, dass die Geschichte der aus Berlin stammenden Jüdin Margot Friedländer wirklich wahr sein soll. Sie trafen die 91-Jährige in Berlin zu einem Zeitzeugengespräch zum Thema Holocaust. Kerstin Blümel lernte Margot Friedländer im vergangenen Frühling in Berlin kennen, und da sie in jedem Jahr mit den Sechstklässlern zum Abschluss das Thema der Judenverfolgung behandelt, nutzte sie die Chance und bat die Berlinerin um ein Gespräch mit den Kindern. Es fand vor der alljährlichen Abschlussfahrt nach Hitzacker statt. Dort werden sich die Schüler noch viel intensiver mit dem Judentum beschäftigen, Bücher zu diesem Thema lesen und in das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme fahren.
Margot Friedländer ist Autorin des Buches „Versuche, dein Leben zu machen“, in dem sie ihre Lebensgeschichte, ihre Flucht vor der Gestapo und das Leben im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt verarbeitet hat. Den Titel des Buches wählte sie, weil dieser Satz der letzte war, den ihre Mutter ihr mitteilen konnte, bevor sie von der Gestapo nach Auschwitz deportiert wurde. Von diesem Zeitpunkt an schlug sich Margot Friedländer in Berlin allein durch. Sie hatte 16Fluchthelfer und entkam der Gestapo dreimal, bevor man sie 1944 auf der Straße aufgriff und nach Theresienstadt brachte. Sie überlebte das Konzentrationslager und wanderte nach Kriegsende in die USA aus. 2010 entschloss sie sich, nach Berlin zurückzukehren, um vor allem Jugendlichen und Kindern aus ihrem Leben zu erzählen. Sie wolle die Menschen informieren, damit so etwas Schreckliches nie wieder passiere – auch im Namen derjenigen, die nicht mehr darüber sprechen können, so Kerstin Blümel. „Und mir ist es wichtig, dass die Kinder mit Zeitzeugen sprechen, damit sie die Möglichkeit haben, ganz spezifische Fragen zu stellen, die nur Menschen beantworten können, die diese Zeit wirklich durchlebt haben.“
So berichtete die Berlinerin, wie sie die Todesmärsche durch Theresienstadt ziehen sah und erst zu diesem Zeitpunkt begriff, was mit den deportierten Menschen geschehen war und dass sie ihre Familie niemals wiedersehen wird. Sie erzählte, dass alles, was sie nach dem Krieg behalten habe, der Judenstern, eine Kette, ein Adressbuch und ein paar Fotos gewesen seien. Und Margot Friedländer schaffte es, die Kinder zu fesseln. Ganz aufmerksam hörten sie zu, waren einerseits fasziniert vom Mut der Frau, andererseits schockiert, zu welch schrecklichen Taten Menschen fähig sind. Und so brannte Lasse Lorenz am Ende des Gesprächs noch eine Frage auf der Seele: „Glauben Sie an Gott?“ Nach einem kurzen Moment des Schweigens antwortete die Frau: „Ja. Trotz alledem.“