Unsere Themenseiten

:

Zwei Welten gehen aufeinander zu

Die zweite gemeinsame Probe von Gebärdenchor und Forstchor führte die Ensemblemitglieder nach Alt Placht ins Kirchlein im Grünen, wo am 12. Mai das öffentliche Konzert beider Chöre stattfindet.  FOTO: Maika Skoupy

„Lauter drehen nützt nichts. Da ist kein Ton.“ Tatsächlich mutet das Video, auf dem zwei Männer zu sehen sind, die ganz offenbar gebärdenreich etwas ...

„Lauter drehen nützt nichts. Da ist kein Ton.“ Tatsächlich mutet das Video, auf dem zwei Männer zu sehen sind, die ganz offenbar gebärdenreich etwas vortragen, wie ein Stummfilm an. Peter Ullrich schmunzelt und freut sich insgeheim, dass die Vorführung die erwartete Wirkung bei seinem Gegenüber auslöst hat. Menschen, die es gewohnt sind, sich über ihre Sprache mitzuteilen, kommt diese Szene unwirklich und befremdlich vor. Doch die beiden Männer in dem Film tragen etwas vor, was in der Welt der Sprechenden und Hörenden am ehesten mit dem Begriff „singen“ zu vergleichen ist. Sie sind taubstumm, weshalb ihnen „nur“ die Gebärdensprache bleibt.
Peter Ullrich, Leiter des Forstchores Templin, kennt das irritierende Gefühl bereits seit vergangenem Jahr. So weit reicht seine erste Begegnung mit Mitgliedern des Berliner Gebärdenchores zurück. Zusammengeführt hat sie Projektleiter Julian Gröger von der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. „Die Stiftung war im Herbst 2012 auf Hannelore Horn, unsere Vereinsvorsitzende, und mich mit einer Projektidee zugekommen, die wirklich ungewöhnlich schien“, erinnert sich der Templiner. Kein Wunder, beabsichtigt das Projekt MOSAIK, das für Märkische Orte für Soziale, Arbeitsmarktpolitische und Interkulturelle Kompetenz steht, die Interaktion von Menschen aus scheinbar ungleichen Welten – zum Beispiel von Hörenden und Gehörlosen. Die Wahl der Stiftung fiel auf den Forstchor Templin, ein Gesangsensemble mit 35 Mitgliedern, die sich in ihren Liedern mit Worten und Melodien ausdrücken, und das Berliner Gebärdenensemble mit seinen sechs Mitgliedern, die sich über Gestik und Mimik mitteilen.

Von Anfang an findet Peter Ullrich die Idee faszinierend. Sofort lotet er im Kopf die Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten aus. Doch statt dass er Antworten findet, stellen sich ihm zunächst Fragen. „Ich habe mir plötzlich Gedanken darüber gemacht, was Taubstumme eigentlich können. Können sie sprechen? Wie nehmen sie das wahr, was wir als Sprache kennen, die doch eigentlich Hören voraussetzt?“, entsinnt er sich. Er findet heraus, wie Gebärdensprache funktioniert, dass nicht jedes Wort eines gesprochenen Satzes „übersetzt“ werden muss, damit sich Taubstummen der Sinn erschließt. Er bittet Wolfgang Mescher, den Leiter des Berliner Gebärdenchores, ihm Material ihrer „Gebärdenpoesie“ wie sie ihre Auftritte – beispielsweise bei Gottesdiensten – nennen, zur Verfügung zu stellen. Das Video mit dem Frühlingslied sowie eine detailreiche Erklärung über die Bedeutung jeder einzelnen Gebärde bildet schließlich die Grundlage für eine Idee, die Peter Ullrich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat.

„Ein gemeinsamer Auftritt, bei dem die Berliner Ausschnitte aus ihrem Programm zeigen und wir Lieder aus unserem Repertoire singen, wäre sicher einfach zu organisieren gewesen. Doch ich wollte schon etwas mehr“, erzählt der Musiker. Und so setzt er sich hin, nimmt zunächst den Text des Gebärdenchores und bringt ihn in eine sprachlich verständliche Liedform. Er komponiert dazu eine Melodie und erarbeitet schließlich einen kompletten Chorsatz für seine Sangesfreunde. Und so eröffnet sich beiden Ensembles die Möglichkeit, das gesamte Werk in einem gemeinsamen Konzert vorzutragen: der Forstchor singend und die Berliner mit ihren Gebärden. Was einfach klingt, erweist sich in der Realität als echte Herausforderung. Nicht nur in musikalischer Hinsicht. Neben Euphorie schwingen bei einigen der Forstchormitglieder nämlich auch Berührungsängste mit, die etwa in der eigenen Ungewissheit begründet sind, wie die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden funktionieren soll. Womit sich der Kreis zum eigentlichen Ziel des Projektes schließt, der die so unterschiedlichen Menschen zwingt, einfache Mittel und Wege im Umgang miteinander zu finden.

Am Ende hilft allen Beteiligten nur, was sie alle kennen: unermüdliche Probenarbeit. Zwei Termine werden anberaumt. Der erste am 8.April führt die Templiner in die St. Lukas-Kirche im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Schon nach kurzer Zeit ist das Eis zwischen beiden Seiten gebrochen. Die Mitglieder beider Ensembles haben schließlich ganz andere Probleme. Sie müssen Gesang, Melodie und Gebärden miteinander koordinieren. „Um das gegenseitige Verstehen und Verständnis zu verbessern, wurden zusätzliche Übungen eingebaut. Zum einen trugen die Gehörlosen einige Lieder mit ihren Gebärden vor, und die Sängerschar musste erraten, was sie damit ausdrückten. Und der Forstchor trug ein paar Lieder vor, die Gebärdendolmetscher übersetzten den Inhalt“, beschreibt Jürgen Hildebrandt, Sänger im Forstchor Templin, die Probenarbeit.
Bei einem zweiten Treffen am 20. April sind die Berliner in Templin zu Gast. Die Probe führt sie und die Frauen und Männer des Forstchores nach Alt Placht zum Kirchlein im Grünen, in dem am 12. Mai auch das gemeinsame Konzert stattfinden wird. Dort gehen beide Ensembles das gesamte Programm durch, was sie am Konzerttag vortragen wollen. Nun wächst in beiden Ensembles die Anspannung und die Frage steht im Raum, wie wohl das Publikum auf das „Experiment“ reagiert. Aus der Sicht der beiden Chöre jedenfalls ist es gelungen. Während die Sängerinnen und Sänger des Forstchores Templin fasziniert sind, wie Gehörlose mit ihrer Umwelt kommunizieren, haben die Mitglieder des Gebärdenchores ein Gefühl dafür entwickelt, wie sich ihre Gebärdenpoesie in Musik verwandelt.