DEPRESSIONEN

12.000 Follower hat "mummymatilda" auf Instagram

Michele Retzlaff hat Depressionen. Doch die 25-Jährige steht dazu. Der Blog der Uckermärkerin ist ein Selbstläufer geworden, der nicht nur ihr hilft.
Michele Retzlaff lächelt mit ihren Töchtern in die Kamera. Doch der Schein trügt, sagt die 25-Jährige. In
Michele Retzlaff lächelt mit ihren Töchtern in die Kamera. Doch der Schein trügt, sagt die 25-Jährige. In ihrem Inneren sieht es oft trostlos und düster aus, selbst wenn draußen die Sonne scheint. Privat
Prenzlau.

Michele Retzlaff passierte in der Kindheit das, was heutzutage auf deutschen Schulhöfen fast schon normal zu sein scheint. Sie wurde gemobbt, wann immer die Lehrer nicht hinsahen. Was genau der Auslöser dafür war, kann die Uckermärkerin nicht mal sagen: „Es fing so im Grundschulalter an. Und es gab eigentlich nichts, was mich zum typischen Opfer gemacht hätte. Irgendwann ging es los. Ich wurde plötzlich rausgepickt.” Mit schlimmen Folgen – bis heute leidet die junge Frau unter dem, was vor über einem Jahrzehnt geschah. Die Grausamkeit ihrer Mitschüler führte beispielsweise dazu, dass sie ihre Schullaufbahn nicht wie geplant beenden konnte. „Ich habe mich niemandem anvertraut, sondern bin immer öfter krankheitsbedingt dem Unterricht ferngeblieben. Meistens hatte ich so dolle Bauchschmerzen, dass ich kaum aufstehen konnte.”

Viele Klinikaufenthalte

Das Ganze manifestierte sich im Alter von 14 Jahren. In der Pubertät rebellierte ihr Körper total, die Seele hatte da längst Schaden genommen, wie die zweifache Mutter heute weiß. Es folgten unzählige Krankenhausaufenthalte. Auch in den psychiatrischen Abteilungen wurde Michele Retzlaff Stammgast.

Gut zehn Jahre lang zog sich der Leidensweg der heute in Schwedt beheimateten jungen Frau. Ihre Depressionen ist die 25-Jährige nicht losgeworden. „Ich habe das jetzt aber besser im Griff”, beschreibt sie ihre momentane Lebenssituation. Dabei geholfen hätten ihr vor allem ihre beiden Kinder, resümiert sie nachdenklich.

Töchter haben mental geholfen

Die Alleinerziehende gesteht, dass sie nicht wisse, was sie getan hätte, wenn es ihre beiden Töchter nicht gäbe. Die zwei und vier Jahre alten Mädchen seien der Hauptgrund für sie, morgens aufzustehen und ihren Alltag zu meistern. „Sie sind mein größtes Glück und mein Antrieb”, schwärmt die angehende Verkäuferin.

Auch, um ihnen ein Vorbild und eine Stütze zu sein, habe sie den Schulabschluss nachgemacht und dann eine Lehre begonnen, setzt sie nachdenklich hinzu. Michele Retzlaff ist bewusst, dass ihr Schicksal kein Einzelfall ist, sondern dass sich Lebensläufe wie der ihre ganz oft wiederholen. Seit die Mama von Emma und Lotta auf der Plattform Instagram über ihre Erfahrungen und Erlebnisse – auch im Umgang mit der Depression – schreibt, hat sie viel Zuspruch erfahren.

Über 12 000 Follower

Folgten erst knapp 500 Menschen ihrem Blog namens „mummymatilda” auf Instagram, so hat sie mittlerweile über 12 000 Follower. Posts wie dieser werden oft hundertfach geliked und oft kommentiert: „Was seht ihr auf dem Bild? Mich, eine lachende Frau mit einer positiven Ausstrahlung. Doch dem ist nicht so, denn oft trügt der Schein. Ihr fragt euch sicherlich, weshalb es hier in letzer Zeit so ruhig ist, und ich möchte euch darauf eine Antwort geben. Im Moment geht es mir einfach nicht so gut, seit vielen Wochen plagt mich unendliche Müdigkeit, ich fühle mich kraftlos und total schlapp. Der Haushalt bleibt liegen und selbst der Gang zur Toilette fällt mir schwer. Ich kann mich nicht aufraffen, etwas zu erledigen. Für mich erscheint im Moment alles sinnlos und hoffnungslos. Ich fühle nur noch Leere.

Doch eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch. Ich gehe gerne raus und unternehme etwas mit meinen Kindern. Ich liebe es, unsere Wohnung zu gestalten und zu dekorieren. Doch im Moment fehlt mir einfach die Kraft dazu. Nein, es gibt keinen Schicksalsschlag, der das alles ausgelöst hat. Es kam einfach so.

Überwältigendes Feedback

Wisst ihr, was das Schlimme daran ist? Es kostet eine echte Überwindung, davon zu erzählen und sich einzugestehen, dass man unter Depressionen leidet. Wenn man dann noch gesagt bekommt: 'Ach, nun halte mal die Luft an. Spinn dir keinen ab oder übertreibe doch nicht', macht es die Sache nur noch schlimmer. Man fühlt sich nicht verstanden und alleine. Und so geht es vielen Menschen da draußen. Ich möchte euch zeigen, dass ihr nicht alleine damit seid, dass sich niemand dafür schämen muss, weil man es sich nicht aussuchen kann... An alle Betroffenen – fühlt euch gedrückt. Ihr seid nicht allein.”

Nach Botschaften wie dieser bekommt Michele Retzlaff oft unzählige Zuschriften. „Manche machen wir Mut, andere erzählen mir ihre eigene Leidensgeschichte”, beschreibt die junge Frau das überwältigende Feedback auf ihre Seelenstriptease. Sie selbst merke wiederum, wie gut es ihr tue, über ihre Probleme zu sprechen und dass die der enorme Zuspruch wieder aufbaue. „Wir müssen uns nicht verstecken, nur weil wir depressiv sind. Das ist eine Krankheit wie jede andere. Nur dass man lange nicht darüber geredet hat. Damit ist jetzt Schluss.”

 

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